Umfrage „Generation Mitte“

Bester Laune, voller Sorgen

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Die „Generation Mitte“ in Deutschland blickt skeptisch in die Zukunft.

Unglück im Glück – die Gemütsverfassung der 30- bis 59-Jährigen in Deutschland scheint voller Widersprüche. Auf der einen Seite sind die Vertreter der „Generation Mitte“ mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen und beruflichen Situation unter dem Strich deutlich zufriedener als in den vergangenen Jahren.

Auf der anderen Seite ist die Sorge um gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Stabilität erkennbar gewachsen. „Die Kluft zwischen materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Verunsicherung ist ungewöhnlich groß“, sagte Renate Köcher, Geschäftsführerin des Meinungsforschungsinstitut Allensbach, am Mittwoch während der Vorstellung der Studie „Generation Mitte 2018“. Das Institut hatte dazu im Auftrag der Versicherungswirtschaft im Juli mehr als 1000 Frauen und Männer zwischen 30 und 59 Jahren befragt.

Gerade im Vergleich zu früheren Umfragen sind die Ergebnisse bemerkenswert. Hatten in der ersten Untersuchung zur Generation Mitte im Jahr 2013 nur 35 Prozent der Befragten angegeben, es gehe ihnen besser als fünf Jahre zuvor, so war der Anteil 2018 mit 42 Prozent so groß wie nie zuvor.

Zugleich sank die Zahl jener, die eine Verschlechterung ihrer Lage feststellten, von 23 auf 18 Prozent. Eng damit verknüpft ist die nachlassende Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes.

In Umfragen zu Anfang des Jahrtausends hatten noch bis zu 35 Prozent diese Befürchtung geäußert, 2013 waren es noch 16 Prozent, 2018 nur mehr zwölf. Entsprechend schwand auch die Angst vor sozialem Abstieg, von 15 auf elf Prozent allein in den vergangenen drei Jahren.

Eine eher positive Grundstimmung stellten die Meinungsforscher zudem bezüglich der persönlichen Aufstiegschancen fest. 2018 beurteilten 58 Prozent der Befragten ihre Karriereaussichten positiv, 2016 waren es nur 46 Prozent gewesen. Gut drei Viertel der Befragten äußerten die Erwartung, es werde ihnen 2023 besser oder zumindest genauso gut gehen wie derzeit, nur sieben Prozent erwarten eine Verschlechterung. So viel zum Glück.

Das Unglück findet zum einen in der Bewertung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen Ausdruck. Zwei Drittel der Umfrageteilnehmer haben den Eindruck, der gesellschaftliche Zusammenhalt sei schwach und werde noch schwächer. 2015 hatten 56 Prozent diese Einschätzung geäußert.

Des Weiteren sorgen sich die 30- bis 59-Jährigen, die mehr als 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkommen erwirtschaften und die Leistungsträger der Gesellschaft im eigentlichen Sinne repräsentieren, um wachsende Rücksichtslosigkeit, Intoleranz gegenüber Minderheiten und Materialismus. Und ebenso um sinkende Hilfsbereitschaft, Gesetzestreue und Teilhabe an Politik.

Die politische Stabilität in Deutschland als wesentliche Voraussetzung für persönliche Sicherheit ist aus Sicht der Befragten ebenfalls im Schwinden begriffen. Der entsprechende Wert stürzte von 49 Prozent im Jahr 2015 auf 27 Prozent in diesem Sommer ab. So wundert es nicht, dass 42 Prozent der Befragten die Ansicht äußern, sie lebten in ausgesprochen schwierigen Zeiten, während nur ein Drittel sich in einer glücklichen Epoche glaubt.

„Die Gesellschaft versteht sich immer weniger als Gemeinschaft, die sie zugleich schmerzlich vermisst“, resümiert der Präsident des Versicherungsverbands GDV, Wolfgang Weiler.

Das Unglück hat aber noch eine zweite Facette, die persönliche Verhältnisse reflektiert. Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status wie etwa Geringverdiener und Arbeitslose beurteilen sowohl ihre aktuelle persönliche Situation als auch die Aussichten für die Zukunft deutlich schlechter als ihre Altersgenossen mit mittlerem und hohem Status.

Mit 25 Prozent liegt der Anteil jener, die sich um den Arbeitsplatz sorgen, mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt (von zwölf Prozent). Damit einher geht eine spürbar schlechtere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage: Nur 28 Prozent der Unterprivilegierten gaben an, ihre Situation habe sich im Vergleich zu 2013 verbessert, 37 Prozent konstatierten eine Verschlechterung.

Im Gegensatz dazu betrachten die Befragten mit guten Einkommen und hohem sozialen Ansehen die Entwicklung in den vorangegangen Jahren überwiegend positiv: 55 Prozent stellen eine Verbesserung ihrer Wirtschaftslage fest, nur acht Prozent eine Verschlechterung.

Besonders bedrückend sind Befragungsergebnisse, die einmal mehr die soziale Vererbbarkeit von Privilegien und Benachteiligungen verdeutlichen. So gaben nur 44 Prozent der Befragten mit geringem sozioökonomischem Status an, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. 25 Prozent kümmern sich um die sprachliche Entwicklung des Nachwuchses, 18 Prozent achten darauf, dass die Kinder früh und viel lesen, 14 Prozent fördern ihre musikalischen Neigungen. In mittleren und höheren Schichten liegen diese Anteile teils dreimal so hoch. Auch da wächst eine Kluft.

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