Die besondere Bindung und ihre Kehrseite

Wir brauchen einen rationalen Diskurs, der sich seiner emotionalen Betroffenheit in keinem Moment schämen muss

Von Ekkehart Krippendorff

Klammern wir zunächst einmal die große Politik aus, die die Katastrophe des 11. September möglich gemacht hat: die Betroffenheit, der Schock, das geradezu Unwirkliche der Wirklichkeit dürfte in Berlin nicht anders erfahren und wahrgenommen worden sein als an allen vergleichbaren Orten. Angesichts der Dimensionen des von Menschen systematisch angerichteten Unheils (viele der sich seit den Klimaveränderungen häufenden großen Naturkatastrophen haben ein Mehrfaches an Menschenleben gekostet) schweigt zunächst einmal die Frage nach den Ursachen und macht sich allenfalls fest an der nach den Verursachern, was eine andere, vordergründigere Sache ist. Und das hat im Grunde auch etwas Gesundes: Zuerst kommt die ganz spontane, menschliche Solidarität, das zwar objektiv hilflose, aber subjektiv umso stärkere Mitgefühl im Schrecken - es hätte ja auch hier passieren können, ja, kleinere Vorspiele hat es in dieser Stadt, halb vergessen nur, schließlich auch gegeben: "Cinéma Paris" und "La Belle".

Aber die emotionale Beziehung großer Teile der früheren West-Berliner Bevölkerung vor allem zu "den Amerikanern" hat gleichwohl doch noch eine besondere Qualität. Diese geht zurück auf die - jährlich durch eine kleine Feier am Denkmal erinnerte - Luftbrückenzeit des Kalten Kriegs, auf den Berlin-Bürger John F. Kennedy, sie macht sich fest an besonders vielen US-amerikanischen Institutionen in dieser Stadt, an der Freien Universität, deren Kennedy-Institut, dem Amerika-Haus, der Kennedy-Schule, dem Aspen Institute oder auch neuestens der American Academy: Dort trug Susan Sontag, gegenwärtig dort "Distinguished Visitor", soeben einen nüchtern-kritischen Text zu den Ereignissen von New York vor, für den ein deutscher und erst recht ein Berliner Kommentator vermutlich gelyncht worden wäre.

Denn das ist die Kehrseite dieser erfahrungsgesättigten, aber selten nüchtern-kritisch reflektierten (West-)Berliner Amerika-Bindung: USA-Kritik, Kritik an der amerikanischen Außenpolitik insbesondere (Vietnam) war hier nie gern gesehen, ja jahrelang geradezu tabuisiert, und ihre wenigen intellektuellen Vertreter wurden stigmatisiert. Das scheint sich im Laufe der Jahre abgeschliffen zu haben, auch sind die USA in den politischen Diskussionen seit der Vereinigung nicht mehr so präsent wie früher, keine "Schutzmacht" mehr, die selbst vor Kritik zu schützen ist.

Aber vielleicht trügt dieser Schein. Wenn Berlins auflagenstärkste Zeitung, die BZ, am 14. September ganzseitig titelt: "Mr. Bush, retten Sie die Welt", so hat man den Eindruck, als seien die hysterischen Jahre des Kalten Kriegs wieder voll da. Hier wird nicht nur nicht differenziert (das wäre von einem solchen Presseprodukt auch zu viel verlangt), sondern es werden die primitivsten Angstklischees aus den Zeiten der bedrohten Insel bedient, die offensichtlich tief in der (West-)Berliner Psyche verankert sind; über die Einstellung der Ost-Berliner zu den USA mögen andere kompetenter urteilen.

Wir werden sehen, ob es in den nächsten Tagen und Wochen möglich sein wird, einen rationalen Diskurs, der sich ja seiner emotionalen Betroffenheit in keinem Moment schämen muss, zu führen: Es wird Vortragsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen geben zu dem, was am 11. September geschehen ist, vor allem aber zu den Ursachen, die diese Katastrophe möglich machten. Dort wird - sofern diese Diskussionen im öffentlichen Raum und nicht auf den Bildschirmen stattfinden - sich zeigen müssen, ob diese Stadt über jene innere Toleranz verfügt, die sie hauptstadtreif macht. Da wird man sehen, ob das, was Susan Sontag im geschlossenen Kreis geladener Gäste hat sagen können - dass nämlich dieser Angriff auf die Symbole amerikanischen Stolzes und amerikanischer Macht auch die Konsequenz amerikanischer selbstgerecht-arroganter Außenpolitik ist, also keine Wahnsinnstat von Verrückten, sondern eine politische Aktion, und von Feigen schon gar nicht, hätten doch die Attentäter, im Unterschied zu den amerikanischen Luftschlägen aus unterschiedlichen Anlässen, ihr Leben selbst für ihre politische Sache geopfert: "Let us pray together, but let us not be stupid together", lasst uns gemeinsam beten, aber nicht gemeinsam dumm sein -, ob das auch in Berlin, deutsche Hauptstadt, von Deutschen gesagt werden kann. Dass es die Politiker aus taktischer Opportunität nicht wagen werden, davon ist auszugehen - aber in der so genannten Zivilgesellschaft müssen solche Stimmen wenigstens gehört werden können.

"Schaut Euch diese Typen an", hatte 1968 der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz seinen West-Berliner Bürgern zugerufen und damit die vietnam-kritischen Studierenden zum Verprügeln freigegeben - später wurde sogar ein Schuss daraus. Mit der Wiederbelebung der politischen Phobie nunmehr gegen arabische Mitbürger als potenzielle Terroristen oder wenigstens Sympathisanten - und die ersten Berichte von Anpöbelungen beziehungsweise Ängsten gibt es bereits - kann diese primitive amerika-solidarische Mentalität ein neues Opfer finden.

Eine Freundin berichtete mir soeben aus New York, dass dort direkt neben Bürgermeister Giuliani, der den Menschen mit seinem Bekenntnis zum "ewigen New York" Mut einflößte, ein junger Mann mit einem auffälligen T-Shirt zu sehen gewesen sei, das die stolze Aufschrift trug: "Natural Born Arab" - Araber von Geburt. Auch er ein New Yorker. Ist eine solche Szene in vergleichbarer Situation heute in Berlin vorstellbar? Von der Antwort darauf hängt vieles ab.

Ekkehart Krippendorff ist emeritierter Professor der Freien Universität Berlin und unter anderem Autor von "Kritik der Außenpolitik", Suhrkamp 2000.

FR vom 15.09.01

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