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Ein Soldat der aserbaidschanischen Armee vor einem Kloster in Berg-Karabach.
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Ein Soldat der aserbaidschanischen Armee vor einem Kloster in Berg-Karabach.

Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan

Berg-Karabach: Der Kampf ist noch längst nicht vorbei

Für die Menschen aus Berg-Karabach gibt es ein Jahr nach Eintritt der Waffenruhe keine Chance, nach Hause zurückzukehren. Eine Reportage.

Insgesamt 184 Erwachsene und Kinder. Sie alle haben in einem Gebäude des Sportkomplexes in Tsaghkadzor 50 Kilometer nordöstlich der armenischen Hauptstadt Eriwan ein Dach über dem Kopf gefunden, nachdem sie vor einem Jahr vor dem Krieg in Berg-Karabach fliehen mussten. Die Unterkunft liegt etwas abseits des Dorfes, fast am Ende einer Ausfallstraße und deshalb relativ isoliert.

In einem früheren Pool der Anlage wachsen schon Bäume meterhoch in den Himmel, an einer Hauswand prangt ein Kunstwerk mit einem Sportler aus der Sowjetzeit. Neben dem Eingang des vom Sportlerheim zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Gebäudes ragen an diesem sonnigen Spätherbsttag die letzten Kohlköpfe aus dem Boden: Die Flüchtlinge haben einen Teil des Bodens hier zur Selbstversorgung umgenutzt.

Berg-Karabach: Verletzungen erinnern an den ersten Krieg in den 1990ern

Auch der 50-jährige Artur Babayan und seine Familie wohnen derzeit hier im großen Gebäude mit den langen, leeren Korridoren, in einer der oberen Etagen. „Natürlich wussten wir, dass es einen neuen Krieg geben wird. Wir erwarteten aber nicht einen Krieg in diesem Ausmaß“, so Babayan. Die Familie lebte im Dorf Aknaghbyur bei Hadrut in Gebiet Berg-Karabach und wurde am 6. Oktober vor der vorrückenden aserbaidschanischen Armee evakuiert. Artur Babayan, der wegen Nachwirkungen von Kriegsverletzungen aus dem ersten Karabachkrieg in den 1990er Jahren an einem Stock geht, hoffte, dass die Kampfhandlungen ähnlich wie 2012 und 2016 nur einige Tage dauern würden.

Doch die Nachricht, dass die gegnerischen Streitkräfte das nahe Jabrail eingenommen hatten, zerstörte diese Illusion schon bald. „In Jabrail haben wir in zwei Tagen 600 bis 700 Soldaten verloren“, erklärt Artur Babayan. Nach einer Zwischenstation in Togh verließen Babayan und seine Familie Anfang November schließlich Berg-Karabach auf einem Nebenstraße durch den Lachinkorridor und reisten nach Armenien.

Narine Khurshudyan treibt der Konflikt in ihrer Heimat noch immer um.

Mehr als 65.000 Menschen aus Berg-Karabach leben nun in Armenien

Hätte der Krieg verhindert werden können? „Es wäre möglich gewesen, wenn wir Lachin und Kelbajar als Korridor behalten und die anderen Regionen Agdam, Jabrail, Zangilan, Fizuli und Gubadli zurückgegeben hätten“, meint Artur Babayan. Denn diese Gebiete waren vor dem ersten Krieg in den 90er Jahren fast vollständig von ethnischen Aserbaidschanern besiedelt und dienten danach als Pufferzone vor der Waffenstillstandslinie von 1994. Nun liegt das zweistöckige Wohnhaus der Familie Babayan mit seinen 70 Bäumen im Gebiet Hadrut neu unter aserbaidschanischer Kontrolle.

Artur Babayan: „Natürlich wussten wir, dass es einen neuen Krieg geben wird. Wir erwarteten aber nicht einen Krieg in diesem Ausmaß.“

Was Babayan, seiner Frau und den Kindern bleiben, sind nur noch die Kleider, einige Dokumente, Fotos vom Haus auf dem Smartphone und die Hoffnung, irgendwann wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Gerne würden sie zurück nach Berg-Karabach. Die international nicht anerkannte Regierung von Artsakh, wie die Armenier das Gebiet seit 2017 neu nennen, habe ihnen beschieden, drei Jahre mit der Rückkehr zu warten. „Wir würden sogar in eine Unterkunft, aber Hadrut hat natürlich Priorität. Wir vermissen unser Haus“, so Babayan.

Berg-Karabach: Ein Krieg als Folge vieler ungelöster Probleme

Der Krieg von 2020 ist eine Folge der ungelösten Probleme aus dem ersten Karabachkrieg. 1988 wollten sich die Armenier in der mehrheitlich armenisch besiedelten Region Berg-Karabach von der aserbaidschanischen SSR lossagen, 1991 löste Aserbaidschan den Autonomen Oblast Berg-Karabach auf, nachdem dieser seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Daraufhin brach der erste Bergkarabachkrieg los, dem 30 000 Menschen zum Opfer fielen.

Die Armenier konnten nicht nur die Kontrolle über Berg-Karabach erlangen, sondern eroberten auch sieben umliegende Provinzen, welche großmehrheitlich von Aserbaidschanern bevölkert waren. Es fand faktisch eine ethnische Trennung zwischen Armeniern und Aserbaidschan statt: Aus Armenien, Berg-Karabach und den umliegenden Gebieten flohen 185 000 beziehungsweise 684 000 Aserbaidschaner, aus Aserbaidschan fast 300 000 Armenier (alle Zahlen stammen vom UNHCR).

Dem Waffenstillstand von 1994 folgte nie ein Friedensabkommen, und auch der Status der Region Berg-Karabach war unklar. Die Armenier pochten auf Unabhängigkeit, die Aserbaidschaner auf die faktische Re-Integration und die Zurückgabe der umliegenden Gebiete. 27 Jahre Verhandlungen unter der Obhut der OSZE (Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa) führten zu keinen nennenswerten Ergebnissen, an der Waffenstillstandslinie kamen jährlich bis zu 30 Soldaten und Zivilisten bei gelegentlichen Schlagabtauschen ums Leben. 2016 und im Juli letzten Jahres kam es zu mehrtägigen Kämpfen.

Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan: Wie geht es weiter in Berg-Karabach?

Am 27. September 2020 schließlich begann der zweite Krieg um Berg-Karabach. Die in den letzten Jahren technisch hochgerüstete aserbaidschanische Armee war den armenischen Streitkräften weit überlegen und eroberte insbesondere im südlichen Teil der Front entlang der iranischen Grenze große Gebiete zurück. Der Einsatz von Kampfdrohnen aus türkischer und israelischer Produktion war einer der Hauptgründe für den Erfolg Aserbaidschans. Mehrere sogenannte humanitäre Waffenstillstandsabkommen scheiterten.

Als aber Aserbaidschan die strategisch wichtige Stadt Shusha unter seine Kontrolle brachte und kurz danach ein russischer Kampfhelikopter nahe der iranischen Grenze angeblich aus Versehen von Aserbaidschan abgeschossen wurde, kam am 9. November 2020 ein von Russland vermittelter Waffenstillstand zustande. Dieser sah nicht nur das Ende der Kampfhandlungen, sondern auch die Rückgabe der armenisch besetzten Gebiete Lachin, Kelbajar und Agdam vor. Rund 2000 Angehörige einer russischen Friedenstruppe wurden ins Konfliktgebiet verlegt.

Berg-Karabach: Abkommen vom 9. November in der Kritik

Fachleute gehen davon aus, dass das Abkommen vom 9. November eine vollständige Vertreibung der Armenier aus Restkarabach verhindert hat. „Russland übte offensichtlich Druck auf Aserbaidschan aus, seine Militärkampagne zu beenden, und wollte wahrscheinlich, dass es früher aufhört. Die Aserbaidschaner hatten jedoch auch ihre eigenen Gründe, damit aufzuhören. Sie hatten ihr Hauptziel erreicht, die Stadt Shusha zu erobern. Hätten sie weitergemacht und Stepanakert (Hauptstadt der Region Berg-Karabach, Anm. der Red.) angegriffen, bestand die ernsthafte Gefahr eines viel größeren Blutvergießens und einer Eskalation, da den Armeniern immer noch Langstreckenraketen zur Verfügung standen“, erklärt Thomas de Waal, Kaukasus- und Osteuropaexperte von Carnegie Europe und Autor des Buches „Black Garden“.

In Shurnukh ist man für alle Fälle gewappnet.

Das Ergebnis des Krieges: Offiziell über 6900 gefallene Soldaten, 188 tote Zivilisten, und Aserbaidschan kontrolliert nun wieder 7300 der einst 11 000 Quadratkilometer, die die Armenier 27 Jahre lang besetzt hielten. Während des Krieges flüchteten 90 000 Armenier aus Berg-Karabach und 40 000 Aserbaidschaner aus den Gebieten nahe der neuen Front. Im März lebten noch rund 66 050 Geflüchtete aus Berg-Karabach in Armenien.

Die kurvige und auf teilweise bis rund 2000 Meter Höhe befindliche Straße zwischen den armenischen Städten Goris und Kapan im Südwesten des Landes führt auf zwei längeren Abschnitten durch aserbaidschanisches Staatsgebiet. Hier wechseln sich armenische, russische und aserbaidschanische Observations- und Straßenposten ab; die Flaggen der drei Länder sind zu sehen. Militär und Polizei stehen am Straßenrand. Die Passage von Fahrzeugen mit armenischen Kennzeichen erfolgt in Gruppen und relativ problemlos. Jedoch gab es Medienberichte, dass iranische Lastwagenfahrer von den Aserbaidschanern zur Zahlung von Zöllen verknurrt worden seien. Die armenische Plattform Civilnet schrieb von 130 Dollar pro Lastwagen.

Das Dorf Shurnukh in der Region Berg-Karabach: Wenn man Flüchtling im eigenen Dorf ist

Die Straße Goris–Kapan führt auch durch das Dorf Shurnukh. In Shurnukh lebt Narine Khurshudyan. Sie ist eines der letzten Opfer dieses Krieges. Ihr aktuelles Schicksal wurde jedoch erst einige Wochen nach dem Ende der kriegerischen Handlungen vorerst besiegelt. Die 54-jährige Frau lebt nun in einem von einer armenischen Elektronikfachkette gespendeten Container auf einer kleinen Wiese in Shurnukh. Nur knapp zwei Betten und ein Sofa passen in den 15 Quadratmeter kleinen Raum, im zwei Meter langen und drei Meter breiten Vorraum ist ein Holzofen und die kleine Küche. Derzeit ist auch noch die Nichte zu Besuch. Der Winter dürfte sehr hart werden: Wenn nicht Holz nachgelegt wird, wird es schnell kalt im Container.

Das Besondere: Narine Khurshudyan ist Flüchtling im eigenen Dorf. Das Dorf wurde aufgrund des nach wie vor schwelenden armenisch-aserbaidschanischen Grenzdisputs geteilt. Khurshudyans Haus liegt als eines von zwölf im Dorfteil auf der anderen Seite der Straße Kapan–Goris und ist jetzt unter aserbaidschanischer Kontrolle. Auf einem Dach eines der betroffenen Häuser weht die aserbaidschanische Flagge. Kurz vor Ende des Jahres 2020 seien plötzlich Russen und Aserbaidschaner gekommen. „Wir geben euch vier, fünf Tage“, hätten diese ihnen mitgeteilt, so Narine Khurshudyan. „Sie haben nur gesagt, das sei ihr Land, und wir hätten zu gehen“, erzählt sie.

Berg-Karabach: Aserbaidschan installiert Kameras auf den Dächern von Bauernhäusern

Für die Familie ein harter Schlag, hatten sie sich in den letzten Jahrzehnten hier doch eine Existenz aufgebaut. Das Haus ist zweistöckig, und unlängst hatten sie noch einen Unterstand für die Tiere gebaut. Am 2. Januar verließen sie ihr Haus, nahmen das Wichtigste mit, darunter 100 Schafe und 35 Kühe. 60 Schafe verkaufte die Familie zum halben Preis, viele Tiere verlegten sie in die Region Yeghenadzor. Denn die besten Weideflächen liegen nun talseitig auf der aserbaidschanischen Seite des Dorfes. Ein Problem nicht nur für die Familie von Narine Khurshudyan, sondern auch für andere Dorfbewohner, die bisher Viehwirtschaft betrieben und sich nun ihrer Lebensgrundlage beraubt sehen.

Narine Khurshudyan lebt in einem Wohncontainer – nur ein paar Meter entfernt von ihrem alten Haus.

Nun lebt Narine Khurshudyan also fast in Sichtweite ihres Hauses und kann nicht dorthin zurückkehren, auch nicht für einen kurzen Augenblick. Auf dem Dach hätten die Aserbaidschaner Kameras installiert. Der Verlust schmerzt: „Je mehr ich hinschaue, desto schlechter fühle ich mich.“ Von den zwölf Familien, die den Dorfteil verlassen mussten, haben einige Shurnukh verlassen, beispielsweise nach Goris. Und das Leben mit dem Kriegsfeind auf der anderen Straßenseite, wie ist das? „Man wäre dumm, nicht ängstlich zu sein“, sagt Narine Khurshudyan.

Auch in Berg-Karabach gibt es etwas Licht am Horizont

Etwas Licht am Horizont gibt es dennoch für die Vertriebenen in Shurnukh: Die armenische Regierung lässt am höher gelegenen Dorfrand von Shurnukh neue Häuser bauen, die im nächsten Jahr bezugsbereit sein sollen. Die Arbeiten sind im Gange, die Grundmauern einiger Gebäude stehen bereits. Wie die Flüchtlinge aus Berg-Karabach in Armenien haben Khurshudyan und ihr Mann staatliche Unterstützung in der Höhe von 68 000 armenischen Dram (etwa 120 Euro) erhalten, doch seit vier Monaten stünden die Zahlungen aus, erzählt die Frau. Sie fühlt sich vergessen. Auf einem Hügel vor der Baustelle steht die wohl größte armenische Flagge in der gesamten Provinz Syunik, zu dem das Dorf gehört.

Der Fall des Dorfes Shurnukh hat sich erst im Nachgang des Karabachkriegs entwickelt und ist Teil des armenisch-aserbaidschanischen Grenzdisputs. Bis vor dem letztjährigen Krieg lagen Armenien und vier armenisch besetzte Gebiete Aserbaidschans nebeneinander. Daher war dies während fast drei Jahrzehnten auch kein Problem für die Armenier. Das änderte sich schlagartig mit dem Ende des Krieges 2020, als sich die bisher nur auf dem Papier existierende Staatsgrenze zwischen Armenien und Aserbaidschan nun mit der aserbaidschanischen Kontrolle der vier Bezirke Kelbajar, Lachin, Gubadli und Zangilan neu manifestierte.

Berg-Karabach im Konflikt: Die Türkei und Russland ringen um Einfluss in der Region

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der staatlichen Unabhängigkeit der beiden Kaukasusländer im Jahre 1991 gab es nie eine Demarkation der Staatsgrenzen zwischen Armenien und Aserbaidschan, nicht zuletzt aufgrund des nicht beigelegten Konflikts um Berg-Karabach. Nach dem für sie erfolgreichen Waffengang im letzten Jahr beruft sich nun die Republik Aserbaidschan auf alte Karten aus Sowjetzeiten; Armenien hat den Teil Shurnukhs mit den zwölf Häusern kampflos zurückgegeben. Das Dorf Shurnukh (in Aserbaidschan Surnuxu, Anm. d. Red.) hat eine interessante Geschichte: Shurnukh soll 1830 gemäß dem armenischen Autor Zaven Korotyan aufgegeben worden sein (etwa zur Zeit der Eroberung durch das russische Zarenreich). Ende des 19. Jahrhunderts existierten noch Ruinen einer Kirche. Dann zogen Aserbaidschaner dorthin. 1931 lebten Aserbaidschaner und einige Armenier im Dorf. Die Aserbaidschaner verließen das Dorf um 1989 wieder, und weitere Armenier zogen zu. Vom aserbaidschanischen Kapitel des Dorfes zeugt heute noch ein überwucherter Friedhof mit muslimischen Grabsteinen und aserbaidschanischen Namen.

Das Dorf, dessen Teilung und das Interesse an der Hauptverbindungsachse Goris–Kapan kann durchaus als exemplarisches Beispiel für die verworrene Lage in diesem Teil des Südkaukasus dienen: der armenische-aserbaidschanische Konflikt mit beidseitig historisch unterlegten Ansprüchen, Russlands zumindest temporäre Rolle als Friedensgarant und die geopolitischen Interessen Irans, der Türkei und Russlands in der Region. Anfang Oktober fand eine iranische Militärübung an der Grenze zu Aserbaidschan statt – im Norden des Irans leben Millionen von ethnischen Aserbaidschanern. Der Iran missbilligt erfolgte israelische Waffenlieferungen und befürchtet eine israelische Präsenz im Nachbarland. Schon seit Jahrzehnten ist der Iran ein wichtiger Handelspartner von Armenien.

Aserbaidschans Erbe in Shurnukh: muslimische Gräber auf dem Friedhof.

Konflikt in Berg-Karabach: Türkei beliefert Aserbaidschan mit Waffen

Die Türkei wiederum hat Aserbaidschan ebenfalls mit Waffen beliefert, und die beiden Länder haben schon mehrfach Truppenmanöver abgehalten. Russland ist im Rahmen eines MiKhurshudyan litärabkommens Armeniens Sicherheitsgarant. Es gibt eine Ölpipeline von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei; Russland liegt mit Georgien im Clinch wegen Abchasien und Südossetien. Zu den aktuellen Spannungen meint der Kaukasusexperte Thomas de Waal: „Russland und die Türkei konkurrieren um Einfluss in Aserbaidschan, wobei die Türkei ihre Position als wichtigster Verbündeter und Partner von Baku deutlich gestärkt hat“.

Andererseits hätten Russland und die Türkei ein gemeinsames Interesse daran, westliche Akteure in der Region marginalisiert zu halten. „Und Aserbaidschan, die Türkei und Russland haben ein gemeinsames Interesse daran, eine Transportroute zu erschließen, die zwischen ihnen über das Kaspische Meer und entlang des Flusses Araxes verläuft. Der Iran kann auch wirtschaftliche Vorteile aus der Wiedereröffnung von Verkehrswegen ziehen, ist aber besorgt über die neue starke Achse Aserbaidschan–Türkei und versucht daher, Armeniens schwache Hand so gut wie möglich zu stärken.“

Keine Unterstützung für Flüchtlinge aus Berg-Karabach

An der Grenze zum Iran liegt die armenische Kleinstadt Meghri. Durch diese Region Armeniens könnte die Verkehrsverbindung zwischen Aserbaidschan und dessen Exklave Nachitschewan führen, die in dem am 10. November 2020 in Kraft getretenen Waffenstillstandsabkommen festgelegt wurde. In Meghri lebt seit Mitte Februar auch Novella Balayan mit ihrem Mann. Sie flüchtete aus Hadrut in Berg-Karabach via Stepanakert nach Eriwan zu ihren Kindern, wo das Ehepaar einige Monate verbrachte. Dann fand ihr Mann in Meghri eine Arbeitsstelle als Polizist. Inzwischen haben sie sich in einem alten mehrstöckigen Wohnblock eingemietet. Wenn der Mann im nächsten Jahr pensioniert wird, wollen sie nach Eriwan zu den Kindern ziehen.

Meghri liegt zwar klimatisch günstig, hier wachsen Khaki und Granatäpfel. Doch das Städtchen ist geografisch und verkehrstechnisch auch ziemlich isoliert vom restlichen Armenien. Novella Balayan sieht ihre Kinder und Neffen deshalb nur alle zwei Monate. Trotz des Jobs des Ehemannes erhalten sie auch Unterstützung von den Nachbarn. „Die Wohnung kostet 60 000 Dram (109 Euro, Anm. der Red.), verrät Novella Balayan, die in Hadrut ein Schmuckgeschäft und im besetzten Jabrail eine von den dort stationierten armenischen Soldaten frequentierte Apotheke betrieb und nun die Wohnung in Meghri hütet.

Vom armenischen Staat erhofft sie sich mittlerweile gar nichts mehr. Wer in Berg-Karabach lebe und das Haus verloren habe, kriege dort immerhin die Miete erstattet, nicht aber, wer nach Armenien geflüchtet sei, so die 55-Jährige. Sie seien nicht einmal als Flüchtlinge registriert. „Wir kriegen hier überhaupt keine Unterstützung“, sagt sie. „Erzählen Sie von unserem Fall, wir haben keinen Status“, sagt sie noch vor der Abfahrt des Journalisten.

Eine Reportage von André Widmer (Text) und Roland Schmid (Fotos)
Mitarbeit: Nvard Melkonyan.

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