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Marlies Krämer vor dem BGH.

"Kundin"

BGH-Urteil geht an der Realität vorbei

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Frauen haben kein Recht auf Ansprache in Formularen. Mit diesem Urteil hält der BGH fest an einer Zeit, als allein Männer Verträge machten. Unser Kommentar.

Für die einen ist der Kampf von Marlies Krämer, die von ihrer Sparkasse als „Kundin“ und nicht als „Kunde“ bezeichnet werden will, ein weiterer Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Für die anderen ist er die Flause einer Feministin, über die man müde lächeln oder wütend die Faust schütteln kann. 

Eine Entscheidung zu Krämers Gunsten hätte nach Einschätzung von Experten alle anderen Vertragsformen auf den Kopf stellen können. Der Bundesgerichtshof hat jetzt allerdings gegen Krämer entschieden: Frauen haben kein Recht auf eine weibliche Ansprache in Formularen. Das von der Sparkasse verwendete generische Maskulinum, das beide Geschlechter anspricht, benachteilige Frauen nicht. 

Der Verweis auf das generische Maskulinum ist fadenscheinig. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das verallgemeinernde Maskulinum – also die Ansprache von mehreren Personen zum Beispiel als „Arbeitgeber“ statt „Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen“ – mag umstritten sein, aber es ist ein Mittel, um Texte lesbar und ästhetisch zu halten. Auch für Journalisten ist es oft ein Segen. Aber es wird in der Regel nur dort verwendet, wo man eine Gruppe anspricht oder über eine Gruppe spricht, die gemischtgeschlechtlich ist. 

 

Das ist hier nicht der Fall. Marlies Krämer ist eine einzelne Person. Und sie besteht auf etwas Selbstverständlichem: Sie möchte in Formularen, die sie betreffen, als das bezeichnet werden, was sie ist. Das ist zuerst einmal eine Frage der Präzision – die gerade Verträgen und Bankunterlagen zu eigen sein sollte. Es geht hier schließlich nicht um die Umdichtung der Weltliteratur.

Der BGH aber hält fest an einer Zeit, als allein Männer Verträge machten, die Konten führten, die Wirtschaft lenkten. Dieser Pragmatismus geht nicht nur an der Gleichberechtigung vorbei, sondern vor allem: an der Realität. 

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