Feuerpause vereinbart

Bergkarabach: Brüchige Waffenruhe im Kaukasus - Gegenseitige Vorwürfe

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  • Sebastian Richter
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Mit Vermittlung Moskaus vereinbaren Aserbaidschan und Armenien eine Waffenruhe im Konflikt um Bergkarabach. Doch die Feuerpause ist brüchig.

  • Im Konflikt um die Region Bergkarabach im Südkaukasus vereinbaren Aserbaidschan und Armenien eine Waffenruhe.
  • Nun sollen „ernsthafte Verhandlungen“ über die Zukunft der Kaukasusregion folgen.
  • Bergkarabach ist seit Jahrzehnten zwischen Armenien und Aserbaidschan umstritten.

Update vom Sonntag, 11.10.2020, 07.35 Uhr: Die zwischen Armenien und Aserbaidschan vereinbarte Waffenruhe im Konflikt um Bergkarabach ist bis Sonntagmorgen nicht vollständig in die Tat umgesetzt worden. Beide Seiten warfen sich auch am frühen Morgen Verstöße gegen die Abmachung und weitere Angriffe vor.

Am frühen Sonntagmorgen meldeten aserbaidschanische Medien Artillerieangriffe der armenischen Seite auf die Stadt Ganja im Westen des Landes. Unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Baku berichtete die Agentur Azertag, die Stadt sei in der Nacht beschossen worden. Nach einem Bericht der „Bakupost“ wurden beim Einschlag eines Projektils in ein Wohnhaus drei Menschen getötet und 40 weitere verletzt.

Auch Armenien sprach von fortgesetzten Angriffen des aserbaidschanischen Militärs auch nach Samstagmittag, als die Waffenruhe in Kraft treten sollte. Außenminister Sohrab Mnazakanjan forderte die Gegenseite auf, die Waffenruhe zu respektieren und in die Tat umzusetzen. Er warf dem aserbaidschanischen Militär fortgesetzte Angriffe gegen Stepanakert, die Hauptstadt der umkämpften Region Bergkarabach, auch in der Nacht vor. „Das ist abscheuliche Aggression“, twitterte er. Die Angaben der Konfliktparteien konnten von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden.

Russland erinnerte unterdessen nach neuen Kämpfen die beiden verfeindeten Nachbarn an die strikte Einhaltung der ausgehandelten Waffenruhe für die Unruheregion Bergkarabach. Es sei notwendig, dass an den Vereinbarungen festgehalten werde, teilte das Außenministerium in Moskau mit. Außenminister Sergej Lawrow habe dies bei Telefongesprächen mit seinen Kollegen aus Aserbaidschan und Armenien, Jeyhun Bayramov und Sohrab Mnazakanjan, noch einmal besprochen.

Ein Explosionskrater in der Nähe einer Schule in Stepanakert.

Krieg um Bergkarabach: Waffenruhe tritt in Kraft

+++ 11.30 Uhr: In der Konfliktregion Bergkarabach im Süden des Kaukasus ist nach schweren Gefechten mit Hunderten Toten am Samstag eine Waffenruhe in Kraft getreten. Die Kämpfe zwischen den beiden verfeindeten Nachbarstaaten Armenien und Aserbaidschan sollten seit 10.00 Uhr MESZ (12.00 Uhr Ortszeit) ruhen. Die Sprecherin des armenischen Militärs, Schuschan Stepanjan, bestätigte einen entsprechenden Befehl, die Kämpfe zu stoppen. Die Feuerpause wurde in der Nacht auf Samstag nach stundenlangen Verhandlungen in Moskau durch Russland vermittelt. Unklar war zunächst, ob sie Bestand hat.  Beide Seiten warfen sich kurz nach dem Inkrafttreten gegenseitig weitere Beschüsse vor.

Nach ersten Angaben aus Armenien wurde die Waffenruhe bereits kurz nach Inkrafttreten gleich wieder gebrochen. Dafür gab es jedoch keine unabhängige Bestätigung. Am Vormittag habe es zahlreiche Luftangriffe gegeben, hieß es aus Eriwan. Auch die Stadt Kapan in Armenien an der Grenze zu Bergkarabach soll angegriffen worden sein. Es soll Verletzte und Toten geben. Das wies Baku jedoch als „Lüge“ und „Provokation“ zurück. Aserbaidschan habe versucht, sich vor der Waffenruhe noch einen Vorteil zu verschaffen, erklärte die armenische Armeesprecherin auf Facebook. Baku wirft hingegen Eriwan vor, Siedlungen mit Raketen beschossen zu haben.

Armenien und Aserbaidschan haben sich auf eine Waffenruhe bei den Kämpfen in der Südkaukasusregion Bergkarabach geeinigt.

Krieg in Bergkarabach: Armenien und Aserbaidschan vereinbaren Waffenruhe

Update vom Samstag, 10.10.2020, 06.45 Uhr: In der schwersten Gewalteskalation seit Jahren in der Südkaukasusregion Bergkarabach mit Hunderten Toten haben sich Armenien und Aserbaidschan auf eine Waffenruhe geeinigt. Die nun „aus humanitären Gründen“ vereinbarte Waffenruhe solle Samstagmittag in Kraft treten, erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow nach stundenlangen Verhandlungen zwischen den Außenministern Jeyhun Bayramov und Sohrab Mnazakanjan. Beide Seiten hätten zudem den Beginn „ernsthafter Verhandlungen“ über die Zukunft der seit Jahrzehnten umstrittenen Region vereinbart.

Die Feuerpause solle dazu genutzt werden, um Kriegsgefangene und andere inhaftierte Personen auszutauschen und die Körper toter Soldaten in ihre Heimat zu übergeben, hieß es. Weitere Details der Waffenruhe sollten zusätzlich vereinbart werden. Grundlegende Friedensverhandlungen solle es unter Führung der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) geben. Die Gruppe wird von Russland, den USA und Frankreich angeführt, die in dem Konflikt vermitteln.

Bei den Kämpfen um Berg-Karabach wurden in Stepanakert in Aserbaidschan mehrere Wohnhäuser zerstört.

In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Bergkarabach wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Aserbaidschan bekommt in dem Konflikt Rückendeckung von der Türkei. Auch ausländische Söldner und Kämpfer dschihadistischer Gruppen aus den Kriegsgebieten in Syrien und Libyen sollen an den Gefechten beteiligt sein. Eindeutige Beweise gibt es bislang nicht.

Russland hat zu beiden Ex-Sowjetrepubliken diplomatische und wirtschaftliche Verbindungen. Jene mit Armenien sind jedoch intensiver. Dort hat Russland auch eine Militärbasis.

Krieg in Bergkarabach: Erstmals kam es zu Gesprächen zwischen Armenien und Aserbaidschan

+++ 16.50 Uhr: Zum ersten Mal seit dem Beginn der neuen Kämpfe in der Konfliktregion Bergkarabach haben Gespräche zwischen Armenien und Aserbaidschan stattgefunden. An dem Treffen der Außenminister der beiden Länder am Freitag (09.10.2020) in Moskau nahm auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow teil, wie das dortige Ministerium mitteilte.

Erstmals treffen sich Armenien und Aserbaidschan zu Gesprächen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurde in der Nacht vor den Gesprächen weiter heftig gekämpft.

Ziel der Gespräche mit Armenien und Aserbaidschan sei ein Ende der Kämpfe, erklärte der Kreml. Wladimir Putin rief die Konfliktparteien auf, die Kämpfe „aus humanitären Gründen zu unterbrechen“, um Leichen und Gefangene auszutauschen. Die Regierung von Armenien hatte Gespräche mit Aserbaidschan bislang ausgeschlossen, solange die Gefechte andauern. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew wiederum machte ein Ende der Kämpfe von einem Rückzug der armenischen Truppen aus Bergkarabach abhängig.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen in Armenien und Aserbaidschan wurde in der Nacht zum Freitag weiter heftig gekämpft. Auch Zivilisten seien dabei getötet worden. Die selbsternannte Republik Bergkarabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt.

Bergkarabach im Krieg: Russland lädt Außenminister von Armenien und Aserbaidschan ein

Update vom Freitag, 09.10.2020, 12.27 Uhr: Für die Konfliktregion Bergkarabach sieht Frankreich Fortschritte für eine Waffenruhe. „Wir bewegen uns bald auf einen Waffenstillstand zu, auch wenn die Lage immer noch fragil ist“, hieß es am Freitag (09.10.2020) aus Kreisen des Élysée-Palasts. Der französische Präsident Emmanuel Macron habe mit dem Regierungschef von Armenien, Nikol Paschinjan, und mit Ilham Aliyev, dem Präsident von Aserbaidschan, beraten. Seit Anfang der Woche sei auch Wladimir Putin eingeschaltet.

Konflikt um Bergkarabach: Treffen von Außenministern von Armenien und Aserbaidschan in Moskau

Am Freitag ist ein Treffen der Außenminister von Armenien und Aserbaidschan in Moskau geplant. Das bestätigte das Außenministerium in Russland. Putin sowie weitere Staats- und Regierungschefs hatten zuvor beide Länder dazu aufgerufen, sofort die Kämpfe zu beenden.

Bei den Kämpfen um Bergkarabach wurden in dessen Hauptstadt Stepanakert auch mehrere Wohnhäuser zerstört.

Bergkarabach im Krieg: Historische Kathedrale zerstört – Türkei holt Unterstützung aus Syrien

+++ 17.05 Uhr: Bei den Kämpfen um Bergkarabach ist die historische Kathedrale in der Stadt Schuscha schwer beschädigt worden. Die Kathedrale wurde zwei Mal durch aserbaidschanische Streitkräfte beschossen.

Update vom Donnerstag, 08.10.2020, 16.50 Uhr: Die Türkei hat nach Angaben von syrischen Aktivisten Rebellen aus dem Bürgerkriegsland für den Einsatz im Konflikt um Bergkarabach rekrutiert. Zunächst dementierte Ankara die Angaben. „Wir weisen die Behauptung kategorisch zurück“, sagte ein hoher Regierungsvertreter. Es handele sich dabei um grundlose Anschuldigungen.

Die Angaben der Aktivisten decken sich jedoch mit Informationen aus anderen Quellen und Medienberichten. So hatte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte Ende September erklärt, mehr als 800 Syrer seien über türkische Sicherheitsfirmen nach Aserbaidschan geschickt worden. Es handele sich um „erfahrene Kämpfer“ Syriens, sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abdel Rahman, der seine Angaben über ein Netz von Informanten in Syrien bezieht.

Update vom Dienstag, 06.10.2020, 16.45 Uhr: Im Konflikt um Bergkarabach zeichnet sich kein schnelles Ende ab. Aserbaidschans Verteidigungsminister Zakir Hasanov wies am Dienstag an, die „zielgerichtete und konsequente Zerstörung feindlicher Streitkräfte“ fortzusetzen. Das teilte sein Ministerium in der Hauptstadt Baku mit. Auch die Behörden von Bergkarabach drohten im Falle weitere Angriffe mit Vergeltung. Unterdessen sicherte die Türkei ihrem Verbündeten Aserbaidschan abermals weitere Unterstützung zu.

Heftige Explosionen in der Hauptstadt Bergkarabachs

Update vom Sonntag, 04.10.2020, 08.54 Uhr: Stepanakert, die Hauptstadt der selbst ernannten Republik Bergkarabach ist am Morgen von heftigen Explosionen erschüttert worden. Über das Ausmaß der Zerstörungen oder die Zahl der Opfer ist bislang aber laut der Nachrichtenagentur AFP, deren Reporter vor Ort im Einsatz sind, nichts bekannt.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach dauern nun seit über einer Woche an. Die aserbaidschanische Armee hatte bereits am Freitag schweres Artilleriefeuer auf die Hauptstadt der Region gerichtet.

Armenien wiederum soll am Wochenende 19 aserbaidschanische Dörfer ind er Grenzregion beschossen haben. Beide Konflitkparteien sprechen von zahlreichen Opfern auf der Gegenseite.

Flammen steigen auf in Stepanakert, der Hauptstadt der Region Bergkarabach, nach dem Artilleriebeschuss in der Nacht.

Krieg um Bergkarabach: Kämpfe gehen auch am Wochenende weiter

Update vom Samstag, 03.10.2020, 14.29 Uhr: Auch am Samstag (03.10.2020) gingen die Kämpfe in Bergkarabach weiter. Obwohl international ein Ende der Gewalt in der Kaukasusregion gefordert wurde, wurden die Gefechte fortgeführt. Laut der Nachrichtenagentur AFP sprach das armenische Verteidigungsministerium von „heftigen Gefechten“ an der Frontlinie. Armenische Truppen sollen einen „großangelegten Angriff“ der Armee Aserbaidschans gestoppt haben, bei dem laut Armeniens Verteidigungsministerium drei aserbaidschanische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Armenien soll jetzt an einer anderen Stelle der Front zum „Gegenangriff“ übergegangen sein. Auch in der Hauptstadt Stepanakert sollen wieder Schüsse gefallen sein, Behörden in Bergkarabach sprachen von der „letzten Schlacht“, die für die Region begonnen habe.

Armenische Freiwilligenrekruten versammeln sich an einem Ort, an dem sie ihre Uniformen und Waffen erhalten, bevor sie an die Frontlinie entsandt werden.

Krieg in Bergkarabach: Die Gewalt zwischen Armenien und Aserbaidschan geht weiter

Nach Artillerieangriffen aus Aserbaidschan am Freitag (02.10.2020) soll Armenien in der Nacht zu Samstag selbst 19 aserbaidschanische Dörfer beschossen haben, die aserbaidschanische Armee verkündete, mit einem „Gegenschlag“ antworten zu wollen und gegnerische Positionen eingenommen zu haben.

Mindestens 191 Menschenleben forderte die neuentbrannte Gewaltspirale in Bergkarabach seit Beginn der Kämpfe vor einer Woche, davon mindestens 30 Zivilisten. Diese Zahlen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit unvollständig, so meldete Aserbaidschan bisher keine Armeeopfer. Außerdem gibt es Berichte über etwa 30 tote pro-türkische Kämpfer aus Syrien, die an der Seite Aserbaidschans kämpften.

Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert mit Raketen angegriffen

+++ 17.30 Uhr:  Nach armenischen Angaben ist die Hauptstadt Stepanakert von Bergkarabach bei den Kämpfen im Südkaukasus mit Raketen angegriffen worden. Dabei wurden laut des armenischen Verteidigungsministeriums viele Bewohner verletzt und zahlreiche Häuser zerstört. Außerdem habe es im Zentrum der Stadt Schüsse und Explosionen gegeben. Die Behörden in Bergkarabach haben bereits Gegenmaßnahmen angekündigt.

Die aserbaidschanische Armee hingegen spricht von schwerem Artilleriefeuer auf Dörfer und Städte auf seinem eigenen Staatsgebiet.

Der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt der beiden ehemaligen Sowjetrepubliken war am Sonntag wieder aufgebrochen. Die Gefechte der verfeindeten Nachbarstaaten halten bereits seit einer Woche an. Damit handelt es sich in diesem Konflikt um die schwerste Eskalation seit Jahren. Beide Staaten sehen die Schuld dafür beim Gegenüber.

Update vom Freitag, 02.10.2020, 14.00 Uhr: Die Hauptstadt von Bergkarabach ist nach armenischen Angaben am Freitag (02.10.2020) von Aserbaidschan angegriffen worden. Bei den Angriffen auf Stepanakert sollen mehrere Menschen verletzt worden sein, teilte Arzrun Owanissjan vom armenischen Verteidigungsministerium in Eriwan mit. „Es gibt viele Verletzte in der Zivilbevölkerung, und die zivile Infrastruktur wurde beschädigt“, schrieb Owanissjan auf Facebook. Welche Waffen bei den Angriffen zum Einsatz kamen, wurde in seinem Facebook-Post nicht mitgeteilt.

Auch am Freitagmorgen hielten die Gefechte in der Region Berg-Karabach an.

Bergkarabach-Konflikt: Armenien „bereit“ für Waffenstillstandsverhandlungen

Zuvor machte Armenien ein Angebot: Man stehe „bereit“ für Gespräche innerhalb der so genannten Minsk-Gruppe der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OSZE), so das Außenministerium in Eriwan am Freitag (02.10.2020).

Bei den Gefechten wurden seit Sonntag fast 200 Menschen getötet, darunter 30 Zivilisten. Zudem sollen zwei französische Journalisten von der französischen Zeitung „Le Monde“ in Armenien durch „aserbaidschanische Fliegerbomben“ verletzt worden sein, wie Armenien mitteilte. Auch die Deutsche Welle berichtete darüber. Der französische Staatspräsident Macron bestätigte, man plane, zwei Journalisten mit dem Flugzeug auszufliegen.

Neue Gefechte: Aserbaidschan und Armenien verhängten Kriegsrecht

Wegen des wieder aufgeflammten Konflikts hatten sowohl Armenien als auch Aserbaidschan das Kriegsrecht verhängt. Auch am Freitagmorgen hielten die Gefechte an. Am Donnerstag richteten Russlands Präsident Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einen Appell an die Konfliktparteien, die Kampfhandlungen einzustellen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Am Tag zuvor hatten Aserbaidschan und Armenien internationale Vermittlungsangebote abgelehnt.

Aserbaidschan und Armenien verhängten Kriegsrecht

Krieg um Bergkarabach: Konkurrenz zwischen Russland und Türkei spielt wichtige Rolle

Die für Vermittlung im Bergkarabach-Konflikt zuständige Minsk-Gruppe der OSZE steht seit 1992 unter der Leitung von Russland, Frankreich und den USA. Die letzten Verhandlungen im Minsk-Format waren 2010 gescheitert. Bergkarabach liegt in Aserbaidschan, wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt, welche die Region auch unter ihrer Kontrolle haben. Die selbsternannte Republik Bergkarabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

In dem Konflikt spielen auch die Machtansprüche zwischen Russland und der Türkei und deren Kampf um den Einfluss in der südlichen Kaukasusregion eine Rolle. Das ölreiche Aserbaidschan hat die Rüstung seiner Armee in den vergangenen Jahren ausgebaut und wird von der Türkei unterstützt. Russland unterhält in Armenien einen Militärstützpunkt und gilt als Schutzmacht des Landes. Zugleich hat Moskau gute Beziehungen zu Aserbaidschan und sendet Waffenlieferungen in das Land.

+++ 20:45 Uhr: Bundeskanzlerin Angela Merkel soll gestern mit den Präsidenten von Aserbaidschan und Armenien telefoniert haben. Das teilte Regierungssprecher Steffen Seibert heute über Twitter mit. In den Gesprächen soll es um eine mögliche friedliche Lösung und eine Rückkehr zu Verhandlungen gegangen sein. Die Bundeskanzlerin soll betont haben, dass „ein sofortiger Waffenstillstand und die Rückkehr an den Verhandlungstisch dringlich seien.“ Auch die umliegenden Länder sollen in die Verantwortung für ein Ende des gewaltsamen Konflikts gezogen werden.

Bei den schwersten Kämpfen seit Jahrzehnten sind inzwischen dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die deutsche Presseagentur (dpa) sprach von insgesamt 114 Toten allein auf armenischer Seite. Unter den Opfern soll es auch einige Zivilisten gegeben haben. Aus Aserbaidschan sind keine genauen Opferzahlen bekannt, die Hauptstadt Baku ließ aber mitteilen, dass es zehn tote Zivilisten gegeben haben soll.

Krieg um Bergkarabach: Türkei soll IS-Kämpfer in die Region schicken

Update vom Dienstag, 29.09.2020, 16.01 Uhr: Die Türkei sendet offenbar Söldner und ehemalige Unterstützer des sogenannten Islamischen Staates (IS) zur Unterstützung der aserbaidschanischen Regierung. Das geht aus einem Bericht des Internetportals „Daily Beast“ hervor. Das Portal hatte mit syrischen Rebellengruppen gesprochen, welche zuvor aufgekommene Gerüchte bestätigte, denen zufolge rund 1000 syrische Rebellen von der Türkei nach Aserbaidschan geflogen wurden.

Bestätigt wurden die Berichte von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR). Die SOHR mit Sitz in London beobachtet als Teil der Opposition die Vorgänge im syrischen Bürgerkrieg und geht davon aus, dass noch mehr syrische Rebellen von der Türkei nach Aserbaidschan geschickt werden sollen.

Ehemalige Jihadisten kämpfen für Türkei und Aserbaidschan gegen Armenien

Den Berichten zufolge soll es sich bei den Rebellen um Mitglieder der Hamza-Brigade und der Sultan-Murad-Brigade handeln. Beide Gruppen sollen besonders enge Beziehungen zur Türkei pflegen. Der Führer der Hamza-Brigade, Sayf Balud, war zuvor ein Kommandeur der jihadistischen IS-Gruppen.

Türkei hat wirtschaftliche Interessen im Bergkarabach-Konflikt

Ziel der Türkei bei der Unterstützung Aserbaidschans soll vor allem die Förderung von Öl und Gas in dem Land am kaspischen Meer sein. Bereits seit 1994 bestehen enge militärische Verbindungen zwischen der Türkei und Aserbaidschan. Durch die Errichtung einer Pipeline für aserbaidschanisches Öl im Jahr 2005 erhält die Türkei rund 200 Millionen US-Dollar Transfergebühren jährlich. Eine weitere Pipeline für den Transport von aserbaidanischem Gas in die EU soll 2026 fertiggestellt werden. An dieser Pipeline sind türkische Investoren mit 30 Prozent beteiligt.

Aserbaidschanische Soldaten sollen bald von ehemaligen IS-Kämpfern unterstützt werden.

+++ 20:25 Uhr: Der Türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich zum aufgeflammten Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien geäußert. Er forderte ein Ende der „Besatzung“ der Region. „Wenn Armenien sofort das Gebiet verlässt, das es besetzt, dann wird die Region zu Frieden und Harmonie zurückkehren“, sagte er. Laut der Regionalregierung von Bergkarabach soll Ankara auch militärisch in den Konflikt eingegriffen haben. Das türkische Militär habe Waffen, Soldaten und Söldner in die Region entsandt, um Aserbaidschan zu unterstützen. Araik Harutjunjan, Präsident der selbsternannten Republik Bergkarabach, sprach von „türkischen Hubschraubern“ und Kampfflugzeugen.

Russland und die Türkei ringen um Einfluss in der Region Bergkarabach

Die Türkei unterstützt Aserbaidschan schon länger. In den vergangenen Jahren soll Ankara bei der Modernisierung der aserbaidschanischen Armee geholfen haben. Bei Beginn der Kämpfe sicherte die Türkei der Regierung in Baku ihre volle Unterstützung zu. Erdogan geht es auch um einen Kampf um Einfluss am kaspischen Meer, vor allem Russland ist ein wichtiger Akteur in der Region. Moskau hegt Beziehungen zu beiden Seiten des Konflikts: In Armenien unterhält es einen Militärstützpunkt, Aserbaidschan liefert es Waffen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Montag, dass Russland die Situation genau verfolge. Priorität sei es, „die Feindseligkeiten zu beenden und nicht die Frage, wer Recht hat und wer nicht.“

+++ 16:05 Uhr: Nun hat auch Aserbaidschan eine Teilmobilmachung im Konflikt um die Kaukasus-Region Bergkarabach angeordnet. Wehrpflichtige würden nun mit dem Erlass zum Kriegsdienst herangezogen, erklärt der der autoritär regierende Präsident Aserbaidschans Ilham Aliyev. Nachdem bereits Armenien mobil gemacht hatte, rückt eine weitere Eskalation der Lage näher.

Grünen-Politiker Cem Özdemir fordert derweil die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen und nimmt die Türkei für ihre „historische Schuld gegenüber Armenien" in die Pflicht.

Update von Montag, 28.09.2020, 11.09 Uhr: Die Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach halten weiterhin an. Wie ein Sprecher der pro-armenischen Regionalregierung in Bergkarabach mitteilte, soll die Zahl der Todesopfer auf 39 gestiegen sein, davon 32 pro-armenische Kämpfer. Sieben der Toten sollen Zivilisten sein, darunter fünf aserbaidschanische und zwei armenische Opfer. Vonseiten der aserbaidschanischen Armee gibt es keine offiziellen Zahlen zu den Toten.

Bergkarabach: Die Lage eskaliert immer mehr

Kim Kardashian und Cem Özdemir äußern sich zu Konflikt um Bergkarabach

Inzwischen schalten sich immer mehr Politiker*innen und auch Prominente in die Debatte um den Konflikt ein. Die US-amerikanische Unternehmerin und Influencerin Kim Kardashian ergriff auf Twitter Partei für die armenische Seite des Konflikts. Sie sprach von „unprovozierten Attacken“ vonseiten Aserbaidschans und forderte eine internationale Untersuchung der Auseinandersetzung. Weiterhin forderte Kardashian eine sofortige Einstellung der US-Militärhilfe für Aserbaidschan und einen Rückzug der Türkei aus dem Konflikt. Die Familie Kardashian ist armenischer Abstammung, schon Vater und Großvater von Kim Kardashian wurden in den USA geboren.

Auch der Grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir sprach sich für eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen aus. „Dass Erdoğan trotz der historischen Schuld der Türkei gegenüber Armenien auch hier wieder zündelt, ist unerträglich“, schrieb Özdemir auf Twitter. Damit bezog er sich auf den Völkermord an den Armeniern im Zuge des Ersten Weltkriegs auf Betreiben der Regierung des Osmanischen Reichs.

Konflik zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach eskaliert

Erstmeldung von Sonntag, 27.09.2020, 17.42 Uhr: Baku/Eriwan – Die Lage droht zu eskalieren. In der Konflikt-Region Bergkarabach im Südkaukasus sind bei einer außergewöhnlichen Gewalteskalation zwischen den verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan mehrere Menschen verletzt und getötet worden. Armenien rief den Kriegszustand aus und kündigte eine Generalmobilmachung des ganzen Landes an, wie Regierungschef Nikol Paschinjan am Sonntag in Eriwan mitteilte. 

„Wir stehen vor einem umfassenden Krieg im Südkaukasus“, der für die Region und möglicherweise auch darüber hinaus „unabsehbare Folgen haben könnte“, sagte der Regierungschef von Armenien im armenischen Fernsehen. Zuvor hatte Aserbaidschan eine Militäroperation an der Demarkationslinie angekündigt sowie von einer Eroberung von sieben Dörfern gesprochen.

Das vom aserbaidschanischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Bild zeigt die Zerstörung eines armenischen Flugabwehrsystems an der Kontaktlinie der selbsternannten Republik Bergkarabach.

Bergkarabach: Tote und Verletzte bei schweren Gefechten zwischen Armenien und Aserbaidschan

Die von Armenien kontrollierte Region gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Es handelt sich um die schwerste Eskalation seit Jahrzehnten. Nach Angaben aus der Stadt Stepanakert wurden etwa zehn Soldaten aus Bergkarabach durch Beschuss getötet. Auch Aserbaidschan teilte mit, dass es Tote und Verletzte in den eigenen Reihen gebe.
Zwischen den verfeindeten Ländern kam es nach Angaben beider Seiten am frühen Sonntagmorgen zu schweren Gefechten. Stepanakert sei beschossen worden, die Menschen sollten sich in Sicherheit bringen, teilten die Behörden in der von Konflikten gebeutelten Region Bergkarabach mit. Zahlreiche Häuser in Dörfern seien zerstört worden. Auf Videos war zu sehen, wie Panzer durch die Orte fuhren und Rauchwolken über Stepanakert aufstiegen.

Nach Darstellung aus Baku und Eriwan dauerten die Kämpfe in der Region mit geschätzten 145 000 Einwohnern an. Aserbaidschan eroberte nach Angaben des Verteidigungsministeriums sieben Dörfer im Konfliktgebiet. Die Gebiete seien von der armenischen Besatzung befreit worden, sagte Verteidigungsminister Zakir Hasanov aserbaidschanischen Medien. Die Behörden in Bergkarabach betonten, dass dies eine „absolute Lüge“ sei. Sie hätten die Lage inzwischen unter Kontrolle.

Blutiger Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan: Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht

Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld an den Gefechten. Armenien habe Hubschrauber und Kampfdrohnen abgeschossen. Drei gegnerische Panzer seien getroffen worden. Baku dementierte dies und betonte, es handele sich bei den Gefechten um eine Gegenoffensive. Präsident Ilham Aliyev warf Armenien vor, den Verhandlungsprozess für eine friedliche Lösung des Konflikts zerstört zu haben. Der aktuelle Zustand sei nicht mehr hinnehmbar. „Das bedeutet, dass die Okkupation beendet werden muss.“

Aserbaidschan hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kontrolle über das Gebiet verloren. Bergkarabach wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe. Das völlig verarmte Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, das dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert hat.

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Blutiger Konflikt: Erdoğan sichert Aserbaidschan die Unterstützung der Türkei zu

Erst am Wochenende hatte Eriwan ein gemeinsames Militärmanöver mit Moskau beendet. Das öl- und gasreiche Aserbaidschan hat die Türkei als Verbündeten. Baku hatte immer wieder angekündigt, sich die Region notfalls mit militärischer Gewalt zurückzuholen. Das Land hatte in den vergangenen Jahren sein Militär massiv aufgerüstet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sicherte Aserbaidschan bereits seine Unterstützung zu.

Zuletzt flammte der Konflikt 2016 auf. Dabei starben mehr als 120 Menschen. Vor wenigen Monaten kam es im Juli an der Grenze zwischen den verfeindeten Ländern erneut zu schweren Gefechten; die Kämpfe lagen jedoch hunderte Kilometer nördlich von Bergkarabach. Russische Politologen meinten, dass eine neue Eskalation in Bergkarabach die Bemühungen in der Region um Jahrzehnte zurückwerfen könnte. Es handele sich bei den Gefechten nicht um Scharmützel, die es in der Vergangenheit immer wieder gab, schrieb der russische Experte Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Center. „Hier kündigt sich ein Krieg an.“ Staaten wie Russland und die USA müssten gemeinsam alles tun, um diese Entwicklung zu stoppen.

Bergkarabach: Außenminister von Russland führt intensive Gespräche zur Einstellung des Feuers

Der Außenminister von Russland Sergej Lawrow führte bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden der Kämpfe intensive Gespräche, um die Konfliktparteien zur Einstellung des Feuers zu bewegen. Beide Länder müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren, hieß es. Er telefonierte auch mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

Deutschland und Frankreich forderten eine sofortige Einstellung der Kämpfe und eine Wiederaufnahme des Dialogs. Bundesaußenminister Heiko Maas zeigte sich alarmiert über die erneuten, massiven Auseinandersetzungen und Berichte über zivile Opfer. „Ich rufe beide Konfliktparteien dazu auf, sämtliche Kampfhandlungen und insbesondere den Beschuss von Dörfern und Städten umgehend einzustellen.“ Die OSZE-Minsk-Gruppe stehe mit ihren drei Co-Vorsitzenden Frankreich, Russland und USA für Verhandlungen bereit. Die OSZE ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. (slo mit dpa und afp) *merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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