Berg-Karabach

Aserbaidschans Militär rückt vor

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
    schließen

Kampf um zweitgrößte Stadt in Berg-Karabach: Armenische Truppen sind in Bedrängnis geraten.

Er mache keine Panik, glaube an den Sieg wie nie zuvor. „Aber der Feind ist ganz nah, keine fünf Kilometer entfernt.“ Araik Arutjunjan, der Präsident der Rebellenrepublik Berg-Karabach. hatte sich vor den leeren Fenstern einer von Bombensplittern beschädigten Kirche in Schuscha aufgestellt, um Alarm zu schlagen. „Unser Sieg hängt von Schuschas Verteidigung ab.“

Nach einem Monat Krieg sind die armenischen Truppen in Berg-Karabach offenbar ernsthaft in Bedrängnis. „Arutjunjans Ansprache zeugt davon, dass die Front durchbrochen ist“, schreibt der russische Telegram-Kanal „Juschny Weter“ (Südwind), spezialisiert auf Militärberichterstattung. „Und den armenischen Streitkräften, die Krasny Basar verteidigen, droht die Einkreisung.“ Das bedeutet auch, dass die Truppen Aserbaidschans, die bisher fast nur Siedlungen in der von den Armeniern besetzten Pufferzone um Berg-Karabach zurückerobern konnten, über 30 Kilometer in das gebirgige Kernland der Enklave vorgedrungen sind. Mit Schuscha bedrohen sie die zweitgrößte Stadt Karabachs, die auf einer strategisch wichtigen 1500-Meter-Anhöhe elf Kilometer südlich der Hauptstadt Stepanakert liegt. An der Hauptstraße, die Stepanakert mit Armenien verbindet. Arutjunjan rief die Armenier auf, nach Karabach zu eilen, um die Stadt zu retten. „Wer Schuscha kontrolliert, der kontrolliert Karabach.“

Die militärischen Erfolge Aserbaidschans fußen offenbar auf der überlegenen Bewaffnung. Beide Seiten deckten sich in den vergangenen Jahren vor allem bei Russland ein, wobei die zahlungskräftigere Ölmacht Aserbaidschan offenbar deutlich modernere Raketen- und Flugabwehrsysteme kaufte. „Was die Anschaffungskosten und Qualität der Waffen angeht, hat Armenien zehnmal weniger erhalten als Aserbaidschan“, sagt der Moskauer Militärexperte Alexander Golz der FR. „Russland hat diese Lieferungen durch sehr günstige Kredite quasi selbst finanziert. Verständlich, dass es dafür keine nagelneuen Waffensysteme gab.“

Auch andere Fachleute bezeichnen die armenische Luftwaffe als ärmlich. Die aserbaidschanische Flak dagegen schoss laut Juschny Weter am Donnerstag zwei armenische Kampfbomber ab. Außerdem setze Aserbaidschan offenbar erfolgreich türkische Bayraktar-Aufklärungs- und Kampfdrohnen sowie israelische Kamikaze-Drohnen der Marke Orbiter, ein. Armenien meldete dennoch, es hätte 230 aserbaidschanische Drohnen abgeschossen.

Doch auch an der Propagandafront ist Armenien in der Defensive: Das Verteidigungsministerium Aserbaidschans veröffentlicht immer neue Videos, die aus der Vogelperspektive zeigen, wie feindliche Fahrzeuge, Geschütze oder Soldaten durch Volltreffer vernichtet werden.

Arkadi Karapetjan, General der Karabach-Armee, sagte seinerseits in einem Video auf Facebook: „Die Türken vermeiden Kontakt mit uns, arbeiten einfach mit Geschützen und Raketen. Dann kommen sie und besetzen die Positionen unserer gefallenen Jungs.“ Er forderte vom armenischen Mutterland moderne Waffen, um den Luftraum zu schließen. „Aus der Luft bombardieren sie uns mit allem Möglichen, und wir können nichts dagegen tun.“

Das armenische Verteidigungsministerium meldete gestern, die Karabach-Verteidigung hätte aserbaidschanische Stoßtrupps aus „ein bis zwei Ortschaften“ bei Schuscha hinausgeworfen. Ob die Gefahr für die Stadt damit gebannt ist, ist ungewiss.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare