Trügerische Waffenruhe

Bergkarabach: Erdogan und Putin kämpfen um Führung im Südkaukasus - Heftiger Raketenbeschuss trotz Waffenruhe

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Wladimir Putin scheint den Konflikt um Bergkarabach nach wie vor nicht im Griff zu haben. Das liegt auch daran, dass die Armee Aserbaidschans massiv von Recep Tayyip Erdogan unterstützt wird.

  • Armenien und Aserbaidschan kämpfen um Bergkarabach.
  • Ein kremlnaher Telegram-Kanal feiert Wladimir Putin als Friedensstifter, doch Russland hat die Lage nicht im Griff.
  • Die Türkei unterstützt die Armee von Aserbaidschan.

Auf einem Hügel nahe dem 4000-Seelenstädtchen Hadrut liegt ein armenischer Scharfschütze, den Finger am Abzug seines Gewehrs. „Roma, erzähl, was gibt es für Feindbewegungen?“, fragt ihn ein Reporter des russischsprachigen Telegram-Kanals „WarGonzo“. „Ein Kommandotrupp“, antwortet Roma und beugt sich wieder über sein Zielfernrohr. Am Wochenende konzentrierten sich Frontberichte und Kriegspropaganda auf Hadrut am umkämpften Südrand von Bergkarabach.

Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin sind Konkurrenten im Krieg um Bergkarabach (Archivbild März 2020)

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew sagte der russischen Agentur RBK, die Armenier versuchten, den von seinen Truppen befreiten Ort zurückzuerobern. Doch schon vorher war dort Araik Harutjunjan, Präsident der armenischen Rebellenrepublik Bergkarabach, aufgetaucht. Er dankte seinen Kämpfern für die siegreiche Verteidigung der Stadt. Nach Angaben armenischer Telegram-Kanäle wurde dabei eine türkische Spezialeinheit, der 400 Männer angehören, zerschlagen.

Kampf um Bergkarabach: Trügerische Waffenruhe zwischen Armenien und Aserbaidschan

Die Feuerpause, die die Außenminister Armeniens und Aserbaidschans in Moskau nach elfstündigen Verhandlungen vereinbart hatten und die am Samstag in Kraft trat, steht schon wieder infrage. Die Aserbaidschaner meldeten heftigen armenischen Raketenbeschuss auf die Stadt Gandscha mit neun zivilen Todesopfern, die Armenier aserbaidschanisches Feuer auf die Karabacher Hauptstadt Stepanakert. Der in Moskau vereinbarte Gefangenenaustausch finde nicht statt, schimpfte Rebellenpräsident Harutjunjan, weil an der Front gekämpft werde.

Eine Frau sitzt nach einem Beschuss der armenischen Artillerie inmitten der Trümmer ihres Hauses in Terter, Aserbaidschan.

Die Waffenruhe, die die beiden Außenminister unter Vermittlung des russischen Chefdiplomaten Sergej Lawrow unterzeichnet hatten, sieht außer dem Austausch von Toten und Gefangenen den Beginn „substanzieller Verhandlungen“ für eine Friedensregelung vor, unter Vermittlung der sogenannten Minsker Gruppe der OSZE. Sie versucht unter Vorsitz Frankreichs, Russlands und der USA seit 1992, den Dauerkonflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die armenische Enklave Bergkarabach zu lösen. Bisher vergeblich.

Laut militärischen Beobachtern drängte Aserbaidschan die Armenier in der vergangenen Woche vor allem an der Südflanke der Karabach-Front in die Defensive. Umso überraschender die Einigung auf eine Waffenruhe.

Kampf um Bergkarabach: Kremlnaher Telegram-Kanal feiert Wladimir Putin als Friedensstifter

Anderthalb Wochen hatte der Kreml die Kämpfe eher passiv erfolgt, dann telefonierte Wladimir Putin erst mit dem armenischen Premier Nikol Paschinjan, danach mit Alijew. Zwei Tage später trafen deren Außenminister in Moskau ein. Und jetzt feiert der kremlnahe Telegram-Kanal „Merkuri“ Russlands Staatschef als Friedensstifter. „Nicht Merkel, Macron, Erdogan oder Trump haben den Wahnsinn in der Region gestoppt, sondern konkret Putin.“

Nur ist die „Putinsche Waffenruhe“, so das Portal „Zargrad“, schon wieder fraglich, die vereinbarten Verhandlungen erst recht. „Alles hängt von der armenischen Seite ab“, sagte der aserbaidschanische Staatschef. Es müsse die Feuerpause einhalten und sich am Verhandlungstisch konstruktiv zeigen. Der Armenier Paschinjan seinerseits beharrte per Facebook darauf, dass die Welt das Recht Bergkarabachs auf Selbstbestimmung anerkennen müsse.

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Der Kreml scheint den Konflikt um Bergkarabach nach wie vor nicht im Griff zu haben. Das liegt auch daran, dass die Armee Aserbaidschans massiv von der Türkei unterstützt wird. Die „New York Times“ entdeckte türkische F-16-Kampfjets auf aserbaidschanischen Flugplätzen, auch die russische Staatsagentur „RIA Nowosti“ schreibt von Hunderten syrischen Kämpfern, die die Türkei an der Karabach-Front einsetze. Und der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu verwarf die Waffenruhe schon im Voraus: Es habe 30 Jahre Waffenstillstand gegeben, ohne dass die Armenier Anstalten gemacht hätten, sich aus Aserbaidschan zurückzuziehen.

Die Türkei stellt offenbar Russlands Monopol als Ordnungsmacht in den früheren Sowjetrepubliken des Südkaukasus infrage. Aserbaidschan jedenfalls hat sich schon neu orientiert. „Die Rolle der Türkei“, sagte Staatschef Alijew, „sollte in unserer Region noch größer sein, auch bei der Regelung dieses Konflikts.“ (Von Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © Pavel Golovkin

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