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"Strafsache gegen Mulka und andere": Beginn des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses im Plenarsaal der Stadtverordnetenversammlung  Frankfurt am 20.12.1963.
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"Strafsache gegen Mulka und andere": Beginn des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses im Plenarsaal der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt am 20.12.1963.

Gallus

Die "Bestie von Auschwitz"

  • Peter Rutkowski
    VonPeter Rutkowski
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Als die Welt auf den größten Schwurgerichtsprozess seit 1945 gegen Nazi-Verbrecher im Bürgerhaus Gallus blickte.

GALLUS. Die beschauliche Provinzmetropole Frankfurt des Jahres 1963 war nicht vorbereitet auf den größten und bis dahin längsten Schwurgerichtsprozess der bundesdeutschen Justizgeschichte. Kein Frankfurter Gerichtssaal konnte die Beteiligten alle fassen. Georg August Zinn, der damalige hessische Ministerpräsident, vermittelte daher den Plenarsaal im Römer als Tagungsort. Am 20. Dezember 1963 schließlich sitzen dort 22 Männer auf gepolsterten Stühlen, wie Prozessbeobachter missbilligend notieren, und haben sich nichts vorzuwerfen in der "Strafsache gegen Mulka u.a.".

Die Öffentlichkeit konzentriert sich auf eine kleine Gruppe: den Adjutanten des Konzentrationslagers Auschwitz, den SS-Hauptsturmführer Robert Mulka, seit Kriegsende ein angesehener Hamburger Kaufmann; Hauptsturmführer Wilhelm Boger, die "Bestie von Auschwitz", gefürchteter Folterer und Mörder, ein Angestellter aus Stuttgart; Oswald Kaduk, Unterscharführer aus Oberschlesien, fast ständig betrunkener Folterer und Henker, nach dem Krieg ein bei seinen Patienten beliebter Altenpfleger; der SS-Apotheker und ehemalige Pharmavertreter aus Rumänien, Victor Capesius, führte Aufsicht bei Selektionen und Vergasungen, Apotheker aus Göppingen; Unterscharführer Josef Klehr, Kaninchenzüchter, spritzte mehreren Tausend Häftlingen tödliches Phenol, Tischler aus Braunschweig; der spätere Gastwirt an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei, Emil Bednarek, oberschlesischer Bergmann, verhaftet wegen vermuteter Partisanentätigkeit, trat, knüppelte und schlug als Blockältester mehrere Mithäftlinge tot.

Noch während 359 Zeugen gehört werden, Historiker über Nationalsozialismus, die SS und die Konzentrationslager dozieren, wird dem Publikum - bis zum Urteil rund 20 000 Menschen - klar, warum diese sechs Männer so ins Rampenlicht geraten: Ihre Lebensläufe sind exemplarisch. Bedauern ist nicht zu hören, sie halten militärischen Gehorsam hoch. Der Kampf gegen den Kommunismus soll jede Grausamkeit rechtfertigen.

Inzwischen ist das Gericht am 3. April 1964 in das Bürgerhaus Gallus umgezogen, an dem die Bauarbeiten beendet sind. Die meiste Zeit schweigen die Angeklagten. Sie lassen ihre Anwälte reden, die ihre Mandanten als Opfer darstellen. Zu Prozessbeginn noch beherrscht die neutrale Sprache der Juristen das Geschehen, doch als im Bürgerhaus der Prozess weitergeführt wird, haben Millionen Menschen eine neue Sprache gelernt: "Material für die Umsiedlung von Juden" - das bedeutet das tödliche Zyklon B. "Muselmänner" sind zum Skelett abgemagerte Häftlinge. Häftlingen "Krawatten legen" heißt, ihnen eine Stange über den Hals zu legen und darauf herumzuwippen. Die "Boger-Schaukel" ist eine Art Reck, an der der "Teufel von Auschwitz" Opfer in den Kniekehlen aufhängte und so lange prügelte, bis sie im eigenen Blut ertranken.

Und weil Richter und Staatsanwälte nun den Jargon beherrschen, fangen die Angeklagten unwillkürlich an, freier zu reden. Ihre Lügengebäude brechen in sich zusammen. Das Haus Gallus, als "halb Turnhalle, halb Laienbühne" verpönt, wird plötzlich zur dramatischsten Bühne der Welt. Am 20. August 1965 leben noch 20 der Angeklagten, drei werden freigesprochen, 17 verurteilt, Mulka kriegt 14 Jahre, sitzt drei davon ab. Kaduk und Klehr, beide lebenslang, werden 1988 entlassen. Capesius verbüßt eine Strafe von neun Jahren. Bednarek wird 1976 begnadigt. Boger, lebenslang plus fünf Jahre, verstirbt in der Haft.

900 trocken formulierte Seiten umfasst die schriftliche Urteilsbegründung. Die mündlichen Ausführungen des Richters Hofmeyer gehen in die Geschichte nicht nur der NS-Strafverfolgung, sondern auch der Bundesrepublik ein. Fortan wird das schlichte Leugnen von Holocaust und NS-Diktatur gesellschaftlich nicht mehr toleriert.

Das alles geschah im Jahr 1965 im Bürgerhaus Gallus. Heute erinnert eine neben dem Aufgang zum Bürgerhaus angebrachte Tafel an den Frankfurter Auschwitz-Prozess. Dazu gehört auch ein schmales, quaderförmiges Mahnmal des Künstlers Michael Sander aus rostigen Eisenplatten, das entfernt an einen Schornstein erinnert. Aufgestellt wurde es 1993 anlässlich einer Tagung des hiesigen Fritz-Bauer-Institutes 30 Jahre nach Prozessbeginn.

Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, sagte zur Einweihung: "Dieses Haus hat in der Nachkriegszeit eine der bedeutendsten Rollen gespielt."

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