Bergkarabach

Krieg um Bergkarabach: Das sind die Gründe für den Konflikt

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Im Krieg um Bergkarabach gelten Armenien und Aserbaidschan als unversöhnliche Erzfeinde. Worum es im Krieg um das 4400 Quadratkilometer Land geht – und was in dem Konflikt sonst noch eine Rolle spielt.

  • Der Konflikt um Bergkarabach besteht seit Jahrzehnten.
  • Religion ist ein Element im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan.
  • Auch militärisch geht es im Krieg um Bergkarabach nicht gleich zu.

Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um die Region Bergkarabach, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Die selbsternannte Republik wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie erstreckt sich über ein Gebiet von 4400 Quadratkilometer Land. Die Enklave in Aserbaidschan wird traditionell mehrheitlich von Armeniern bewohnt.

Schon unter den Zaren und im russischen Bürgerkrieg hatte es in Aserbaidschan blutige Kämpfe zwischen der islamischen Bevölkerung und der christlich-armenischen Diaspora gegeben. Beim Zerfall der UdSSR kam es 1988 zu neuen Massakern und einem Kleinkrieg um Bergkarabach. Die siegreichen Armenier vertrieben etwa 40 000 Aserbaidschaner und besetzten mit einem breiten Landkorridor insgesamt 22 Prozent des aserbaidschanischen Staatsgebiets. Die wollen die Aserbaidschaner zurückhaben. Die Armenier aber fürchten in diesem Fall um das Leben ihrer 150 000 Landsleute dort.

Trümmer in der Hauptstadt der Konfliktregion Bergkarabach. Armenien und Aserbaidschan werfen sich gegenseitig Angriffe auf die Zivilbevölkerung vor.

Religion als ein Element im Konflikt um Bergkarabach

Die Aserbaidschaner sind mehrheitlich schiitische Muslime, die Armenier orthodoxe Christen. Aber Religion ist nur ein Element der jahrhundertelangen ethnisch-kulturellen Auseinandersetzungen zwischen christlichen und orientalischen Völkern im Südkaukasus. So stellen die Armenier ihre Feindschaft mit den Aserbaidschanern in die Tradition des Genozids durch den türkischen Erzfeind im ersten Weltkrieg – obwohl die Aserbaidschaner religiös und ethnisch den Iranern viel näher stehen als den Türken.

Armenien galt lange als Armenhaus des Kaukasus, aber vergangenes Jahr wuchs seine Wirtschaft um acht Prozent, vor allem wegen der IT- und Tourismusbranche. Auch der Schattenwirtschaft wurde der Kampf angesagt, inzwischen beträgt das durchschnittliche Monatsgehalt 333 Dollar, praktisch soviel wie die 335 Dollar der Nachbarn im rohstoffreichen Aserbaidschan. Dort drückt die Korruption weiter auf den Lebensstandard der Durchschnittsbürger. Aber in beiden Staaten ist die Landbevölkerung gezwungen, ihre Lebensmittel selbst zu produzieren.

Armenien und Aserbaidschan sind militärisch ungleich

Auf dem Papier ist Aserbaidschan militärisch mindestens doppelt so stark wie Armenien. Sein Militärhaushalt beträgt 2,8 Milliarden, gegenüber knapp 1,4 Milliarden Dollar auf der Gegenseite. Aserbaidschan hat 151 000 Soldaten, Armenien nur 45 000; 570 aserbaidschanischen Panzer stehen 110 Panzern auf der Gegenseite gegenüber, bei den Kampfjets ist das Verhältnis 17 zu drei. Aber die Armenier gelten als deutlich kampfkräftiger, dazu kommen 20 000 Karabacher, die zum Äußersten entschlossen sind. Allerdings werden die Aserbaidschaner diesmal von türkischen Militärberatern unterstützt, laut CNN auch von syrischen Söldnern.

Bergkarabach hat keine Rohstoffe, Aserbaidschan umso mehr. Aber der Status quo in Karabach bedrohte seine Öl- und Gasinfrastruktur nicht. Sollten die Kämpfe jetzt eskalieren, könnte Armenien sie mit Raketen beschießen. Und russische Oppositionelle spekulieren, es wäre dem Kreml nur recht, wenn dabei die Gaspipeline von Baku über das georgische Tiflis ins türkische Erzurum beschädigt werde – die russische Konkurrenzrohrleitung Turkstream ist kaum ausgelastet.

Militärisch ist Moskau mit Armenien verbündet, gibt sich aber neutral und mahnt bei beiden Seiten eine Verhandlungslösung an. Offenbar will es weiter den Schiedsrichter spielen. Russland, das auf verschiedenen Ebenen in Konflikte mit dem Westen verwickelt ist, scheint der Krieg im Südkaukasus eher ungelegen zu kommen. Umso lautstärker tritt die Türkei als neue Schutzmacht Aserbaidschans auf. Fast scheint es, als wolle Recep Erdogan testen, ob Kollege Wladimir Putin den Hinterhof seines Imperiums noch im Griff hat. (Stefan Scholl mit afp)

Rubriklistenbild: © Karo Sahakyan / Armenian Government / AFP

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