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Bettelarm, aber hilfsbereit

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Von: Thomas Roser

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Moldau, Palanca: Moldawische Grenzschützer kontrollieren am Grenzübergang in Palanca Kriegsflüchtlinge aus der benachbarten Ukraine.
Moldau, Palanca: Moldawische Grenzschützer kontrollieren am Grenzübergang in Palanca Kriegsflüchtlinge aus der benachbarten Ukraine. © dpa

Die Republik Moldau empfängt ukrainische Kriegsflüchtlinge mit offenen Armen. Obwohl die meisten Menschen im Landstreifen selbst kaum etwas haben.

Ein kalter Wind streicht in Palanca über die Schneereste auf den fahlgrauen Feldern. Fröstelnd, aber lächelnd trägt die Frau mit der Pudelmütze ihre Hündin an der Schranke vorbei, über die ukrainisch-moldauische Grenze.

„Fanta ist wie ich ein Flüchtling aus Kiew“, stellt Viktoria ihre vierbeinige Begleiterin vor. Drei Tage hätten die beiden in einem Kiewer Bunker ausgeharrt, erzählt die junge Designerin: „Es war für mich eine schwierige Entscheidung, zu gehen. Aber es ging darum, mein Leben zu retten.“An der Grenze zu Polen sei der Andrang zu groß. Die nur 50 Kilometer von Odessa entfernte moldauische Grenze sei ohnehin die nächste gewesen: „Über die Moldau kommt man im Moment am leichtesten aus der Ukraine raus.“

Mehr als 300.000 Menschen flohen in das kleine Land

Ausgerechnet ein von Abwanderung und Bevölkerungsschwund geplagtes Land wird zum Ziel vieler Flüchtlinge. Mehr als 300 000 Menschen aus der Ukraine haben seit Kriegsausbruch in dem mit 2,5 Millionen Einwohner:innen kleinsten Nachbarland bereits Zuflucht gesucht. Mit mehr Hilfesuchenden ist zu rechnen: Wenn die Kämpfe um die nahe Millionenstadt Odessa intensiver werden, kommen viel mehr Flüchtlinge in einen der ärmsten Staaten Europas.

Frischer Schnee hat sich auf die spiegelglatten Marmorstufen vor dem Außenministerium in Chisinau gelegt. Ungemütliche Zeiten stehen laut dem besorgten Außenminister Nicu Popescu auch seinem problemgeplagten Land bevor. Obwohl zwei Drittel der eingereisten Flüchtlinge das Land bereits in Richtung Westen verlassen habe, sei die Bevölkerung durch den Krieg in zwei Wochen um vier Prozent gewachsen, rechnet der Chefdiplomat vor.

Moldau hilft, wegen des Krieges sinken aber auch die Steuereinnahmen

Zwar sind viele der Flüchtlinge bei Privatleuten untergekommen. Doch den steigenden Ausgaben für deren Versorgung stehen wegen der wirtschaftlichen Kriegsfolgen sinkende Steuereinnahmen gegenüber. Bei vermehrten Angriffen auf das nahe Odessa könnte der ausgezehrte Staat laut Popescu bald an die Grenzen seines Leistungsvermögens geraten: „Dafür sind natürlich nicht die Flüchtlinge, sondern der Krieg verantwortlich.“

Viel haben die ärmsten Nachbar:innen der Ukraine selbst nicht. Doch in der Not offenbart die moldauische Bevölkerung ein erstaunliches Improvisationsvermögen – und erschafft ihre eigene Willkommenskultur.

Kinder berichten von getöteten Geschwistern

Aus Messeständen werden Schlafkabinen. Kinder tollen in dem zum Aufnahmezentrum umfunktionierten „Moldexpo“-Hallen in Chisinau durch die abgeteilten Gänge. Andere malen mit Wasserfarben ihre zurückgelassenen Häuser oder spielen die von ihnen vermisste Schule nach.

„Die Kinder sprechen mehr als die Erwachsenen über den Krieg“, sagt die Psychologie-Studentin Darija Schanina, die die Flüchtlinge in den Messehallen betreut. Wenn ihre Schützlinge erzählten, was sie im Krieg gesehen oder erlebt haben, sei „es sehr schwer, ihnen zu helfen“: Kurz zuvor habe ein kleines Mädchen sie an der Hand genommen und ihr gesagt, dass ihre Schwester heute gestorben sei.

Ein Rentner aus Charkiw ist zutiefst dankbar

„Sie erzählte mir, dass ihr Vater am Morgen am Telefon sagte, dass ihr Haus nach einem Raketenangriff zerstört ist und die älteste Tochter vermisst wird. Und das Mädchen fragte mich, was sie nun machen soll.“ Sie sei eine Freiwillige, die versuche zu helfen, seufzt die Studentin: „Aber auf das, was ich hier erlebe, war ich nicht vorbereitet.“

Die Kriegsschrecken in seiner zerstörten Heimatstadt und die Flucht stehen dem 66-jährigen Rentner Konstantin aus Charkiw ins Gesicht geschrieben. „Niemals im Leben hätte ich erwartet, dass ich auf meine alten Tage noch einen Krieg erlebe“, schüttelt der pensionierte Ingenieur seinen Kopf.

Im letzten Moment „aus der Hölle“ entkommen

Die Grenze zu Russland sei von Charkiw nur wenige Kilometer entfernt, erzählt Konstantin. „Ausgerechnet Russland. Sie haben in Charkiw nicht nur das Zentrum, sondern auch die Vorstädte zerstört. Sie bombardieren selbst Wohnblöcke. Es ist ein Genozid. Ich kann nicht verstehen, wer solche Befehle gibt, dass Menschen Menschen für Territorium töten.“

Im „letzten Moment“ habe er seine Frau, die Tochter und drei Enkel „aus der Hölle rausgebracht“, berichtet der Rentner. „Wundervoll“ sei der Empfang an der moldauischen Grenze gewesen: „Sie gaben uns Essen und Trinken und alles umsonst. Und das waren keine Leute, die der Staat geschickt hatte, sondern Freiwillige. Ich hätte das nie erwartet – und bin dankbar dafür.“

Jüdische Gemeinde hilft bei Formalitäten

Die Direktorin des Aufnahmezentrums der Jüdischen Gemeinschaft Moldaus in Chisinau, Alonia Grossu, beziffert die Zahl der jüdischen Flüchtlinge auf „etwa 1000“ pro Tag. Die nur 10 000 Menschen zählende Jüdische Gemeinschaft bringe diese in landesweit zehn Auffangzentren unter. Dort helfen sie ihnen bei den Formalitäten für ihre Ausreise nach Israel.

Viele von ihnen seien ältere Menschen oder alleinreisende Frauen mit Kindern. Zwar werde ihre Gemeinde von jüdischen Gemeinschaften in aller Welt mit Spenden unterstützt, „aber es ist eine große Herausforderung. Wir waren darauf nicht vorbereitet – und sind es immer noch nicht.“ Mittlerweile seien ihnen die Rekrutierung von hundert freiwilligen Helfer:innen gelungen.

Ukrainer und Ukrainerinnen erfahren viel Solidarität

Die Hilfsbereitschaft, die die ukrainischen Kriegsflüchtlingen in Moldau erfahren, leistet laut Grossu nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern alle Bevölkerungsschichten. Die Moldauer:innen würden „ein sehr großes Maß an Solidarität“ mit den Ukrainer:innen zeigen.

In einer Leichtathletikhalle in Chisinau, die zum Bettenlager umfunktioniert wurde, berichtet ein 20-jähriger Familienvater, er habe außer seiner Geburtsurkunde noch nie irgendwelche Ausweispapiere besessen und sei an der rumänischen Grenze bereits zurückgewiesen worden. Meist sind es Roma aus der Ukraine, die in der Halle unterkommen und auf die unzureichende Versorgung hinweisen.

Fertigessen musste weggeworfen werden

„Die Duschen und Sanitäranlagen sind gut, der Putzdienst auch. Aber die Küche ist in der Halle der schwache Punkt“, bestätigt der hagere Helfer Cristian: „Von einem Sponsor haben wir Hunderte Fertigmahlzeiten erhalten. Aber wir haben hier weder einen Herd, um sie aufzuwärmen, noch einen Kühlraum oder Kühltruhen, um sie aufzubewahren. Fast alle sind inzwischen verdorben und ich musste sie im Abfallcontainer entsorgen. Der Gestank war einfach unerträglich.“

Die meisten Flüchtlinge wüssten, wohin sie wollten, berichtet die 71-jährige Helferin Parascovia Caufmann: „Sie wollen dahin, wo sie Freunde und Verwandte haben.“ Moldau sei zwar ein Staat, aus dem selbst viele Menschen ins Ausland abwanderten, „aber wir sind ein sehr gastfreundliches Land mit hilfsbereiten Menschen. Hier gibt es Platz für alle.“

Die Helfenden haben Angst, dass der Krieg näher kommt

Die ganze Nacht haben der Gymnasiast Gennadij und sein Schulfreund Stefan in dem zugigen Zelt die Ankömmlinge mit Tee oder Suppe versorgt. „Es ist schön, Menschen in Not helfen zu können. Und die Leute sind froh, wenn sie nach ihrer Ankunft etwas Warmes erhalten“, erklärt der 19-jährige Schüler Gennadij, warum er seit zwei Wochen fast jede freie Minute im Freiwilligen-Einsatz ist.

Er hofft, dass er selbst nie auf der Flucht und auf die Hilfe anderer angewiesen sein werde, sagt der blonde Schüler: „Aber ein wenig Angst habe ich schon, dass der Krieg auch unser Land erreicht.“

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