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Boris Johnson, hier noch im Amt des Außenministers.

Boris Johnson

Berufswunsch: Weltherrscher

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Boris Johnson hat sich beim Brexit verzockt ? oder? Ein kurzes Portrait des an Eskapaden reichen Ex-Außenministers Großbritanniens.

Scheißhaufen. Wenn es nach den meisten britischen Kommentatoren geht, dann wird von Boris Johnson nur sein knapper Fäkalbefund zu Theresa Mays Brexit-Kompromissplan von vergangenem Wochenende übrig bleiben. Die Briten haben die Nase gestrichen voll von „The Boris“. Zumindest zurzeit.

Der just abgehalfterte Brexit-Hardliner im Kabinett May gilt als Stehaufmännchen, einer, der ein fernes Ziel nie aus den Augen verliert, egal, wie oft er strauchelt. Viele glaubten bislang, Johnson habe es auf 10 Downing Street abgesehen, aufs Amt des Premiers. Und als 2016 der damalige Bewohner David Cameron mit seinem ungeschickt angesetzten Referendum zum EU-Austritt gescheitert war, schien es, als wäre Johnson kurz vor Aufstieg und Einzug. Spät, aber überlaut hatte er sich zum Wortführer der Brexit-Kampagne aufgeschwungen. Johnson baute auf seine ungeheure Popularität. Unter Torys wurde er als Wunderwaffe gehandelt, einer, der den Konservativen sonst verschlossene Wählerschichten für sich gewinnen konnte. Und zumindest die Londoner vergötterten den bekennenden Radfahrer zeitweise geradezu: „Boris, Boris, Boris“, skandierten Tausende, als er als Bürgermeister der Hauptstadt 2012 die Olympischen Spiele dort eröffnete. Nie wieder sollte er so beliebt sein.

Vier Jahre später, beim Machtkampf in den Trümmern der Regierung Cameron, entschloss sich Johnsons bester Verbündeter, der unbeliebte, aber gut vernetzte damalige Justizminister Michael Gove, im letzten Moment, selbst den Chefposten anzustreben. Die gebeutelten Torys wichen auf Theresa May aus. Die Innenministerin galt als professionell und verlässlich. Und sie hatte sich klar gegen den Brexit ausgesprochen.

Die neue Premierministerin machte Johnson zum Außenminister. Viele sahen das als klugen Schachzug, um seine Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs zu bremsen. Doch als May eine vorgezogene Parlamentswahl ausrief und eine Niederlage einfuhr, traute er sich immer mehr aus der Deckung. Wiederholt fuhr er ihr öffentlich mit seinen Brexit-Vorstellungen in die Parade. Der 54-Jährige inszenierte sich dabei aber auch als quasi geborener Antidiplomat. Die Liste seiner Fehltritte ist lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er Porzellan zerschlägt aus Kalkül oder aus Ignoranz.

Viel spricht dafür, dass Berechnung dahintersteckt. Er gibt sich gern ungeschickt, doch wenn es darauf ankommt, hat er alles unter Kontrolle. Er versucht zudem das Image eines, der sich nicht den Konventionen des Establishments unterwirft, zu kultivieren. Sei es, dass er über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sagt: „Sie müssen nur die Leichen wegräumen.“ Sei es, dass er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als „Götze aus Schlamm“ bezeichnet wird. „Nicht angemessen“, zischte sein Botschafter ihm zu.

Schlimm waren auch seine Ausfälle vor dem Brexit-Referendum. Er verglich die Ambitionen der EU mit dem Großmachtstreben Hitlers und Napoleons. Den Briten versprach er, im Falle eines Brexits 350 Millionen Pfund an EU-Beiträgen pro Woche in das Gesundheitssystem zu stecken. Er verschwieg, dass London einen großen Teil seiner Beiträge ohnehin zurückerhält. Johnson nimmt es nicht so genau mit der Wahrheit, wenn es ihm nützt. Das tat er schon als Journalist bei der renommierten Tageszeitung „The Times“, die ihn dann auch konsequent rauswarf. Das Konkurrenzblatt „The Telegraph“ empfing ihn dafür mit offenen Armen. Eben ein Stehaufmännchen.

Und mehr. Conrad Black, einstmals Herausgeber des „Telegraph“, fand, Johnson sei ein „listiger Fuchs, verkleidet als Teddybär“. Und der Fuchs, der nun gerade seine Wunden leckt – und sich sicherheitshalber auch etwas vom Brexit-Geschehen entfernt –, hat immer noch sein Fernziel vor Augen. Downing Street? Vielleicht. Seine Schwester Rachel scherzte mal, als Kind habe er stets als Berufswunsch „King of the World“ – Herrscher der Welt – genannt. (mit dpa)

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