+
So soll sie einmal aussehen, die gigantische Brücke zwischen Kalabrien und dem sizilianischen Messina.

Hängebrücke der Superlative

Berlusconis Prestigeobjekt

Startschuss für einen Bau der Superlative - die Hängebrücke über die Straße von Messina. Die Regierung sagt, das Bauwerk werde die Steuerzahler keinen Cent kosten. Aber das ist eine Lüge. Von Dominik Straub

Von Dominik Straub

Es hätte der letzte große Auftritt Silvio Berlusconis in diesem Jahr werden sollen: Mit dem Spatenstich für das gewaltigste Bauwerk in der Geschichte der Republik hätte er sich vor laufenden Kameras einmal mehr als Mann der Tat und als Modernisierer Italiens profilieren können. Doch der symbolträchtige Termin muss aufs nächste Jahr verschoben werden.

Nach der Attacke in Mailand, bei der ihm ein geistesgestörter Mann ein Marmor-Souvenir ins Gesicht geschleudert hatte, will Berlusconi auf öffentliche Auftritte vorerst verzichten.

Nicht verschoben werden dagegen die Bauarbeiten, die wie geplant heute beginnen sollen. Die Hängebrücke, welche Reggio Calabria auf dem italienischen Festland ab dem Jahr 2016 mit Messina auf Sizilien verbinden soll, ist ein einziger Superlativ: Sie soll mit einer Länge von 3,3 Kilometern fast dreimal länger werden als die Golden-Gate-Bridge in San Francisco; ihre beiden Kandelaber werden mit ihrer Höhe von 382 Metern den Eiffelturm um 80 Meter überragen.

Das Bauwerk mit insgesamt zehn Fahrspuren soll Windgeschwindigkeiten von 216 Kilometern pro Stunde sowie einem Erdbeben der Stärke 7,1 auf der Richterskala standhalten.

Der heutige Spatenstich gilt indessen nicht der Brücke selbst, sondern einem sogenannten "Umgebungsprojekt": Beim Städtchen Villa San Giovanni, wo dereinst der kalabrische Kandelaber stehen soll, muss eine Bahnlinie verlegt werden.

Schwarzes Loch für den Staatshaushalt

Bei dem mit viel Pomp angekündigten Termin handle es sich um einen einzigen, für den Selbstdarsteller Berlusconi typischen Bluff, betonen Brückengegner und Opposition. Tatsächlich waren die 26 Millionen Euro, welche die Gleisverlegung kostet, schon vor drei Jahren und unabhängig von dem Brückenprojekt bewilligt worden. Der Bau der Brücke soll erst im nächsten Jahr beginnen.

Eine glatte Unwahrheit ist die Aussage von Transportminister Altero Matteoli, wonach das insgesamt 6,3 Milliarden Euro teure Bauwerk die Steuerzahler "keinen Cent" kosten werde. Zwar soll die Brücke, für deren Bau Kosten von 3,8 Milliarden Euro veranschlagt werden, durch private Investoren finanziert werden. Die für die "Umgebungsprojekte" und Zufahrten erforderlichen restlichen 2,5 Milliarden Euro wird indessen der Staat bezahlen, der über den Autobahnbauer Anas, die Bahnen und andere Staatsbetriebe an der privaten Betreibergesellschaft "Stretto di Messina Spa" (Meerenge von Messina AG) beteiligt ist.

In der Tat könnte sich die Brücke, wie Vertreter der Opposition prophezeien, zum "schwarzen Loch für den Staatshaushalt" entwickeln - sofern sie tatsächlich gebaut wird. Die Finanzierung ist noch keineswegs gesichert: Von privater Seite ist bisher kein einziger Euro gezeichnet worden.

Der Startschuss für die Privatfinanzierung soll erst in der zweiten Jahreshälfte 2010 fallen. Für die Steuerzahler bleibt ein hohes Risiko: Die Betreibergesellschaft will die Baukosten mit Benutzungsgebühren amortisieren - sollten die Einnahmen unter den Erwartungen bleiben, garantiert der Staat, nachträglich bis zu 50 Prozent des privat investierten Kapitals zurückzuerstatten.

Die "Stretto di Messina Spa" rechnet mit einem stark steigenden Verkehrsaufkommen von bis zu 140.000 Fahrzeugen, die ab 2016 täglich die Brücke passieren werden - während die Fährbetriebe schon heute über rückläufige Zahlen klagen. "Die Prognosen zum Verkehrsaufkommen sind, wie auch jene für die Baukosten und die Kosten für den Landerwerb, viel zu optimistisch", betont der Ökonom Guido Signorino.

Während die Steuerzahler allen Grund zur Sorge haben, freut sich auf beiden Seiten der Meerenge das organisierte Verbrechen. Laut den Erkenntnissen der Anti-Mafia-Behörde haben Strohmänner der ´Ndrangheta (auf kalabrischer Seite) und der Cosa Nostra (auf sizilianischer Seite) schon vor Jahren im großen Stil Bauparzellen aufgekauft, die für die Brücke und deren Zufahrten benötigt werden. Außerdem haben mafiöse Bauunternehmen ihre Sitze nach Reggio Calabria und Messina verlegt, um an den Bauvergaben teilhaben zu können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion