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60 JAHRE DANACH

Das Bett-Tuch

Änne Lochmann erlebte im hessischen Wallerstädten einen Angriff, der ihren Vater das Leben kostete. Sie beschreibt auch, wie ein Leutnant verhinderte, dass das Dorf sich den Amerikanern ergab.

Am 23. März werde ich ganz besonders an die Schrecken des Krieges erinnert. Ich war elf Jahre alt und lebte mit meinem Eltern und meinem achtjährigen Bruder und einer bei uns wohnenden und arbeitenden polnischen Kriegsgefangenen ("Polenmarie") in Wallerstädten, einer Gemeinde in der Nähe der Kreisstadt Groß-Gerau. Die amerikanischen Truppen waren schon bei Oppenheim über den Rhein bis nach Geinsheim, einem Dorf in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, vorgerückt. Seit dem frühen Morgen flogen sie Jagdbomberangriffe auf Wallerstädten. Wir waren in unserem Haus, mein Vater war auf dem Weg, zwei deutsche Soldaten, die desertiert waren und bei uns übernachtet hatten, zu wecken und zu warnen.

Gegen 7 Uhr in der Früh schlug eine Luftmine ein: Hinter dem Hoftor stand mein Vater, Philipp Ruckelshausen, und wurde von der Luftmine getötet - er war gerade 47 Jahre alt. Einem Soldaten wurde von einem Bombensplitter der Kopf abgerissen. Ich war glücklicherweise mit meiner Mutter Elisabeth, meinem Bruder Heinz, der "Polenmarie" und zwei Nachbarinnen im Keller des zusammengestürzten Hauses. Wir waren fast fünf Stunden verschüttet und es war schrecklich - ich hatte Angst und betete, dass wir gerettet werden und mein Vater noch leben sollte. Und vor allem, dass dieser Krieg endlich, endlich zu Ende gehen sollte. Gegen 12 Uhr Mittag konnten uns mein Großvater und mein Onkel endlich rausholen. Mein Wunsch nach dem Ende des Krieges ging nicht in Erfüllung - die amerikanischen Truppen rückten näher, aber auch deutsche Soldaten gingen in Stellung.

Unter dem Eindruck der Bomben wollten einige Bürger dem Blutvergießen ein Ende machen. Am frühen Nachmittag holten Ludwig Kani und Peter Schadt von Peter Lang ein Bett-Tuch und hissten es auf dem Kirchturm - und die Amerikaner stellten sofort das Feuer ein. Die um die Kirche versammelten Bürgerinnen und Bürger waren froh. Vor allem, weil die in Wallerstädten stationierten Soldaten, allen voran ihr Major, keine Anstalten machten, die Fahne herunterzuholen.

Allerdings ordnete am frühen Abend ein Leutnant Kaminzky - von im nahen Wald stationierten deutschen Soldaten- an, dass die weiße Fahne zu entfernen sei. Kaum war das Bett-Tuch abgehängt worden, setzten die Amerikaner die Bombardierung fort. Die Bomben, der Tod meines Vaters und die mutigen Männer waren noch lange Gesprächsthema - aber bis weit in die 60er Jahre gab es viele, die immer noch den "heldenhaften Kampf der Deutschen lobten" und sogar den Leutnant, der als "einziger versuchte, den Feind aufzuhalten". (Noch 1961 schrieb die Groß-Gerauer Heimat-Zeitung: "Nur der Leutnant Kaminzky, der noch bis an das MG vordringen konnte, versuchte als einziger durch MG-Feuer den Feind aufzuhalten.")

Aber der 23. März ist auch der Geburtstag meiner Schwiegertochter und dies löst ganz ambivalente Gefühle bei mir aus. Natürlich freue ich mich und feiere am liebsten im Kreise meiner ganzen Familie. Und ich bin froh und erleichtert, dass mein Sohn und meine Schwiegertochter sich "frei gewählt" haben: Denn als mein Onkel Heinrich, der Bruder meines umgekommenen Vaters, aus der Kriegsgefangenschaft kam, löste er seine Verlobung und heiratete seine Schwägerin, meine Mutter. Als Versorger und Ernährer der Familie und aus einem Pflichtgefühl heraus. Daran denke ich, wenn ich sehe und mich darüber freue, dass heute Ehen geschlossen und Beziehungen eingegangen werden, die sich auf Liebe und Zuneigung gründen können.

So habe ich an diesem Tage viele Gründe zu trauern, zu feiern und zu hoffen. Vor allem, dass in Deutschland seit 1945 kein Krieg mehr ist und meinen Kindern und Enkelkindern Krieg und Nationalsozialismus erspart bleiben - und auch in der übrigen Welt die Kriege aufhören.

Änne Lochmann, Riedstadt

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