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Interview mit Politologe Azer Babayev

Konflikt um Berg-Karabach: „Russland hat sich durchgesetzt“

  • Andreas Schwarzkopf
    vonAndreas Schwarzkopf
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Der Politologe Azer Babayev spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Folgen des Krieges zwischen Aserbaidschan und Armenien.

  • Armenien und Aserbaidschan streiten um Berg-Karabach, inzwischen herrscht Waffenruhe.
  • Als Gewinner des Konfliktes gilt Russland um Präsident Wladimir Putin.
  • Der Westen geht laut des Politologen Azer Babayev als Verlierer aus dem Konflikt um Berg-Karabach.

Herr Babayev, wird der Waffenstillstand zwischen Aserbaidschan und Armenien halten, obwohl es viel Unmut gibt.

Dieser Waffenstillstand ist anders als seine drei Vorgänger, die alle scheiterten. Diese Vereinbarung ist auf höchster politischer Ebene ausgehandelt worden, also zwischen dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev, dem armenischen Premierminister Nikol Paschinjan sowie dem russischen und dem türkischen Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan. Der Waffenstillstand ist also tragfähig. Dafür sorgen auch die russischen Truppen, die schon vor Ort das Abkommen absichern.

Russische Truppen sollen friedliches Zusammenleben in Berg-Karabach garantieren

Handelt es sich bei den russischen Einheiten um Friedenstruppen oder unterbinden sie nur den militärischen Konflikt?

Zunächst sichern sie den Waffenstillstand. Wie sehr sie den Frieden vorbereiten, hängt von den weiteren politischen Entwicklungen ab. Unklar ist beispielsweise, ob sich Paschinjan nach dieser Niederlage auf Dauer an der Macht halten kann und ob Armenien innenpolitisch stabil bleibt.

Für Sie ist Aserbaidschan der Sieger dieses Krieges?

Ja, weil das Land fast alle seine Ziele erreicht hat. Aserbaidschan hat im Konflikt um Berg-Karabach viele Bezirke zurückerobert, die lange Jahre besetzt waren. Zudem muss Armenien weitere Bezirke räumen. Hunderttausende Vertriebene können nach Jahren in ihre einstige Heimat zurückkehren.

Russische Friedenstruppen sichern die armenische Klosteranlage Dadiwank nahe der aserbaidschanischen Stadt Karwatschar. K. MINASYAN/AFP

Wo Menschen zurückkehren, müssen andere gehen. Wie konfliktträchtig ist der Teil des Waffenstillstands, der die Gebietsübergabe regelt?

Schwer zu sagen. Wichtig ist, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen vor allem der Aseri und der Armenier in den heterogenen Regionen von Berg-Karabach es schaffen, möglichst friedlich miteinander zu leben. Das sollen die russischen Soldaten sicherstellen. Insgesamt sind die Menschen in Aserbaidschan mit dem Ausgang des Krieges zufrieden, wobei sie nicht ganz glücklich darüber sind, dass russische Truppen im Land sind. Sie sollen zunächst für fünf Jahre bleiben.

Die Mehrheit der Armenier fühlt sich als Verlierer des Krieges um Berg-Karabach

Wie wird der Waffenstillstand in Armenien wahrgenommen?

Die Mehrheit fühlt sich als Verlierer. Es gab und gibt Proteste verbunden mit der Forderung, Paschinjan solle zurücktreten. Das ist ein Unterschied zum Krieg in den 90er Jahren, den Armenien für sich entschied und Aserbaidschan als Verlierer galt.

Fürchten Sie, dass Armenien noch einmal aufrüstet, um das Ergebnis des Waffenstillstands zu revidieren?

Psychologisch ist die Niederlage für Armenien schwer zu ertragen. Allerdings ist das Land ökonomisch zu schwach, um aufzurüsten und Rache üben zu können. Sie werden die neue Realität annehmen müssen.

Zur Person

Azer Babayev lehrt als Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der ADA University (Baku, Aserbaidschan) und ist zurzeit Gastwissenschaftler am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). 2009 promovierte er an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Mannheim. Er forscht zu Konfliktlösungen und Demokratieförderung im postsowjetischen Raum.

Russlands Präsident Wladimir Putin gilt als Sieger in Berg-Karabach

Als weiterer Sieger gilt der russische Präsident Putin, weil er gezeigt hat, dass er einen Krieg auch beenden kann. Außerdem hat er den russischen Machtbereich vergrößert. Ist das auch gut für die Region?

Russland hat sich als regionale Ordnungsmacht durchgesetzt. Für die Region ergibt sich kein eindeutiges Bild. Russland gilt bislang nicht als Friedensstifter. Das zeigen unter anderem die Konflikte mit der Ukraine oder mit Georgien. Deshalb war in Gesprächen seit den Konflikten in den 90er Jahren immer die Rede von internationalen Truppen und nicht wie jetzt von russischen. Moskau ist nicht neutral, sondern daran interessiert, den eigenen Einfluss in der Region zu erweitern. Das ist für einen dauerhaften Frieden nicht gerade förderlich. Viele befürchten, Moskau werde – wie andernorts – den Konflikt am Köcheln halten und damit Aserbaidschan und Armenien weiter an sich binden. Ohne den Konflikt hätten sich beide Staaten längst nach Westen orientiert.

Auch der türkische Präsident Erdogan gilt als Gewinner, weil er das Waffenstillstandsabkommen mit ausgehandelt hat. Was hat er gewonnen?

Der strategische Einfluss der Türkei ist gewachsen. Außerdem hofft Ankara, das Bündnis zwischen der Türkei und Aserbaidschan wird sich politisch und ökonomisch auszahlen. Zudem hat die Türkei mit Russland ein neues Kooperationsmuster. Sie können miteinander, während beide im Syrien-Krieg eher gegeneinander arbeiten.

Der Westen hingegen gilt als Verlierer in Berg-Karabach

Der Westen gilt dagegen als der große Verlierer. Wie sehen Sie das?

Die OSZE-Minsk-Gruppe mit den Co-Vorsitzenden Russland, Frankreich und den USA hat seit den 90er Jahren in dem Konflikt um Berg-Karabach vermittelt. Jetzt gibt es nur noch Russland und die Türkei als Vermittler. Russland eher auf der armenischen, die Türkei eher auf der aserbaidschanischen Seite. Vor allem in Armenien gab es Stimmen, die sich ein stärkeres Engagement des Westens und hier besonders von Frankreich gewünscht haben. Doch Präsident Emmanuel Macron hat sich nur anfangs eingemischt.

War es vielleicht gut, dass sich der Westen nicht eingemischt hat, weil Putin und Erdogan dadurch schneller den Waffenstillstand durchsetzen konnten?

Pragmatisch mag das richtig sein. Aber der Westen verliert Einfluss in der Region. Einige Staaten wie Armenien oder Georgien fühlen sich alleingelassen und müssen sich nun mit dem starken Nachbar Russland arrangieren.

Die Autonomie von Berg-Karabach spiel keine Rolle für Russland

Was wäre denn besser gelaufen, wenn sich der Westen eingemischt hätte?

Dann würden jetzt wahrscheinlich keine russischen Einheiten, sondern Friedenstruppen der Vereinten Nationen den Waffenstillstand überwachen. Damit wären die Chancen größer, dass der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien tatsächlich befriedet werden würde.

Warum?

Nur wenn Russland wirklich an einer friedlichen Lösung interessiert ist, werden auch die restlichen Probleme gelöst. Die Autonomie von Berg-Karabach ist dabei der größte Brocken. Doch dieser Aspekt spielt derzeit kaum eine Rolle.

Rubriklistenbild: © AFP

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