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Berg-Karabach: Von Vertreibung und Rückkehr

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Mubariz Ferhadov (hier mit seiner Mutter) lebt wieder in seiner Heimat Agali, Aserbaidschan. Sein altes Haus aber ist zerstört.
Mubariz Ferhadov (hier mit seiner Mutter) lebt wieder in seiner Heimat Agali, Aserbaidschan. Sein altes Haus aber ist zerstört. © Roland Schmid

Zwei Jahre nach Ende des Kriegs zwischen Armenien und Aserbaidschan ist die Lage weiter instabil. Der Konflikt schwelt weiter – mit dramatischen Folgen für die Menschen.

Stanislav Galustyan stapft durch die Überreste seines Besitzes. Trümmer am Boden, nur die Wände seines Hauses in der armenischen Ortschaft Sotk stehen noch. Dann geht er ins Nachbarhaus, das ebenfalls getroffen wurde „Das ist die Kultur der Türken“, sagt er und meint damit die turkstämmigen Aserbaidschaner.

Am 13. September dieses Jahres wurden die beiden Gebäude um 0.05 Uhr vom Beschuss Aserbaidschans auf armenisches Staatsgebiet erwischt. Als das Geschoss einschlug, hatte sich Familie Galustyan bereits von ihrem Haus entfernt, weil der einst in der Armee dienende Sohn das Wummern in der Ferne richtig deutete. Wie durch ein Wunder wurde in Sotk niemand im Granatenhagel verletzt.

Konflikt am Kaukakus zwingt Menschen zum Neuanfang

Jetzt, zwei Monate später und kurz vor dem Wintereinbruch hier in der alpinen Gegend, ist für Familie Galuystan eine Rückkehr in ihr Haus noch nicht möglich. Sie lebt derzeit in einem leerstehenden Gebäude im Dorf. Bei rund der Hälfte der beschädigten Häuser in Sotk müssen noch die Dächer fertig abgedeckt werden. Für Stanislav Galustyan kann jedoch nur ein Neubau die Lösung sein. „Die Regierung muss uns helfen“, sagt er.

Tragisch: Es wird der zweite Neuanfang für Stanislav Galustyan. 1988 flüchtete er vor den Pogromen an den Armenier:innen aus Kirovabad (heute Ganja) in der damaligen Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR) nach Sotk. Der Ort war damals ein mehrheitlich von Aserbaidschaner:innen bewohntes Dorf in der Armenischen SSR. Er übernahm ein Haus, das von in die Gegenrichtung geflüchteten Aserbaidschaner:innen verlassen worden war. Sein Haus in Kirovabad erhielten dafür Aserbaidschaner:innen.

Berg-Karabach: Der jahrzehntelange Konflikt geht weiter

Während die Armenier:innen in Sotk ihre Häuser für den harten Winter vorbereiten, der sich hier in der Hochebene mit kalter Luft und Schnee in der Ferne ankündigt, sitzen die gegnerischen aserbaidschanischen Soldaten in den Bergen, nur wenige Kilometer entfernt. Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ist nach dem Krieg von 2020 um die Region Berg-Karabach noch nicht beendet.

Vor zwei Jahren hatte Aserbaidschan große Teile des seit dem ersten Waffengang in den 90er Jahren verlorenen Gebietes zurückerobert – vornehmlich damals von Armeniern besetzte, das umstrittene Karabach umgebende Regionen. Im 44 Tage dauernden Krieg starben nach offiziellen Angaben rund 7000 Soldaten und 150 Zivilpersonen auf beiden Seiten. Seit dem Ende des Krieges setzt Aserbaidschan Armenien unter starken Druck, alle Punkte aus dem 2025 auslaufenden Waffenstillstandsabkommen umzusetzen. Einerseits passiert das auf dem diplomatischen Parkett; doch das rohstoffreiche und militärisch hochgerüstete Aserbaidschan schreckt auch nicht vor Gewaltaktionen zurück.

Berg-Karabach: Die Grenzen sind umstritten

Die jüngste Eskalation zwischen dem 13. und 15. September – beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, Auslöser dafür gewesen zu sein – forderte nach offiziellen Angaben rund 350 Tote, alleine 280 auf armenischer Seite. Es kursieren Videos, die Misshandlungen und eine Massenexekution von armenischen Kriegsgefangenen durch aserbaidschanische Soldaten zeigen sollen.

Aserbaidschan besetzte seit dem Waffenstillstand 2020 auch armenisches Staatsgebiet, laut dem investigativen armenischen Onlineportal Hetq sollen es 32 Quadratkilometer im hügeligen Berggebiet sein, vornehmlich bei Jermuk. Aserbaidschan geht es um mehr als nur den Rest des noch armenisch bewohnten und durch russische Schutztruppen bewachten Berg-Karabach. Im Süden Armeniens wollen Aserbaidschan sowie sein politischer und wirtschaftlicher Verbündeter Türkei offenbar frühzeitig eine Transportverbindung über armenisches Staatsgebiet in die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan erzwingen – ein Punkt, der im Waffenstillstandsabkommen von 2020 festgehalten ist. Zudem drängen die Aserbaidschaner auf die definitive Festlegung und Anerkennung der aus der Sowjetzeit stammenden Grenzen.

Totz Friedensvereinbarung: Menschen müssen aus Lachin-Korridor flüchten

In der armenischen Stadt Goris, 45 Kilometer vom Konfliktgebiet Berg-Karabach entfernt, sitzen Artur und Astghtik Isakhanyan in einem gemieteten Haus. Sie wissen nicht, wie lange sie hier bleiben können, denn der Eigentümer des Gebäudes plant den Verkauf. Das Ehepaar ist erst vor etwas mehr als zwei Monaten mit drei Kindern und einer Schwiegermutter eingezogen – zwangsläufig. Sie mussten aus der Ortschaft Aghavno/Zobukh im sogenannten Lachin-Korridor flüchten, der Armenien mit dem in Berg-Karabach armenisch bewohnten Gebieten verbindet. Eigentlich dachten Isakhanyans, sie könnten hier noch mindestens bis 2025 bleiben, denn im bis dahin gültigen Waffenstillstandabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan ist ein fünf Kilometer breiter Streifen festgehalten, der von russischen Friedenstruppen kontrolliert wird.

Im Juni wurde schließlich klar, dass das Dorf bereits an Aserbaidschan übergeben werden sollte. Am 4. August gab man den Bewohner:innen Zeit, ihre Häuser bis zum 25. August zu räumen. Doch mit der früheren Fertigstellung einer Ersatzstraße durch die Aserbaidschaner ließen die russischen Kräfte und die armenische Polizei die Bewohner:innen vom 20. August an nicht mehr ins Dorf zurück für die Räumung.

Karte von Armenien und Aserbaidschan.
Die Region im Kaukasus. © FR

Artur Isakhanyan fühlt sich betrogen, sogar von der eigenen Regierung. „Nicht mal bis zum Ende der Frist konnte man bleiben“, sagt er. Eines seiner zwei Häuser in Aghavno/Zobukh durfte er nicht mal fertig räumen, der Elektriker musste Werkzeuge zurücklassen. Für die Familie scheine sich die Geschichte im Laufe der Jahrzehnte zu wiederholen, lässt Artur Isakhanyan verstehen: 1918 habe sein Großvater aus Aghavno/Zobukh fliehen müssen. 1994 kehrte die Familie zurück. Nun die erneute Vertreibung.

Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan: Der erste Krieg endete 1994

Dass auch die Region Goris, wohin Isakhanyans nun geflohen sind, im September 2022 von Aserbaidschan beschossen worden ist, kommentiert Artur Isakhanyan so: „Irgendwie ist man daran gewöhnt. Wir waren vorbereitet und nicht überrascht. Jede Sekunde hast du dieses Gefühl über deinem Kopf“. Dass der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan noch nicht zu Ende ist, ist auch ihm klar: „Der Appetit des Gegners ist zu groß.“

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach hat aber auch eine andere Seite. Denn er ist eine jahrzehntealte Auseinandersetzung zweier Ethnien mit gegenseitigen Massakern und Vertreibungen. Seit dem Ende des ersten Krieges 1994 kontrollierten die Armenier nicht nur Berg-Karabach, sondern auch weitere rund 7000 Quadratkilometer Aserbaidschans als Pufferzone rund um das Gebiet. Hunderttausende Aserbaidschaner:innen mussten aus diesen Regionen fliehen. Ganze Landstriche wurden verwüstet, unter der armenischen Besatzungszeit wurde geplündert.

Ein Opfer des ersten Krieges ist beispielsweise der Aserbaidschaner Mubariz Ferhadov (49). Seit September dieses Jahres lebt er wieder in seinem Heimatort Agali im Rayon Zengilan in Aserbaidschan, von wo er 1993 durch den Grenzfluss Araks via Iran nach Magalli im Süden Aserbaidschans geflohen ist. „Natürlich, nach 30 Jahren wurde die Hoffnung kleiner, aber sie starb nie“, sagt er am Esstisch in seinem neuen Haus in Agali.

Konflikt am Kaukasus: Aserbaidschan wird von Präsident Alijev autoritär regiert

Die Ortschaft mit derzeit 300 Einwohner:innen ist das Vorzeigeprojekt der aserbaidschanischen Regierung. Hierhin sind die allerersten Flüchtlinge aus dem ersten Karabach-Krieg nach fast 30 Jahren zurückgekehrt. Agali liegt mehr als 60 Kilometer von der nächsten aserbaidschanischen Siedlung entfernt und ist ein sogenanntes „smart village“, ausgestattet mit modernster Technologie – auffällig die vielen Überwachungskameras im öffentlichen Raum.

Ferhadov ist in Agali für die Sicherheit zuständig und arbeitet für die Gemeindeverwaltung. Andere – aber noch nicht alle – Dorfbewohner:innen finden im nahen Agropark, dem neuen Flughafen Zengilan oder in den Dienstleistungsbetrieben wie dem Postbüro nun Arbeit. Auch einen Schneider gibt es schon vor Ort. Jedes Haus hat einen kleinen Garten für die Selbstversorgung erhalten.

Mit ungeheurem Aufwand und in horrendem Tempo treibt das von Präsident Ilham Alijev autokratisch regierte Aserbaidschan den Wiederaufbau in den zurückeroberten Gebieten voran. In verschiedenen Regionen werden riesige Infrastrukturprojekte realisiert – Straßen und Zugverbindungen, Wohngebäude, Schulen, Verwaltungsgebäude. Alleine in die Stadt Agdam, die von den armenischen Besatzern total ausgeplündert wurde, sollen bis 2026 rund 10.000 Einwohner:innen zurückkehren.

Blindgänger und Minen machen das Leben gefährlich

Oft kommt vor Baustart aber die staatliche Minenräumungsorganisation Anama zum Einsatz. Vor allem in der Nähe der früheren Front und Kampfgebieten werden noch immer von den Armeniern gelegte Minen und auch nicht explodierte Munition gefunden. Alleine im Oktober dieses Jahres fand man auf 3246 Hektar kontrolliertem Land 461 Panzerminen und mehr als 1200 Antipersonenminen. Seit dem Ende des Krieges im November 2020 beklagt Aserbaidschan nach offiziellen Angaben 262 Minenopfer – getötet oder verwundet. Der Zutritt in die zurückeroberten Gebiete ist auch zwei Jahre nach dem Krieg nur mit Spezialbewilligung und durch Checkpoints möglich.

Das Haus der Familie Ferhadov, welches sie während der Kampfhandlungen 1993 verlassen musste, steht im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden des alten Dorfes noch. Vor der Rückeroberung 2020 wohnte hier offenbar zwischenzeitlich eine armenische Familie – davon zeugen zurückgelassene Gegenstände wie ein Teddybär oder eine Quittung vom 24. August 2020, rund einen Monat vor Kriegsbeginn. Die aserbaidschanischen Behörden realisieren den Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer wie Agali mit Masterplänen. Die Menschen können deshalb in den meisten Fällen nicht mehr in ihre alten Häuser zurück, sondern erhalten Häuser und Wohnungen in den dafür vorgesehenen Zonen. „Ich bin glücklich“, sagt Mubariz Ferhadov in Agali trotzdem. „Ich werde hier kein zweites Mal gehen, wenn die Armenier wieder kommen sollten.“ (André Widmer)

Transparenzhinweis: Aus diesem Artikel wurde eine Grafik entfernt, auf der die Orte Agali und Ganja falsch eingezeichnet waren. Eine korrigierte Version der Grafik wurde am 18.11.2022 hinzugefügt.

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