Afghanistan

Berlin soll auf Taliban einwirken

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Islamisten weigern sich bisher, mit der Regierung in Kabul zu reden.

Die Gespräche laufen bereits seit acht Monaten – so lange schon verhandelt der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad mit den Taliban über einen Abzug der rund 14.000-köpfigen US-Truppe und etwa 6000 Soldaten aus Nato-Ländern vom Hindukusch. Doch wenige Tage vor der am Samstag beginnenden siebten Gesprächsrunde wird deutlich: Eine Vereinbarung bis Anfang September, wie US-Außenminister Mike Pompeo Anfang der Woche in Kabul verkündete, kann es nur geben, wenn deutsche Diplomaten Washington helfen.

Berlin soll in Absprache mit Washington einen „innerafghanischen Dialog“ anregen, bei dem unter Beteiligung der Taliban über die politische Zukunft am Hindukusch diskutiert werden soll. Bisher verweigern die radikalislamischen Milizen aber die Teilnahme, wenn Regierungsvertreter aus Kabul anwesend sein sollten. In der afghanischen Hauptstadt ist zu hören, dass Berlin bereits am 7. Juli zum ersten Treffen in Doha einladen wolle – einschließlich afghanischer Regierungsvertreter, die in persönlicher Eigenschaft teilnehmen dürften. Bislang fehlt jede offizielle Bestätigung.

Gleichzeitig formiert sich am Hindukusch massiver Widerstand gegen die Verhandlungsstrategie von Zalmay Khalilzad, den US-Präsident Donald Trump für das Amt ausgewählt hatte. „Wenn alle ethnischen Gruppen nicht bald in den Verhandlungsprozess um den Abzug ausländischer Truppen einbezogen werden, sehe ich schwarz für die Zukunft des Landes. Wir haben die Erfahrung und die Mittel, um unsere Interessen zu wahren“, sagt der 54-jährige Afzal Hadeed der FR. Er ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Provinzrats in Balkh und Mitstreiter des mächtigen, zur Minderheit der Tadschiken gehörenden Kriegsfürsten Atta Mohammed. Man kann den Satz als Drohung oder Warnung verstehen.

Milizen treten großspurig auf

Der US-Sonderbeauftragte Zalmay Khalilzad stammt selbst aus Masar-i-Scharif, dort sind derzeit noch rund 1300 Bundeswehrsoldaten stationiert. Die Taliban sind offenbar zu der Verpflichtung bereit, zukünftig Terroraktivitäten in Afghanistan zu verhindern. Khalilzad will bei der siebten Gesprächsrunde mit den Taliban am Samstag in Katars Hauptstadt Doha Einzelheiten des Abzugs aller ausländischen Truppen beraten. Er schlug bereits vor, rund 1000 US-Soldaten am Hindukusch zu lassen, um die US-Botschaft zu schützen. Das sei kein Problem, antworteten die Milizen, solange sie im Gegenzug 1000 Kämpfer zur afghanischen Vertretung in den USA senden dürften.

Mit ähnlicher Selbstherrlichkeit, die an die Verhandlungsstrategie der Milizen vor mehr als 20 Jahren erinnert, weigern sich die Taliban, mit Repräsentanten der Regierung von Präsident Ashraf Ghani in Kabul zu sprechen. Berlins Afghanistanbeauftragter Marcus Potzel versucht seit Monaten, die Milizen umzustimmen. Er sprach unter anderem mit Mullah Abdul Ghani Baradar, einem Mitgründer der Taliban und gegenwärtig Verhandlungsführer der radikalislamischen Milizen.

„Die Russen sind mit ihren Bemühungen, einen Dialog zu beginnen, schon viel weiter“, sagt in Kabul Abdul Hakim Mujahid, der ehemalige UN-Botschafter der Taliban und gegenwärtig Mitglied des von dem früheren Präsidenten Hamid Karzai ernannten „High Peace Council“ (HPC). Er kehrte Anfang Juni von einem Treffen der von Moskau gesteuerten Runde in der Türkei zurück. „Die USA haben einen großen Fehler gemacht“, glaubt der ehemalige Diplomat der Milizen, „sie haben die Taliban mit diesen Verhandlungen zu stark aufgewertet.“ Die Gotteskrieger werden von der Bevölkerungsmehrheit der Paschtunen dominiert, sehen sich als alleinige Vertreter der Volksgruppe und kontrollieren rund zwei Drittel des afghanischen Territoriums. Das Misstrauen der schiitischen Hasara-Minderheit, der Tadschiken und Usbeken, die überwiegend im Norden Afghanistans leben, ist gegenüber den Taliban gewachsen.

Zudem stößt die Eile der USA auf Unverständnis. „Der afghanische Konflikt dauert schon mehr als 40 Jahre“, erklärte Sima Samar von der „Unabhängigen Menschenrechtskommission“ (AIHRC) im Gespräch mit der FR, „die Lage ist zu komplex für eine schnelle Lösung. Es genügt nicht, dass die Taliban ein Papier unterschreiben und Fensterreden halten.“

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