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Bericht legt Folter in türkischer Haft offen

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Von: Erkan Pehlivan

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Mehrere Folteropfer aus der Türkei erzählen in einem Bericht über ihr Martyrium in türkischer Haft. Die Autoren fordern Sanktionen gegen die Verantwortlichen.

London – Seit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 in der Türkei wurden rund zwei Millionen Menschen Ermittlungen wegen Terrordelikte eingeleitet. Hunderttausende Menschen wurden seither festgenommen und viele von ihnen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Und die Zahlen steigen noch weiter. Allein am 18. Oktober wurden in der Türkei 704 Personen wegen Terrordelikte festgenommen. Sie hatten Familien mit Geld und Lebensmitteln unterstützt, deren Angehörige unter anderem im Gefängnis sitzen. Derzeit sitzen weiterhin zehntausende politische Gefangene im Gefängnis, unter ihnen dutzende Journalist:innen und auch Oppositionspolitiker der pro-kurdischen HDP.

Politischen Gefangenen in der Türkei droht oft Folter

Wer wegen Terrordelikten beschuldigt wird, dem droht in der Türkei oft auch Folter. Das belegt jetzt ein gemeinsamer Bericht der Menschenrechtsorganisationen „London Advocacy“ und „Human Rights Solidarity“. Für den Bericht haben die beiden Londoner Organisationen Interviews mit 10 Personen geführt, die in türkischer Haft gefoltert wurden und jetzt Zuflucht im Vereinigten Königreich gefunden haben. Bei den meisten Opfern handelt es sich um Lehrer:innen und Ärzt:innen. Die Leidensgeschichten der Türkeistämmigen bestätigen die gnadenlose Vorgehensweise gegen viele Regimekritiker seit dem Umsturzversuch.

Fr.de von IPPEN.MEDIA hat mit einem der Opfer gesprochen, die in dem Bericht als „Interviewee 6“ aufgeführt wird. Die Lehrerin und Mutter lebt heute in London und musste ihren Ehemann und Kinder zurücklassen. Das Opfer erzählt, dass sie Lehrerin an einer Privatschule war, die der sogenannten Gülen-Bewegung nahesteht. Sie wurde gemeinsam mit ihrem Mann zwei Monate nach dem Putschversuch in den Sommerferien in Istanbul festgenommen und ins Polizeipräsidium in Ankara gebracht.

Hunderttausende nach Putschversuch in der Türkei festgenommen. Viele sollen gefoltert worden sein.
Festgenommene Militärangehörige in der Türkei © imago

„In dem Kleinbus waren nicht nur wir, sondern auch viele andere, die genau wie wir festgenommen und nach Ankara gebracht wurden“, sagt die Lehrerin. Auf dem Weg dorthin habe ein Polizist mit dem Vornamen „Sait“ die Insassen immer wieder bedroht. „Er hat uns immer wieder als Verräter, Diebe und Terroristen beschimpft“, erzählt sie. Die Hände ihres Mannes seien während der gesamten Fahrt von hinten gefesselt gewesen.

Auch Polizistin bei Folter anwesend

Dort wurde die Lehrerin in eine etwa sechs Quadratmeter große Zelle gebracht, in der sie teilweise mit bis zu 14 Frauen eingesperrt waren. Sie mussten auf dem Boden schlafen, da zu wenig Platz in der Zelle war. „Sie haben uns immer gegen Mitternacht zum Verhör (Türkisch: (mülakat) gebracht, damit wir nicht schlafen konnten.“ Bei einem der Verhöre, erzählt die ehemalige Gefangene, dass sie mit Kabelbinder gefesselt worden sei und beim Verhör mit dem Gesicht an die Wand gestellt wurde.

„Bei dem Verhör waren zwei männliche Polizisten und eine Polizistin anwesend. Einer von ihnen war der stellvertretende Leiter der Abteilung für Finanzdelikte, den sie Mustafa nannten. Er hat mir eine Plastiktüte übergestülpt und diese immer wieder an meinem Hals zusammengedrückt. Ich hatte das Gefühl, ich sterbe. Dann nahmen sie die Tüte immer wieder ab. Das haben sie wiederholt“, erzählt das Opfer.

Opfer müssen Namen nennen uns „Geständnisse“ unterschreiben

Sie wollten von ihr Namen von anderen „Terroristen“ haben und dass sie ein vorgefertigtes Geständnis unterschreibt. Sie selbst sagt ,niemals straffällig auffällig geworden zu sein und auch keine Terroristen zu kennen. Bei den Verhören sei sie immer wieder angeschrien worden, hin- und hergeschubst und ihr sei mit ihren Kindern gedroht worden. „Hast du kein Mitleid mit deinen Kindern, sie werden ohne dich aufwachsen“, hatte die Polizistin sie immer wieder bedroht. Zudem warfen sie der Mutter vor, Fragen beim Test zur Aufnahme in den öffentlichen Dienst Türkisch („Kamu Personeli Seçme Sınavı“ – KPSS) bekommen zu haben. „Ich bin wie jeder andere in die Prüfung gegangen und habe vorher gelernt. Wie soll ich Namen nennen, wenn ich doch keine Prüfungsfragen zuvor zugesteckt bekommen habe“, erzählt uns „Interviewee 6“.

Verweigerung medizinischer Versorgung als Foltermethode

Der Bericht zeigt auch, dass politischen Gefangenen medizinische Versorgung verwehrt, unzureichend oder verspätet gewährt wird. So wie bei einem Arzt, der in dem Bericht als „Interviewee 4“ aufgeführt wird. Der damals krebskranke Mann musste einen Monat warten, bis er in ein Krankenhaus gebracht wurde. Dort angekommen, wurde der Mediziner zunächst gedemütigt. „Als ich zur Untersuchung ins Krankenhaus ging, wurde ich gezwungen, durch die Flure des Krankenhauses zu gehen, in dem ich zuvor gearbeitet hatte“. Auch dieser Arzt berichtet, in einer überfüllten Zelle gefangen gewesen zu sein. In einer etwa 2,5 mal 5 Meter großen Zelle seien sie bis zu 14 Personen gewesen.

Bericht soll Peiniger abschrecken und Opfer ermutigen

Viele Andere hat es schlimmer getroffen. In den türkischen Polizeipräsidien und Gefängnissen hat es seit 2016 mehrere Todesfälle gegeben, die Folge von Folter waren. „Wir wollen, dass die Stimmen der Opfer gehört werden und andere Opfer dazu ermutigen, ebenfalls über ihre Erlebnisse zu sprechen. Dadurch sollen die Peiniger abgeschreckt werden“, erzählt der Hauptautor des Berichts, Dr. Mustafa Günaydin fr.de von IPPEN.MEDIA. Günaydin erzählt, dass die Folteropfer Angst um ihre Familienangehörigen in der Türkei hätten und dadurch ihre Namen geheim gehalten würden.

Autoren fordern Sanktionen gegen Peiniger

Der Bericht empfiehlt der britischen Regierung, internationalen Gremien sowie Nichtregierungsorganisationen Folterfälle in der Türkei zu untersuchen und öffentlich zu machen. „Wir fordern das Vereinigte Königreich, die Europäische Union und US-Regierung auf wegen der Folterfälle Sanktionen gegen die Verantwortlichen zu verhängen“, so Günaydin. Zuletzt hatte es Vorwürfe gegen das türkische Militär gegeben, Giftgas bei ihrer Militäroperation gegen die PKK im Nordirak eingesetzt zu haben. Eine internationale Untersuchung blieb bislang jedoch aus. (Erkan Pehlivan)

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