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Ein Transportflieger wirft über der Stadt Nyal im Südsudan Lebensmittelpakete ab.

Friedensnobelpreis

Bewahrer humanitärer Grundsätze der Welt

  • vonThomas Borchert
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Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen erhält den Friedensnobelpreis.

Es sollte wohl die Programmerklärung für den diesjährigen Friedensnobelpreis sein: „Die Notwendigkeit von internationaler Solidarität und multilateraler Kooperation ist offensichtlicher als je zuvor.“ Die Komitee-Vorsitzende Berit Reiss-Andersen sagte den Satz, noch ehe sie die Entscheidung für das Welternährungsprogramm (World Food Programmen, WFP) der UN im Osloer Nobelinstitut verkündete. Nachdem sie die zentrale Rolle des Hungers als Auslöser von Krieg und Gewalt sowie auch als bewusste Kriegstaktik klar und einleuchtend erklärt hatte, ging die Norwegerin auch auf die Corona-Pandemie als aktuellen Hintergrund für die diesjährige Preisvergabe ein: „Als Folge des Virus können viele Menschen sich nicht mehr ausreichend Lebensmittel beschaffen. Auch die Pandemie zeigt uns, dass multilaterale Zusammenarbeit absolut notwendig ist, um globale Herausforderungen zu bewältigen.“ Wer wollte dem widersprechen?

Allein 2019 habe die UN-Organisation 100 Millionen Menschen in 88 Ländern, bedroht „von akuter Lebensmittelknappheit und Hunger“, beigestanden, hieß es in der Begründung. „Wo andere nicht mehr hinkommen, in Länder wie Syrien, Nordkorea und vor allem auch Jemen, arbeitet das WFP weiter auf hohem Niveau,“ ergänzte die Komiteechefin und teilte dann – allerdings ohne Nennung von Namen – gegen jene politischen Kräfte aus, die diese Arbeit torpedieren: „Multilateraler Zusammenarbeit wird in diesen Tagen nicht mehr der nötige Respekt entgegengebracht.“ Nach Überzeugung des Nobelkomitees seien es die Vereinten Nationen und deren Unterorganisationen, die in dieser Lage „eine Schlüsselrolle bei der Bewahrung humanitärer Grundsätze in der Welt spielen“.

Genau wegen dieses Hintergrunds und mitten in der Corona-Pandemie hatte eigentlich die UN-Gesundheitsorganisation WHO ganz oben auf der Favoritenliste für den prestigeträchtigsten Preis der Welt gestanden. Noch vor den „Reportern ohne Grenzen“ und anderen Verteidigern von Presse- und Meinungsfreiheit gegen autoritäre Regierungen und „soziale Medien“ mit ihre Fake News und Internet-Trollen. Und selbst vor Greta Thunberg mit dem Klimakampf. Es klang so logisch: Wenn nicht jetzt für die WHO – wann denn dann?

Dass es anders kam, dürfte nicht nur an der wie üblich am 1. Februar – also vorm Ausbruch der Pandemie – abgelaufenen Nominierungsfrist für den Nobelpreis liegen: Bei einer Entscheidung für die WHO wären Reiss-Andersen und ihr Komitee wohl nicht um die Nennung von Namen herumgekommen. Hatte doch Donald Trump in seinem Kreuzzug für „America First“ und gegen „den Multilateralismus“ der Welt die Vereinigten Staaten als Hauptbeitragszahler aus der von ihm als zu chinafreundlich verdammten WHO abgemeldet. Trumps Herausforderer Joe Biden will im Fall des Wahlsiegs am 3. November fix den Wiedereintritt verfügen.

Keine vier Wochen vor den Präsidentschaftswahlen also hätte eine Preisvergabe an die WHO auf der anderen Seite des Atlantik als Beitrag zum Wahlkampf sicherlich heftige Kontroversen ausgelöst. So klangen die Begründungen für das Welternährungsprogramm doch unverfänglicher, auch wenn sie mit dem Anprangern von „zunehmenden Angriffen auf universelle Menschenrechte durch Populismus mit nationalistischem Beigeschmack“ über weite Strecken direkt auf Trump gemünzt schienen.

Sie hoffe nicht, dass sich irgend jemand durch den diesjährigen Friedenspreis provoziert fühle, sagte Komiteechefin Reiss-Andersen der coronabedingt auf sieben Medienvertreterinnen und -vertreter geschrumpften Pressekonferenz. Vielleicht war’s eine Floskel, vielleicht kam der Satz aber auch von Herzen, nachdem sich die Preisvergabe 2019 an den jungen äthiopischen Premier Abiy Ahmed in Rekordzeit als Flop erwies. Ahmed wurde „zur Ermutigung“ als forscher Reformer für friedliche Versöhnung in seinem Land ausgezeichnet und hat sich seitdem Zug um Zug mehr als autoritärer Verfechter von Gewalt und Unterdrückung erwiesen.

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