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Die Geschichte der Vereinten Nationen beginnt in den dunkelsten Stunden des Zweiten Weltkriegs.

Chronik

75 Jahre Vereinte Nationen: Beste Absichten, übermenschlicher Mut und grenzenloser Frust

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Die ersten Schritte ging die Weltorganisation schon vor mehr als 75 Jahren – eine analytische Chronik.

Die Geschichteder Vereinten Nationen beginnt in den dunkelsten Stunden des Zweiten Weltkriegs. Hitlers Horden sind überall auf dem Vormarsch und sein Verbündeter Japan verfolgt ähnlich grausame Weltherrschaftsziele. Aber der britische Premierminister Winston Churchill und der US-amerikanische Präsident F.D. Roosevelt beginnen schon, an eine Nachkriegsordnung der Welt zu denken. Ihren Sieg über deutschen Nationalsozialismus und japanischen Imperialismus sehen sie als eine bloße Frage der Zeit an. Von 1940 an im Londoner Foreign Office und von vorm US-Kriegseintritt Ende 1941 an im State Department in Washington werden Diplomaten und Ministeriale angehalten, sich ein internationales System zur Friedenserhaltung auszudenken.

Mitte August 1941 vereinbaren Roosevelt und Churchill bei einem Treffen auf in Neufundland die „Atlantik-Charta“. Die sieht vor: Verzicht auf territoriale Expansion, gleichberechtigter Zugang zum Welthandel und zu Rohstoffen, Verzicht auf Gewaltanwendung, Selbstbestimmungsrecht der Nationen, engste wirtschaftliche Zusammenarbeit aller Nationen mit dem Ziel der Herbeiführung besserer Arbeitsbedingungen, eines wirtschaftlichen Ausgleichs und des Schutzes der Arbeitenden, Sicherheit für die Völker vor Tyrannei, Freiheit der Meere, Entwaffnung der Nationen, um ein System dauerhafter Sicherheit zu gewährleisten. Diese Charta wird in den folgenden Jahrzehnten zum Modell für zahlreiche internationale Neuerungen und Kooperationen, so für die Gründung der Nato und für die Auflösung des British Empire.

Am 1. Januar 1942 wird aus der „Atlantic-Charta“ die „Declaration by United Nations“, unterzeichnet von den Vertretern von 26 Nationen, die sich damit verpflichten gemeinsam bis zum Sieg über die Achsenmächte (Deutschland, Japan, etc.) zusammen zu kämpfen. Damit ist der Name „United Nations“ in der Welt. Auf die Organisation (UN) wird man noch ein paar Jahre warten müssen.

Am 25. April 1945 treffen sich in San Francisco Vertreter von 50 Regierungen, um das auszuhandeln, was zwei Monate später, am 25./26. Juni (je nach Zeitzone) als die „UN Charter“, die „Charta der Vereinten Nationen“ verabschiedet wird. Vier Monate später tritt die UN-Charta in Kraft.

Der erklärte Sinn der UN ist es, zu allererst den ineffektiven und schließlich kläglich gescheiterten Völkerbund der Zwischenkriegsjahre durch ein tatsächlich funktionierendes Welt-Forum und Welt-Bündnis zu ersetzen. So wie in der „Atlantik-Charta“ dargelegt, die sich deutlich auf die Ideale des Völkerbundes bezieht.

Das grundlegende Problem der UN ist eben jenes Ansinnen, geprägt von der Völkerbunds-Erfahrung. Die 50 Gründungsnationen denken in Kategorien der Jahrzehnte vor 1945. Das heißt: Militärische Macht bestimmt weitgehend Wohl und Wehe der Welt. Die Welt besteht aus Nationen und es gibt keine andere Form der Souveränität als die nationale. So billigen sich die drei Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion als Ständige Mitglieder der UN-Exekutive namens Sicherheitsrat Sonderrechte inklusive Veto im Rat selbst zu. Die USA bringen noch ihren Klienten, Tschang Kai-Tscheks Nationalchina mit an Bord (erst 1971 wird Taiwan, wohin sich Tschang nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1949 zurückgezogen hat, durch die Volksrepublik ersetzt). Die Briten sorgen ihrerseits dafür, dass die zweite große Kolonialmacht der Welt, Frankreich, ebenfalls im Rat sitzt.

Die Legislative, die Generalversammlung der UN, sollte eigentlich in der Organisation das Sagen haben. Aber althergebrachter Nationalismus (USA, Großbritannien, Frankreich) und diktatorische Weltgelüste (Sowjetunion und China) billigen dem nach und nach auf 193 Nationen anwachsenden Weltparlament (plus zwei „Beobachter“: Vatikan und Palästinensergebiete) meist eher kosmetische oder folkloristische Funktionen zu. Merke: In den 60er Jahren schienen die UN vielen Menschen als veritable Weltregierung, wenn Vertreterinnen und Vertreter von „neuen“ (entkolonialisierten) Nationen zur Debatte

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