Auf den anstehenden Alterungsschub seien die Sozialsysteme schlecht vorbereitet, kritisieren Experten.
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Auf den anstehenden Alterungsschub seien die Sozialsysteme schlecht vorbereitet, kritisieren Experten.

Ruhestand

Bewegung in der Rentendebatte

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
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Dass die Deutschen erstmals seit Jahren wieder früher in den Ruhestand gehen, muss die Regierung beunruhigen. Die Rente mit 67 soll das tatsächliche Rentenalter anheben, um das System zu stabilisieren.

Die Bundesbank hat einen Stein ins Wasser geworfen, und plötzlich ist Bewegung in der Rentendebatte. Zwar urteilte SPD-Chef Sigmar Gabriel flugs, die geforderte Heraufsetzung des Rentenalters auf 69 Jahre im Jahr 2060 an sei „eine bekloppte Idee“. Doch Berechnungen des Prognos-Institutes und des Mannheimer Wirtschaftswissenschaftlers Axel Börsch-Supan machen deutlich, dass Gabriels Forderung, das Rentenniveau anzuheben, kaum realistischer ist. Damit sortieren sich langsam die Vorschläge, mit denen sich die Experten beim Rentendialog des Sozialministeriums beschäftigen.

„Der Vorschlag nimmt die aktuelle rentenpolitische Diskussion gar nicht zur Kenntnis“, kritisierte der Rentenexperte Bert Rürup am Wochenende den Vorstoß der Frankfurter Währungshüter. Zugleich aber nahm er die große Koalition in die Mangel: Es sei „ein Versäumnis der Regierung, dass sie sich immer noch scheut, sich mit den Problemen des Ende dieses Jahrzehnts beginnenden zweiten Alterungsschubs auseinanderzusetzen“. Tatsächlich enden alle offiziellen Vorausberechnungen im Jahr 2029.

Unter dem Eindruck der aktuell guten Finanzlage der gesetzlichen Alterskassen hatte die große Koalition die Rente mit 63 beschlossen. Wer 45 Versicherungsjahre nachweisen kann, darf ohne Abschläge vorzeitig in den Ruhestand wechseln. Nun zeigen sich erste Auswirkungen: Nachdem das durchschnittliche Rentenalter in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen war, ist es 2015 nach einem Bericht des Nachrichtenmagazin „Spiegel“ von 64,1 auf 64,0 Jahre gesunken.

Wenig glaubhafte Versprechen

Das klingt zunächst eher harmlos. Doch die Trendumkehr muss die Regierung beunruhigen. Eigentlich soll mit der Rente mit 67 wegen der Alterung der Gesellschaft nämlich das tatsächliche Rentenalter angehoben werden, um das System zu stabilisieren. Wenn die Entwicklung nun in die andere Richtung läuft, droht das langfristige Ziel verfehlt zu werden. Vor diesem Hintergrund mutet es tatsächlich kurios an, über eine weitere Heraufsetzung des Rentenalters von 67 auf 69 Jahre ab 2030 zu debattieren.

Doch auch die aus allen Parteien zu hörenden Versprechen, das aktuelle Rentenniveau von 48 Prozent zu halten oder gar zu erhöhen, sind wenig glaubhaft. Das Prognos-Institut hatte bereits in der vergangenen Woche errechnet, dass ein Verzicht auf die beschlossenen Einschnitte bereits im Jahr 2030 mit jährlich 26,7 Milliarden Euro zu Buche schlagen würde. Wirtschaftswissenschaftler Börsch-Supan beziffert nun in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Mehrausgaben im Falle einer Anhebung des Rentenniveaus auf 50 Prozent gar auf 41 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2060 würde nach seinen Berechnungen der Beitragssatz von heute 18,7 auf 27,5 Prozent steigen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es unwahrscheinlich, dass Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) im Herbst eine generelle Abkehr von den rot-grünen Rentenreformen vorschlägt. Ein um wenige Prozentpunkte höheres Rentenniveau wäre zudem nicht nur äußerst teuer, es hätte auch enorme Streuverluste und würde den Empfängern von sehr niedrigen Renten kaum etwas bringen.

Rürup empfiehlt daher, die tatsächlich von Altersarmut Betroffenen genauer in den Blick zu nehmen. So gehe es darum, „wie man mit den Solo-Selbstständigen und Langzeitarbeitslosen umgeht“. Außerdem müsse man sich mit den langfristigen Armutsrisiken einer Erwerbsminderung in jungen Jahren beschäftigen. In diese Richtung dürften auch die Überlegungen im Hause Nahles gehen. Der Haken ist nur: So plakativ wie eine Anhebung des Rentenniveaus lässt sich das im Wahlkampf nicht verkaufen.

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