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Armin Laschet (ganz rechts) steht für einen gemäßigten Mitte-Kurs. Sollte er CDU-Chef werden, will er Jens Spahn (links von ihm) zum Stellvertreter machen.

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Das Bewerberfeld sortiert sich

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Im Rennen um den CDU-Vorsitz verschafft sich NRW-Ministerpräsident Laschet einen zeitlichen Vorsprung vor Konkurrent Merz – und holt sich Gesundheitsminister Spahn an seine Seite.

Manchmal entscheiden ein paar Stimmen über einen Vorsprung und manchmal ein paar Stunden. Bei der CDU ist es am Dienstag die Uhr, die aus einem Triumphator einen Nachzügler macht. Und das liegt daran, dass zwei Konkurrenten sich nicht nur einigen, sondern das auch noch bis zum letzten Augenblick geheim halten und dann sehr schnell sind.

Der Startschuss für das erneute Rennen um den CDU-Parteivorsitz, das dieses Mal ausdrücklich auch ein Wettbewerb um die Kanzlerkandidatur ist, fällt am Dienstag um 8.30 Uhr, zwei Wochen und einen Tag nach der überraschenden Rückzugsankündigung der bisherigen Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Für 11 Uhr hat Friedrich Merz an diesem Tag zu einer Pressekonferenz geladen, um seine Kandidatur für den Parteivorsitz zu erklären. Es soll sein Tag werden, am Abend vorher war er beim CDU-Heringsessen in Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern und ist dort gefeiert worden, ein guter Einstieg eigentlich. Aber dann kommt etwas dazwischen.

Kurzfristig laden auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Berlin zu einer Pressekonferenz. „Zur Zukunft der CDU Deutschlands“ ist der Titel. Und aus der NRW-CDU sickert durch: Die Zukunft der CDU heißt Laschet, zumindest aus Sicht der beiden. Spahn, der als Interessent galt und als Talent sowieso, der sich 2018 schon einmal um den Parteivorsitz beworben hatte, stellt sich nicht an die Seite von Merz, der im letzten Wettbewerb genauso wie Spahn den eher konservativen Parteiflügel angesprochen hat, sondern an die Seite von Laschet, der für einen gemäßigten Mitte-Kurs steht.

Spahn und Laschet terminieren ihren Auftritt anderthalb Stunden früher als Merz. Sie haben den ersten Aufschlag an diesem Tag. Und sie sind die Überraschung. Viel ist in der CDU in den vergangenen Tagen von einem Team gesprochen worden – die Erwartung allerdings, dass einer der möglichen Interessenten zurückziehen würde, war eher gering. Es scheine, als ob alle mit einem Team leben könnten, so lange sie die Nummer eins seien, wurde in der CDU gespottet. Und der Spott klang oft ratlos und verzweifelt.

Nun haben sich zwei geeinigt, die sich ergänzen können. Der 59-jährige Laschet will CDU-Chef werden, den 39-jährigen Spahn hat er als Stellvertreter nominiert, für die Kronprinzenrolle sozusagen. In der Pressekonferenz lässt Laschet Spahn erstmal den Vortritt.

Der hält eine Rede, mit der er auch seinen Griff nach dem Parteivorsitz begründen könnte. Aber er begründet damit seinen Verzicht. Und dafür benutzt er Superlative. „Wir befinden uns als CDU in der größten Krise unserer Geschichte“, sagt Spahn. Die Partei habe Vertrauen verloren, auch weil sie zu viel über Personal diskutiert habe und sich in internen Streitereien aufgerieben habe. „Wir haben vergessen, dass wir dieses Land regieren“, sagt Spahn. „Wir müssen mehr denn je zusammenstehen.“ Ein erneuter Kampf um den Parteivorsitz sei daher nicht so eine gute Idee.

„Das bedeutet auch, dass jemand zurückstecken muss“, sagt Spahn. „Wenn alle ihre persönlichen Ambitionen absolut stellen, ist Zusammenarbeit und Zusammenhalt schwierig.“ Und er sagt auch noch: „Die CDU ist größer als jeder Einzelne von uns.“ Es ist eine elegantere Art, den Konkurrenten Ego-Trips vorzuwerfen.

Für Laschet hat Spahns Auftritt den Vorteil, schon vor seinen ersten Worten etwas Lobpreis zu bekommen. Laschet führe den größten CDU-Verband und regiere das größte Bundesland, sagt Spahn. Und er habe es geschafft, „diese Partei zusammenzuführen führen und alle einzubinden“. Spahn fügt hinzu: „Auch mich.“

Laschet schmunzelt. Er schmunzelt und lacht überhaupt viel an diesem Tag, der ernste Konsequenzen haben kann – nämlich die, dass er in zwei Jahren und ein paar Meter weiter ins Kanzleramt einzieht und dann nicht nur nordrhein-westfälische Krisen bewältigen muss, sondern auch internationale.

Seine Unterstützer finden, er verbreite Leichtigkeit. Er sei „das freundliche Gesicht der CDU“. Und so eines könne man brauchen. Wie gut positive Ausstrahlung funktioniere, sehe man ja derzeit an den Grünen. CSU-Chef Markus Söder versucht aus dem selben Grund sein Polter-Image loszuwerden. Auch Jens Spahn, der sich zuweilen mit heftiger Kritik an Angela Merkels Flüchtlingspolitik hervorgetan hat, sagt in der Pressekonferenz, beim Thema Migration müsse man „auch positive Geschichten erzählen“.

Zusammenhalt und Positives, das ist auch Laschets Geschichte. Aber erstmal beginnt er mit den Sorgen, nicht der CDU, sondern des Landes. „Wir sind wirtschaftlich stark und erfolgreich. Und trotzdem gibt es so viel Unzufriedenheit, so viel Wut, so viel Hass“, beginnt er. Es gebe Ängste vor sozialem Abstieg, vor Migration und vor dem Klimawandel. Und auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte hätten Angst in Deutschland, genauso wie Juden. Bewährte Institutionen wie die Justiz und die Pressefreiheit würden in Frage gestellt. „Unser Land braucht mehr Zusammenhalt, mehr Zuversicht“, sagt er.

Wie das gehen soll? So wie in Nordrhein-Westfalen, findet Laschet und spricht ein bisschen länger über schnellere Züge, die Leute eher von der Bahn überzeugten als eine geringere Mehrwertsteuer auf Bahntickets. Die hat die Bundesregierung vergangenes Jahr als großen Erfolg des Klimapakets gefeiert. Aber nein, Laschet sagt, er wolle nicht abrechnen. „Unser Angebot richtet sich nicht gegen Angela Merkel. Es geht hier nicht um einen Bruch.“ Mit ihm als Parteichef werde die Koalition in Berlin nicht vorzeitig enden. „Wir richten uns ein auf die Zeit nach 2021.“

Und warum geht das alles dann nicht gemeinsam? Er habe mit allen gesprochen, sagt Laschet. „Ich bedauere, dass sich nicht alle Kandidaten dem Teamgedanken anschließen konnten.“ Sehr kühl klingt der sonst freundliche Laschet da. Er ist der Teamplayer, die Konkurrenten die Verweigerer. Er wischt sie mit kurzen Bemerkungen zur Seite. Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, dessen Kandidatur ebenfalls auf die gemäßigteren Kreise der CDU zielt und der während der Pressekonferenz twittert, er werde mit einer Frau gemeinsam antreten: „Theoretische analytische Betrachtungen der Weltlage“ reichten nicht aus. Friedrich Merz habe andere Vorstellungen gehabt, und im Übrigen sei er, Laschet, „nicht hineingeschneit“ in die Politik.

„Ich spiele auf Sieg“, sagt Friedrich Merz. Odd ANDERSEN/afp

Dann schneien Laschet und Spahn heraus aus dem Pressekonferenz-Saal, zehn Minuten vor Merz’ Termin – lieber keine gemeinsamen Fotos. Merz nimmt an Laschets Stelle Platz, mit Pressesprecher statt Teamkollege. Er strahlt für die Fotografen, dann verdüstert sich die Miene. „Diese Entscheidung ist eine Richtungsentscheidung“, sagt er. Laschet stehe für Kontinuität und weiter so. „Ich stehe für Aufbruch und Erneuerung der CDU.“ Keine Rede ist da von Gemeinsamkeit und Konsens. Teamfähigkeit? „Ich habe mein Leben lang in Teams gearbeitet“, sagt Merz, seine Anfangsnervosität ist mittlerweile verflogen. „Aber ein Team muss geführt werden.“

Kramp-Karrenbauer hat am Montag erklärt, alle Kandidaten hätten versichert, im Fall ihrer Niederlage weiter mitzuarbeiten in der CDU. Merz sagt, er hätte sich vorstellen können, dann Partei-Vize zu werden. Es ist der Posten, den er nach der Niederlage gegen Kramp-Karrenbauer ausgeschlagen hat. Diesen Platz habe Laschet ja nun an Spahn vergeben, sagt Merz und klingt ein bisschen beleidigt. „Das hat sich heute also erledigt. Damit ist klar: Ich spiele auf Sieg, nicht auf Platz.“ Das heißt nichts anderes als: Wenn es wieder nicht klappen sollte, ist Merz wieder weg.

Eigentlich, findet Merz, ist er schon jetzt die Nummer 1. Schließlich habe er den Parteivorsitz 2018 auf dem Parteitag nur um 16 Stimmen verfehlt. „Wenn ich eine bessere Rede gehalten hätte, hätte ich eine Mehrheit gehabt.“ Und jetzt seien die Chancen viel besser. Er kenne mehr Leute in der CDU, seine Umfragewerte seien gut.

Der Aufbruch, den er vermitteln will, besteht aus den Punkten Vertrauen in den Rechtsstaat, Wirtschaftspolitik etwa mit Anreizen für junge Unternehmen und mehr Europa. Es klingt ähnlich wie bei Laschet. Eine Frau als Generalsekretärin kündigt Merz noch an, der zuletzt Ärger bekommen hat für einen Witz mit Frauennamen. Und er sagt, er wolle die CDU zu einer „Partei der jungen Generation“ machen, etwa über eine Reform der Altersversorgung. Die Junge Union, die das auch fordert, hat sich noch nicht für einen Kandidaten entschieden.

In einem übrigens ähneln sich die Kandidaten durchaus. Kramp-Karrenbauer hat ihren Rückzug auch mit der mangelnden Loyalität in der Partei erklärt. An dem Scheitern der Vorsitzenden, versichern sie beide, seien sie nun wirklich überhaupt nicht schuld. Im Gegenteil, das sei natürlich höchst bedauerlich.

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