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60 JAHRE DANACH

Besuch des Konfirmanden

Michael Hunzinger, Pfarrer im Ruhestand, erinnert sich an den Einmarsch der US-Truppen in Wiesbaden. Er erzählt, wie die Begegnung mit einem Besatzungssoldaten die Lage der Familie erleichterte.

Unsere Familie stammt aus Hamburg. Dort bin ich im Jahr 1932 geboren und aufgewachsen. Im Mai 1941 wurden wir in Hamburg ausgebombt. Da meine Mutter einen Teil ihrer Kindheit und Jugend in Wiesbaden verbracht hatte und es noch Beziehungen dorthin gab, zogen wir noch im gleichen Jahr 1941 nach Wiesbaden um und wohnten zunächst bei unsern Bekannten. Als "kinderreiche Mutter"- wir waren damals drei Geschwister - bekam meine Mutter noch im gleichen Jahr eine Wohnung in der Niederwaldstraße 8 zugewiesen, in die wir mit den uns erhaltenen Möbeln einziehen konnten.

Im Luftschutzkeller dieses Hauses erlebten wir den Luftangriff auf Wiesbaden am 2. Februar 1945. Als wir nach der Entwarnung wieder in unsere Wohnung im 2.Stock zurückkehrten, waren alle Fenster mit geschlossenen Fensterläden nach innen gedrückt, so dass die kalte Nachtluft ungehindert in die Wohnung gelangen konnte. Meine Mutter entschloss sich deshalb noch in derselben Nacht, zu unsern Bekannten in der Adelheidstraße 105 zu gehen. Dort war, wie wir erleichtert feststellen, nichts passiert. Bis zum Kriegsende blieben wir im Haus unserer Bekannten und bewohnten eine Wohnung, deren Besitzerin aufs Land geflohen war. Auch das war damals durchaus möglich!

In der Adelheidstraße erlebten wir dann auch den Einmarsch der Amerikaner in Wiesbaden Ende März 1945. Sie kamen mit Panzern den Ring hinauf. Als es in der Nähe unseres Hauses zu einer kurzen Schießerei kam, ging eine ältere Engländerin, die im selben Haus wie wir im Parterre wohnte, unerschrocken auf die Amerikaner zu, sprach sie in bestem Oxford-Englisch an und erkundigte sich, ob wir in den Luftschutzkeller gehen sollten. Die Amerikaner waren darüber so verblüfft, dass sie unser Haus verschonten, während sie in der Nachbarschaft viele Familien aus ihren Wohnungen vertrieben, um dort sich selbst einzuquartieren. Wahrscheinlich verdanken wir der Engländerin in unserem Haus, dass wir nicht vertrieben wurden.

Eines Tages kurz nach Kriegsende stand plötzlich ein amerikanischer Soldat vor unserer Haustür. Mittlerweile waren wir wieder in das Haus in der Niederwaldstraße 8 zurückgekehrt. Natürlich bekamen wir einen gehörigen Schreck! Mein Vater, der bereits aus dem Krieg zurückgekehrt war, erkannte in ihm einen ehemaligen Konfirmanden aus Hamburg. Helmut Sanders - so hieß er - war christianisierter Jude und mit seiner Familie zu Beginn des 2. Weltkriegs nach den USA ausgewandert. Nach dem Krieg kam er als US-Besatzungssoldat wieder nach Deutschland und war in Oberursel stationiert. Dort las er in einer Zeitung die Ankündigung eines Kirchenkonzertes in der Bergkirche zu Wiesbaden, in der mein Vater nach dem Krieg als Pfarrer aushilfsweise Dienst tat. Er besuchte dieses Konzert - er war sehr musikalisch und konnte phantastisch Klavier spielen - und stellte dort fest, dass es sich bei jenem Pfarrer Hunzinger um seinen Konfirmator handelte. Er fand unsere Adresse heraus, suchte uns in der Niederwaldstraße auf und blieb uns sehr verbunden, bis er in die USA zurückkehren musste. Und er versorgte uns mit allen Dingen, die es damals für uns nicht gab: Zigaretten für meinen Vater, Seife, Fleischkonserven und vieles anderes.

Michael Hunzinger,

Taunusstein-Seitzenhahn

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