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Während Menschen ohne Behinderung oder chronische Krankheit sich in temporären Lockerungen von den Strapazen des Lockdowns erholen konnten, hat dieser für viele andere nie aufgehört.
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Während Menschen ohne Behinderung oder chronische Krankheit sich in temporären Lockerungen von den Strapazen des Lockdowns erholen konnten, hat dieser für viele andere nie aufgehört.

Pandemie

Corona-Psyche: „Bestimmte Gruppen wurden einfach vergessen“

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
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Von der Impfreihenfolge bis zur Diskussion über den „Wert“ des Lebens: Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sehen sich durch die Pandemie zusätzlich diskriminiert und schlechter geschützt.

Seit dem Lockdown ist das Leben für alle Menschen eingeschränkt. Der Alltag muss plötzlich genau geplant werden: Einkäufe, der Weg zum Arbeitsplatz, das Homeoffice, vorsichtige Treffen mit den wenigen Menschen, die als Kontakte geblieben sind. Doch nicht für alle war das eine neue Erfahrung.

„Während der Pandemie haben wir gesehen, wie nichtbehinderte Menschen gezwungen waren, mit Einschränkungen und Veränderungen umzugehen, mit denen behinderte Menschen schon immer leben mussten“, schrieb der Autor und Inklusions-aktivist Andrew Pulrang vor wenigen Monaten im „Forbes“-Magazin.

Doch während Menschen ohne Behinderung oder chronische Krankheit sich in temporären Lockerungen von den Strapazen des Lockdowns erholen konnten, hat dieser für viele andere nie aufgehört. Denn nicht selten gehören Menschen mit Behinderung der sogenannten Risikogruppe an. Gemeint sind besonders gefährdete Menschen, die etwa aufgrund einer Vorerkrankung das Risiko tragen, bei einer Covid-Infektion einen besonders schweren Krankheitsverlauf davonzutragen.

Es wurde offen gesagt, ihr Leben sei weniger wert

„In meinem Fall würde das bedeuten, dass ich mein Bett gar nicht mehr selbst verlassen könnte“, sagt Ash*. Ash hat eine neuroimmunologische Multisystemerkrankung, ist dadurch schwerbehindert und engagiert sich vor allem online für mehr Inklusion. „Ich lebe aufgrund der Fatigue, also massiver chronischer körperlicher und geistiger Erschöpfung, chronischer Schmerzen und Infektanfälligkeit auch ohne Pandemie schon sehr zurückgezogen.“ Aus Sorge vor einer Ansteckung mit Covid-19 sind bei Ash seit mehr als einem Jahr sämtliche sozialen Kontakte weggefallen, lediglich die professionellen Begegnungen mit Ärzt:innen oder dem Physiotherapeuten sind noch möglich.

Auch für Laura Weskamp war das Jahr von Unsicherheit durchsetzt. Die Erzieherin betreibt gemeinsam mit Freundin Luisa L’Audace den Podcast „Wartezimmer-Talk“, in dem sie über psychische Gesundheit und Ableismus (die – meist abfällige – Beurteilung von Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten, Anm. d. R.) spricht – auch im Zuge der Pandemie. Die Angst, sich anzustecken, war auch für Laura eine der größten Belastungen der vergangenen Monate. Durch eine seltene Muskelerkrankung wäre ihre Lunge im Fall einer Ansteckung stark betroffen. Doch was ihr neben der Sorge am meisten zusetzt, ist die Frustration. Viele Menschen seien inzwischen zu ihrem Alltag zurückgekehrt und würden sich nicht mehr an die Regeln halten, so Weskamp. „Es gab diese Aussagen wie: Die ‚Alten‘ und die Risikogruppe sollen doch einfach zu Hause bleiben – oder wenn es um Menschen geht, die an Corona verstorben sind, den Zusatz, dass der oder die eine Vorerkrankung hatte. Das vermittelte mir, dass man weniger wert ist mit einer Vorerkrankung. Da war ich dann schon wütend.“

Homeoffice ist schön und gut – aber warum war es nicht schon vor der Pandemie selbstverständlich?

„Je länger die Pandemie andauert, desto weniger verstecken viele Menschen ihren Hang zum Sozialdarwinismus“, berichtet auch Ash. „Es äußern jetzt immer mehr Leute ganz unverhohlen, dass es doch nicht so schlimm sei, uns Menschen aus den Risikogruppen sterben zu lassen, weil wir scheinbar sowieso weniger Lebensqualität hätten als chronisch gesunde Menschen ohne Behinderung.“ Ash bezieht sich dabei auf konkrete Aussagen, wie die des umstrittenen Philosophen Peter Singer, der gegenüber der „NZZ am Sonntag“ offen argumentierte, weshalb ein Leben mit Behinderung weniger wert sei, als eines ohne. Auch der Kommentar des Virologen Alexander Kékulé, dass man mit den Toten „leben müsse“, um eine Herdenimmunität zu erreichen, sei ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich in der Öffentlichkeit wieder über den „Wert“ von Leben diskutiert werde. „Das ist absolut grauenerregend, aber nicht neu für marginalisierte Menschen“, so Ash.

Gerade am Thema Impfreihenfolge hat sich die Debatte erhitzt. Über Monate hinweg forderten Inklusionsaktivist:innen in sozialen Medien mehr Aufmerksamkeit für Menschen mit Behinderung. Inzwischen sind Menschen mit bestimmten Krankheitsbildern in die Gruppe mit der zweithöchsten Priorität aufgenommen worden. Dazu zählen etwa Personen mit Trisomie 21 sowie Personen ab einem gewissen Grad der Intelligenzminderung.

Für Menschen, deren Behinderung nicht in diese Kategorien einzuteilen ist, ist der Weg zur Impfung komplizierter. Dazu müssen Ärzte und Ärztinnen ein spezielles Attest ausstellen. Die Informationen seien aber sehr umständlich geschrieben, berichtet Ash. „Ich musste mich zum Beispiel erst mal durch eine Verordnung wühlen, um herauszufinden, welchen Nachweis ich eigentlich brauche.“ Die Verordnungen, die sich von Bundesland zu Bundesland unterschieden, seien nicht einmal im Ansatz barrierefrei, so Ash.

Die Bundesregierung weist Vorwürfe der Exklusion laut Medienberichten von sich. Zwar lassen sich aktuell von Behörden und Sozialverbänden einige Informationen zum Coronavirus in „leichter Sprache“ finden, doch sucht man den konkreten Weg zur eigenen Impfung, wird es schnell komplizierter.

Ash und Laura Weskamp sehen daher wenig Rücksichtnahme bei der Impfreihenfolge. „Ich denke, es ist kein Geheimnis mehr, dass bestimmte Gruppen schlicht und einfach vergessen und nicht bedacht wurden. Und es ist nicht gut, dass es immer noch einen großen bürokratischer Aufwand bedeutet, an eine Impfung zu kommen. Wir haben auch ein Recht auf Schutz vor einem schweren Verlauf“, fordert Laura. Auch für Ash liegt die Benachteiligung auf der Hand: „Es wird ständig wiederholt, es gehe um unseren Schutz, aber so wichtig, dass Informationen barrierefrei zur Verfügung gestellt werden, ist dieser Schutz dann wohl doch nicht.“

Die Serie

Im Fokus: Was macht die Pandemie mit unserer Psyche? Die FR betrachtet verschiedene Gruppen. Im ersten Teil der Reihe sprach Bascha Mika mit der Sozialmedizinerin Steffi Riedel-Heller. Zuletzt berichteten Seniorinnen und Senioren von ihrer zunehmenden Einsamkeit. In der nächsten und letzten Folge der Serie geht es um Alleinerziehende.

Die komplette Serie zum Nachlesen online unter FR.de/psyche

In Pflegeeinrichtungen und Wohnheimen für Menschen mit Behinderung wurden inzwischen mehr Menschen geimpft. Dennoch ist es vor allem die Isolation, die drastische Auswirkungen auf die Bewohnerinnen und Bewohner hat. „Es gab etliche Einrichtungen der Behindertenhilfe, die extrem streng waren, was Besuchsregelungen von Angehörigen angeht. Da wurde schlichtweg verboten, dass Eltern ihre Kinder besuchen oder sonstige Bezugspersonen Kontakt haben“, berichtet Tanja Sappok, Chefärztin des Berliner Behandlungszentrums für psychische Gesundheit bei intellektueller Entwicklungsstörung. In der Klinik betreut sie die Therapie von Patientinnen und Patienten mit angeborener, kognitiver Beeinträchtigung, Lernstörungen oder Lernbehinderungen – vielen als „geistige Behinderung“ bekannt.

Bei Menschen mit besonders schwerer Beeinträchtigung führte die Isolation laut Sappok mitunter zu schweren depressiven und teils auch regressiven Entwicklungen. So habe zum Beispiel der Antrieb aber auch die Selbstständigkeit bei einigen enorm nachgelassen. Andere Patienten und Patientinnen hätten hingegen eine Angststörung entwickelt. „Gerade Menschen, die nicht so stark beeinträchtigt sind, waren durch die mediale Übermacht an Informationen überfordert und konnten das nicht einordnen.“

Doch tatsächlich hat die Pandemie nicht bei all ihren Patientinnen und Patienten zu stärkerer Belastung geführt, erklärt Sappok. „Es gibt eine Fraktion, die davon deutlich profitiert. Sie sind entspannter und weniger verhaltensauffällig.“ Eine ganze Reihe der Menschen in ihrer Behandlung würde inzwischen weniger Unruhezustände, Impulskontrollstörungen und Verhaltensstörungen zeigen. In einigen Fällen konnte die Ärztin sogar Medikamente reduzieren.

Einigen hat die Isolation sogar gutgetan

Den Effekt den Sappok in ihrer Klinik wahrnimmt, sei inzwischen auch in zwei Studien nachgewiesen worden, berichtet die Ärztin. Doch die Datenlage zur psychischen Verfassung von Menschen mit Behinderung in der Pandemie ist bisher noch dünn.

Die Medizinerin erklärt sich die Entwicklung, mit den heruntergefahrenen Anforderungen des Alltags: „Sie müssen nicht mehr in eine Werkstatt gehen, sondern können zu Hause bleiben, länger schlafen und sind entspannter.“

Auch Laura Weskamp hat diese Beobachtung gemacht. „Als Mensch mit einer chronischen Erkrankung und Behinderung stand man im Alltag vor der Pandemie oft unter Druck, alles zu schaffen, überall dabei zu sein“, erzählt sie. „Ich musste mir oft Ausreden einfallen lassen, warum ich zum Beispiel nach dem Job nicht noch mit in eine Bar komme. Dieser Druck ist weggefallen.“

Währenddessen sind Veranstaltungen, die noch stattfinden, in der Pandemie zugänglicher geworden. „Plötzlich lebten alle so wie wir“, berichtet Ash. „Plötzlich gab es die Möglichkeit, virtuelle Spaziergänge am Meer zu machen, virtuell ins Museum zu gehen, an einer virtuellen Geburtstagsparty teilzunehmen und so vieles mehr.“ Eine Erleichterung – mit bitterem Beigeschmack. „Es hat mir gezeigt, dass so viel mehr möglich wäre und ist“, so Ash. „Zu meiner Schulzeit hätte diese Option zum Beispiel auch bedeutet, die Schule nicht dreimal wegen zu vieler Krankheitstage abbrechen zu müssen.“

Therapie über Videochat kann auch nach der Pandemie ein wichtiges Werkzeug bleiben

Laura Weskamp kann das Homeoffice inzwischen nutzen, um ihre Arbeit als Erzieherin weiter auszuüben. Ihrer Ansicht nach ist es eine Entwicklung, die Inklusion nachhaltig leichter machen könnte: „Es ermöglicht vielen Menschen mit Behinderung einen positiveren Blick auf den Arbeitsmarkt und das Studium.“

Auch Tanja Sappok geht davon aus, dass inzwischen etablierte Möglichkeiten wie Therapie über Videochat auch nach der Pandemie ein wichtiges Werkzeug bleiben werden. „Viele Menschen mit Behinderung sind wirklich richtig aufgerüstet worden, was ihre technische Ausstattung angeht. Zum Teil haben sie von ihren Werkstätten und Wohneinrichtungen auch Tablets bekommen.“

Gerade für Patientinnen und Patienten im ländlicheren Raum, sowie jene mit stärkeren Mobilitätseinschränkungen würde so der Zugang zur Therapie erleichtert. „Oft liegt es ja gar nicht am Krankentransport“, bemerkt Sappok, „sondern daran, dass die Begleitung nicht für einen Arztbesuch freigestellt werden kann.“ Die Videoangebote hingegen könnten die Menschen unabhängig davon nutzen. „Das ersetzt zwar nicht alles, ist aber eine schöne Erweiterung.“ (Valerie Eiseler)

*Ash möchte in diesem Artikel nur unter Eigennamen und ohne die Verwendung geschlechtsspezifischer Pronomen erwähnt werden.

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