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Heute eröffnen die 70. Filmfestspiele in Berlin.

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70. Filmfestspiele: „Die Berlinale bleibt politisch“

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Heute eröffnen die 70. Filmfestspiele in Berlin. Ein Gespräch mit dem neuen Leitungsduo über Sexismus, Zensur und den Auftrag des Kinos.

Herr Chatrian, Sie kommen vom Filmfestival Locarno. Was ist für Sie der größte Unterschied zur Berlinale?

Chatrian: Das ist wie Sommer und Winter.

Das ist eine klare Antwort.

Chatrian:Ich kann schon etwas mehr erklären. Es gibt eine ganze Menge Unterschiede, aber eine sehr wichtige Gemeinsamkeit: beides sind Publikumsfestivals. Das Publikum unterscheidet sich natürlich, weil Locarno eine Art Kino-Dorf ist, zu dem der Großteil der Leute bewusst fährt. Berlin ist eine Millionenstadt, das Interesse ist breiter, es mischen sich Berliner Publikum und das anreisende Fachpublikum.

Sommer und Winter: Ist also das eine Festival freundlicher, das andere düsterer?

Carlo Chatrian, 1971 geboren, verantwortet als neuer künstlerischer Leiter die Wettbewerbsfilme der Berlinale. Zuvor arbeitete der Italiener für die Filmfestivals in Alba und Locarno, dort seit 2012 als künstlerischer Leiter.

Chatrian:Oh, das müssen Sie selbst beurteilen. Die Berlinale ist etwas anders strukturiert, weil es hier nicht nur den Wettbewerb gibt, sondern mehrere Sektionen, den European Film Market und Initiativen wie zum Beispiel Berlinale Talents. Sie funktioniert wie eine Stadt, nicht wie ein Dorf. Die Tonlage wird aber hier wie dort von den Filmen bestimmt. Da kann das Programm mal in Locarno dunkler ausfallen und mal in Berlin.

Am Donnerstag eröffnet die 70. Berlinale mit „My Salinger Year“. Warum starten Sie in das Jubiläum eigentlich nicht mit „Berlin Alexanderplatz“? Dieser Film verbindet die Zeit des Romans von Alfred Döblin mit unserer Gegenwart.

Chatrian:Wir wollten den ersten Film nicht einem so großen Erwartungsdruck aussetzen, deshalb ist es besser, wenn der außer Konkurrenz läuft. „My Salinger Year“ wird daher als BerlinaleSpecial-Gala gezeigt. Er handelt von einer jungen Frau, die Schriftstellerin werden möchte. Es ist ein Film über Wünsche und Verlangen. Und der kann sehr gut das Festival repräsentieren. So haben wir nicht nur den Namen eines großen Schriftstellers, sondern auch eine großartige Schauspielerin mit Sigourney Weaver und können zeigen, dass wir durchaus auch Stars zum Festival bringen.

Wie politisch sollte solch ein Festival sein?

Rissenbeek:Berlin ist eine politische Stadt, das Publikum hier ist politisch, die Filmschaffenden bearbeiten auch viele Themen, die politisch sind. Das Festival ist es natürlich auch.

Ihr Vorgänger Dieter Kosslick hat auf seinen politischen Anspruch sehr viel Wert gelegt. Davon wollen Sie sich also nicht abgrenzen.

Rissenbeek:Nein, warum auch? Die Berlinale ist auch vor Dieter Kosslick schon ein Fenster zur Welt gewesen. Dennoch geht Carlo in der Auswahl der Filme noch einmal anders vor als das vorherige Team.

Chatrian:Ich denke, die Art und Weise, wie Filme heute politisch sind, unterscheidet sich sehr deutlich von der, wie sie es in den 70er und 80er Jahren waren. Die Rolle von Politik hat sich verändert, auch die Grenzen zwischen dem Privaten und Politischen. Für mich sind die politischsten Filme nicht die mit einem bestimmten Thema, sondern jene, die die Ansichten des Betrachters verändern wollen. Je subtiler sie wirken, desto besser.

China war oft mit Filmen im Wettbewerb vertreten. Hat es auch mit Politik zu tun, dass diesmal kein chinesischer Film dabei ist? 2019 wurde ein Film von Zhang Yimou aus dem laufenden Wettbewerb genommen, offiziell wegen technischer Probleme, aber viele sprachen von Zensur.

Mariette Rissenbeek, 1956 geboren, ist die neue Geschäftsführerin der Berlinale. Die Niederländerin ist Filmproduzentin und Marketingmanagerin und war zuletzt bei German Films zuständig für Festivalbeziehungen.

Chatrian:So etwas ist im letzten Jahr sogar bei anderen Festivals geschehen, zum Beispiel in Schanghai. Das hat bei der chinesischen Filmindustrie einige Unruhe bewirkt und deutlicher gemacht, dass es Zeit braucht, einen Film durch die Zensur beim Kulturministerium zu bringen. Ich war in China, wir hatten drei Projekte in der engeren Auswahl, doch wurde keines von ihnen rechtzeitig fertig.

Sie haben sich vom Kulinarischen Kino und dem Native-Programm verabschiedet, aber mit Encounters eine neue Sektion eingeführt. Wie unterscheidet sich die vom Wettbewerb?

Chatrian:Wir haben uns entschieden, diese beiden Programme zu beenden, weil wir finden, beim Kino sollte es nicht zuerst um Themen gehen, sondern um die Filme. Mit der Sektion Encounters, die eine eigene Jury hat, möchten wir stärker darauf reagieren können, was in der Filmlandschaft Neues passiert. Filme, die sich mit Ernährung beschäftigen, oder die aus indigenen Kulturkreisen kommen, gibt es weiterhin. Dafür brauchen wir keine extra Sektion.

Aber Encounters macht nicht dem Wettbewerb Konkurrenz?

Chatrian:Der Wettbewerb ist und bleibt das Zentrum des Programms, es ist der Platz für die Filme, die wir für die stärksten halten. Encounters bildet sozusagen den Kontrapunkt, wo neue Mittel des Erzählens vorgestellt werden. Da haben wir essayistische und dokumentarische Formen, auch einen Film ohne Worte.

Noch vor Ihrer ersten Berlinale waren Sie mit deren Geschichte konfrontiert, mit der Rolle, die der einstige Berlinale-Leiter Alfred Bauer in der Nazizeit spielte. Wie reagieren Sie darauf? Kann der Preis rückwirkend umbenannt werden? Im Prinzip sind doch alle Preisträger jetzt beschädigt.

Chatrian:Die beste Antwort darauf hat schon Agnieszka Holland gegeben, die 2017 für „Pokot“ ausgezeichnet wurde. Sie sagte, sie habe immer nur den Silbernen Bären als ihren Preis angesehen und nicht den Namensgeber.

Sigourney Weaver (links) als Literaturagentin im Film „My Salinger Year“, der das Festival an diesem Donnerstag eröffnet.

Rissenbeek:In diesem Jahr, zum Jubiläum, ist es nicht schwer, einen Sonderpreis zu den 70. Internationalen Filmfestspielen zu vergeben. Für die Zukunft müssen wir eine Lösung finden. Wir sind dabei, ein Institut für Zeitgeschichte mit der Prüfung zu beauftragen, wie genau sich Alfred Bauer in der NS-Zeit verhalten hat.

Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrem Jury-Präsidenten Jeremy Irons. Er ist als der sprichwörtliche alte weiße Mann in der Vergangenheit mit sexistischen Äußerungen aufgefallen. Er kann doch nicht für einen Neuanfang stehen.

Chatrian:Er ist ein großer Schauspieler. Deswegen haben wir ihn berufen, ganz einfach. Und außerdem muss man immer wieder darauf hinweisen, dass Jeremy Irons lange zurückliegende unglückliche Äußerungen auch schon vor Jahren revidiert hat. Sie repräsentieren überhaupt nicht seine Geisteshaltung. Und wissen Sie, was er als Erstes gesagt hat, als verkündet wurde, dass er Jurypräsident würde? Er freue sich auf die Arbeit mit seinen Kollegen. Da wusste er noch nicht einmal, wer das sein würde. Das ist eine Antwort, die nur jemand geben kann, der offen für andere Meinungen ist.

Interview: Cornelia Geißler und Susanne Lenz

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