Szene aus  „Babylon Berlin“: Was hätte man voraussehen sollen in den verrückten 1920ern, in die die Welt noch ganz benommen von einem katastrophalen globalen Krieg hineingetaumelt war?
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Szene aus  „Babylon Berlin“: Was hätte man voraussehen sollen in den verrückten 1920ern, in die die Welt noch ganz benommen von einem katastrophalen globalen Krieg hineingetaumelt war?

1920er Jahre

Beschauliche Wildheit

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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  • Mathias Richter
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Vor 100 Jahren war die Gesellschaft wie heute in einem radikalem Umbruch.

Im Berliner Admiralspalast wird in der Revue „Berlin Berlin“ getanzt wie es einst Josephine Baker tat – im Bananenrock. Schräg gegenüber am Schiffbauerdamm plant das Berliner Ensemble für 2021 eine Neuinszenierung der „Dreigroschenoper von 1928. Und „Babylon Berlin“, die Serie über das Berlin der Weimarer Republik, startet in drei Wochen wieder – um dann zum dritten gestaffelten Mal das vermeintliche Lebensgefühl der „Goldenen 20er Jahre“ in jedes Wohnzimmer zu beamen.

Wir sind zurück in den 20ern. Auf Bühne und Bildschirm und auch ganz real. Aber so real wir nun seit nicht mal zwei Tagen „in den 20ern“ sind, so irreal sind natürlich Glanz und Elend von vor 100 Jahren – nicht jetzt erstmals wieder aufgemotzt präsentiert unter Umgehung aller Feinheiten und Wahrheiten, die eine tatsächlich sinnvolle Annäherung an jene Zeit überhaupt erst ermöglichen würden.

Der etwas mehr als nur angelegentlich historisch Interessierte weiß heute, dass die „roaring twenties“ der USA mit Bandengewalt und den niederkartätschten Weltkriegsveteranen, die für eine gerechtere Welt demonstrierten bezahlt wurde. Dass im Schatten der chicen französischen „années folles“ die „gueules cassées“, die grausam entstellten Veteranen aus Verdun und vom Chemin des Dames, dahinvegetierten, während ihre geistig verrohten Kameraden für faschistoide Rattenfänger zu Terroristen wurden. Dass in Großbritannien beim Generalstreik 1926 ernsthaft mit einer bolschewistischen Revolution gerechnet wurde. Dass in Italien Mussolinis Schwarzhemden jede Opposition ganz legal totprügeln konnten. Dass in Deutschland jeden Tag (zwischen dem 11. November 1918 und dem 30. Januar 1933) nur mit knapper Not eine in dumpfem Hass auf alles und jeden brütende Soldateska im Zaum gehalten werden konnte. Da scheinen sich die 2020er Jahre dann doch sehr anders anzubahnen, ihre sich schon mehr als nur andeutenden Umbrüche doch ganz anderer Natur zu sein.

Sicher, den Italiener Salvini mit dem Italiener Mussolini zu vergleichen, liegt sehr nahe. Und so mancher junge Ostdeutsche fühlt sich in der Gefolgschaft gewisser Ideologen mehr zuhause als in der liberalen Demokratie. Der Isolationismus, den Trump in den USA vertritt, hat seine jüngsten Vorläufer in den Vereinigten Staaten vor 100 Jahren. Aber werden die 2020er Jahre nur eine Variation des „Tanzes auf dem Vulkan“ der 1920er sein?

Erspäht man in dem neuen Vulkan den Klimawandel, dann ist der Vergleich zumindest möglich. Auch den 20ern, 30ern und 40ern waren sehr viele Menschen auf der Welt davon überzeugt, deren Ende beizuwohnen. So speiste sich auch George Orwells 1948 geschriebenes „1984“ aus dieser Entzauberung des Mythos vom beständigen Fortschritt. Dass aber die Welt klimatologisch vor die Hunde gehen könnte bevor sie es wieder mal politisch versuchen würde – das sah damals niemand, nicht 1920, nicht 1948. Wohlgemerkt: In den 1920ern wollte auch niemand die Möglichkeit eines Hitlers erkannt haben. Zumindest haben das viele – sehr viele in Deutschland – nachträglich behauptet.

Aber was hätte man schon eh voraussehen sollen in den verrückten 1920ern, in die die Welt noch ganz benommen von einem katastrophalen globalen Krieg hineingetaumelt war? Die politischen Revolutionen in Deutschland waren erstmal gescheitert, die von links wie die von rechts. Beide hatten in den frühen Tagen der Weimarer Republik durchaus die stärkeren Bataillone gehabt als die Befürworter der Demokratie. Zumindest die Revolutionierung des Alltags war in vollem Gange. Industriearbeit wurde noch schneller und entfremdeter – was das im Elend fristende Proletariat nur noch anfälliger für Gewalt und Umbruch machte. Mit der neuen globalen Vernetzung von Handel und Verkehr entstand aber auch – vor allem in den Städten – eine neue Mittelschicht kleiner Angestellter, jung, modern, auf der Höhe der Zeit in Mode, Musik, Freizeit und vergnügen. Der von den Gewerkschaften erkämpfte Acht-Stunden-Tag und der zaghafte wirtschaftliche Aufschwung in der Mitte des Jahrzehntes sorgte dafür, dass zumindest für diesen Teil der Bevölkerung eine Freizeitkultur entstand: heute beim Tanztee, morgen beim Sechs-Tage-Rennen, übermorgen am Rand eines Aufmarsches der SA. Der Verbrennungsmotor beschleunigte das Leben noch mehr. Die Anzahl der Pkw in Deutschland stieg in der Zeit von 1924 bis 1932 von 132.000 auf fast eine halbe Million. Die Zahl der Motorräder, 1924 waren es 98.000, verzehnfachte sich annähernd.

Immer schneller, immer bunter, immer wilder, immer unerwarteter, immer schockierender konnte einem das Nachkriegsjahrzehnt erscheinen. Vielleicht würde alles auch besser werden, wenn als ganz anders würde? „Was jetzt war, wird bald wohl vergessen sein. Nur eine leere, grausige Erinnerung, bleibt in der Luft stehen“, schrieb der Philosoph Ernst Bloch 1918. Das war in „Geist der Utopie“, ein Jugendwerk voll revolutionärer Hoffnung. Die Gänsehaut des vergangenen Grauens wurde überlagert von der der erwartungsschwangeren Veränderungslust.

Weit entfernt vom heutigen behutsamen und pragmatischen Umgang mit neuen Herausforderungen erscheint da beispielsweise die Energie, mit der sich Frauen in der Öffentlichkeit ihren Platz erstritten – auch Dank des Wahlrechts ab 1918. Stars wie Anita Berber und Marlene Dietrich funktionierten nicht nur als Diamanten der Glitzerwelt, sondern auch als Exponenten der nach vorne drängenden Massen. Sie machten die Nacht zum Tag und das erschreckte viele. Bis Hitler und seine Parteigänger leichtes Spiel hatten, die Tag zur permanenten Nacht zu machen.

Auch die 2020er werden von rasanten Veränderungen geprägt sein. Die fortschreitende Digitalisierung wird Stadt wie Land bald komplett umkrempeln. Der Klimawandel, der schon alle Anzeichen einer heraufdämmernden Revolution hat, wird alles bisher Dagewesene, Wirtschaft, Mobilität, Wohlstand, Ressourcen ... auf den Kopf stellen.

Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Aber der Blick zurück kann helfen, sich der eigenen Situation zu vergewissern. Vielleicht werden wir die „verrückten 20er“ bald mit nostalgischer Milde betrachten: Was die sich damals dachten... Wenn wir Glück haben, werden das andere Menschen in 100 Jahren ebenso tun beim Blick auf die 2020er.

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