Die Kämpfe zwischen armenischen und aserbaidschanischen Streitkräften um das separatistische Gebiet Bergkarabach gehen unter gegenseitiger Beschuldigung weiter. Das Bild zeigt ein zerstörtes Haus im aserbaidschanischen Stepanakert.
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Die Kämpfe zwischen armenischen und aserbaidschanischen Streitkräften um das separatistische Gebiet Bergkarabach gehen unter gegenseitiger Beschuldigung weiter.

Perspektiven auf Bergkarabach

Bergkarabach: Was zwei Frauen aus Armenien und Aserbaidschan über den Konflikt erzählen

Arpine Geghamyan ist Armenierin, Durdana Boyukkishiyeva ist Aserbaidschanerin. Die beiden Frauen stehen auf verschiedenen Seiten des Konflikts.

  • Der Konflikt um Bergkarabach ist zwischen Armenien und Aserbaidschan neu entflammt.
  • Die Region wird mehrheitlich von Armeniern bewohnt, gilt aber als Teil Aserbaidschans.
  • Eine Armenierin und eine Aserbaidschanerin sprechen über ihre Sicht auf den Bergkarabach-Konflikt.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan liefern sich bereits seit Jahrzehnten einen erbitterten Konflikt um die Region im Südkaukasus, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Vor eineinhalb Wochen waren die Kämpfe neu entbrannt. Die selbsternannte Republik Bergkarabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

Wie sehen Betroffene den Konflikt um Bergkarabach? Die Armenierin Arpine Geghamyan hat Angst vor einem Völkermord. Die Aserbaidschanerin Durdana Boyukkishiyeva sagt: „Wir wollen unser Land zurück!“ Unsere Autorin lässt beide zu Wort kommen.

Die Armenierin Arpine Geghamyan (29): „Wir haben Angst vor einem neuen Völkermord“

„Politik macht alles kaputt“: Arpine Geghamyan.

An Krieg gewöhnt man sich nie, aber irgendwann versiegen die Tränen. Zu Beginn dieser erneuten Eskalation habe ich nur geweint. Aber man kann nicht die ganze Zeit weinen. Nun sitze ich hier und bange. Um meinen Bruder, der an die Front nach Bergkarabach geschickt wurde, wie schon 2016. Um meinen Mann, der vielleicht auch als Soldat kämpfen wird. Und um mein Land. Wir haben das Gefühl, dass sich wieder ein Völkermord anbahnt. Der türkische Präsident Erdogan will ein neoosmanisches Reich schaffen. Wenn die Türkei Bergkarabach hat, ist es ganz leicht, auch Armenien zu erobern. Davor haben wir Angst. Doch die Welt will nichts hören! Auch Deutschland ist bloß „besorgt“ und mahnt. Aber wir werden nicht warten, bis die Türkei die Armenier wieder vernichtet. Diesmal nicht.

Flüchtlinge aus Bergkarabach: „Aus dem Paradies vertrieben“

In Eriwan herrscht Ausnahmezustand. Fünf Stunden sind es von hier bis nach Bergkarabach. Die Hotels quartieren die vielen Flüchtlinge ein, und wer immer Platz in der eigenen Wohnung hat oder ein Ferienhäuschen auf dem Land, nimmt dort geflüchtete Armenier auf. Teils kommen ganze Familien bei Wildfremden unter. Die Kinder tun mir am meisten leid. Was die alles erleben müssen! Sie wurden aus dem Paradies vertrieben, denn das ist Bergkarabach. Es ist wie in der Schweiz, mit Seen und bewaldeten Bergen. Dort wachsen die besten Feigen und Granatäpfel und Kaktusfrüchte.

Über Facebook koordinieren wir die Hilfe. Da schreibt zum Beispiel ein Armenier, der eine Familie aufgenommen hat, es werde eine Hose für einen Siebenjährigen benötigt, und dann bringen andere Leute das vorbei. Die Solidarität unter den Armeniern ist groß. In Friedenszeiten verlassen viele das Land auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen. Aber wenn Krieg ist, kehren sie aus aller Welt zurück, melden sich als Freiwillige bei der Armee oder helfen mit Spenden.

Konflikt um Bergkarabach: Covid-19, Arbeitslosigkeit und Krieg

Tatenlos herumzusitzen, ist furchtbar. Deshalb helfe ich, Kisten zu packen für unsere Soldaten. Wir tun warme Socken hinein, Medikamente, Süßigkeiten und manchmal auch kleine Zettel mit mutmachenden Botschaften. So kann ich wenigstens etwas tun. Eine Arbeit habe ich nicht mehr. Eigentlich bin ich Reiseleiterin, aber seit der Corona-Pandemie kommen keine Touristen. Also habe ich vor ein paar Monaten mit meinem Mann ein kleines Start-up aufgebaut, wir drehen Werbefilme von erfolgreichen Gründerinnen und Gründern. Das liegt jetzt auf Eis. Letztes Jahr haben wir eine Wohnung gekauft, ich wollte ein Kind. Nun haben wir Covid-19, Arbeitslosigkeit und Krieg.

Nachts schlafen wir kaum. Alle paar Stunden werde ich wach, dann schaue ich aufs Handy, was es Neues gibt. Lese die Nachrichten – und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass dort steht, dass der Krieg vorbei sei. Und immer schwingt die Angst mit, dass ich irgendwann erfahre, dass Verwandte oder Freunde in Bergkarabach verletzt oder getötet worden sind. Neulich haben mein Mann und ich uns mitten in der Nacht ins Auto gesetzt und sind raus aufs Dorf gefahren, zu meinen Eltern. Denn vorher sind wir von ohrenbetäubendem Lärm aufgeschreckt worden: Da war eine türkische Drohne, die das armenische Militär abgeschossen hat. Später haben wir erfahren, dass es „nur“ eine Spionagedrohne war, keine bewaffnete, aber das wussten wir in der Nacht nicht.

Politik spielt die entscheidende Rolle im Bergkarabach-Konflikt

Ich bin sicher, dass wir diesen Krieg gewinnen werden. Aber ich hasse die Aseris nicht. Menschen sind Menschen, überall. Es ist die Politik, die alles kaputt macht. Religion? Nein, die spielt keine Rolle in diesem Krieg. Es geht um Geopolitik. Ich würde mich sogar mal mit jemandem von drüben treffen, wenn ich die Möglichkeit hätte. Ich verstehe ja, dass Bergkarabach für die Aseris, die während der Sowjetzeit dort lebten, ebenfalls Heimat ist.

Aber wenn mein Mann einberufen wird, werde ich mitgehen. In Bergkarabach sind viele junge Frauen. Manche kämpfen, andere kochen für die Soldaten oder backen Brot. Ich werde tun, was nötig ist. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, mit Waffen kann ich umgehen. Oder ich leiste erste Hilfe. Ich werde auf jeden Fall nicht einfach nur warten.

Die Aserbaidschanerin Durdana Boyukkishiyeva (34): „Wir wollen unser Land zurück“

„Diese Krise war immer heiß“: Durdana Boyukkishiyeva.

Ich habe oft gehört, wir hätten hier im Kaukasus einen „eingefrorenen Konflikt“. Aber das stimmt nicht. Diese Krise war immer heiß, die ganze Zeit. Bergkarabach ist eine blutende Wunde für uns.

Ich bin in der Hauptstadt Baku aufgewachsen, wo ich auch heute lebe, rund fünf Autostunden entfernt von Bergkarabach. Gefühlt ist der Krieg sehr nah, und das war schon immer so. Ich bin mit dem Gefühl groß geworden, dass wir besiegt worden sind. Wenn ich abends im Bett liege, kommen mir jetzt öfter Szenen aus meiner Kindheit in den 90er Jahren in den Sinn. Ich erinnere mich an eine Schulstunde – ich war etwa acht Jahre alt –, in der unsere Lehrerin in Tränen ausbrach, als sie uns Kindern erklärte, dass wir schon wieder ein Stück unseres Landes verloren hatten. Ich erinnere mich an die Flüchtlingstrecks der Aseris, die aus Bergkarabach vertrieben worden waren und nach Baku kamen. Ich erinnere mich an meine Mitschüler, deren Väter an der Front gefallen waren. Und an den Jungen, der neu zu uns in die Klasse kam. Er weinte die ganze Zeit und sagte, er wolle zurück nach Hause. Seine Familie war ebenfalls vertrieben worden aus Bergkarabach, sein Dorf zerstört. Ich träume davon, dass Menschen wie er bald nach Hause können. Dass sie dort in Frieden und Wohlstand leben, Seite an Seite mit den Armeniern.

Bergkarabach: Kein Religionskonflikt

Aserbaidschan ist ein multikulturelles Land, hier leben Muslime, Christen und Juden, turksprachige Minderheiten genauso wie Russen und Armenier. Ich selbst bin Muslima und habe christliche und atheistische Freunde, das ist ganz normal bei uns. Es ist falsch, diesen Krieg als Religionskonflikt darzustellen. Es geht um das Land. Wir Aseris haben viele Jahre friedlich mit den Armeniern zusammengelebt. Während der Sowjetzeit hatte mein Großvater armenische Angestellte, die ihm bei der Weinernte geholfen haben. Meine Großmutter hat mir erzählt, dass diese Armenier wochenlang bei ihnen im Haus lebten, als respektierte und geschätzte Gäste.

Aber dann haben armenische Separatisten in Bergkarabach ihre eigene Republik ausgerufen und sie haben aserbaidschanische Gebiete drum herum annektiert. Insgesamt sind es zwölf Regionen, die auf unserem Territorium liegen, die aber von den Separatisten kontrolliert werden. Die Friedensverhandlungen in den vergangenen 26 Jahren haben nichts gebracht. Was bleibt uns da anderes übrig? Natürlich ist Krieg nicht schön. Aber wir wollen unser Land zurück! Stellen Sie sich vor, die armenische Diaspora in Marseille riefe dort ihre eigene Republik aus. Das würden die Franzosen auch nicht akzeptieren.

Konflikt um Bergkarabach: „Die ganz normalen Leute wollen keinen Krieg“

Hier in Baku geht das Leben eigentlich weiter wie immer. Der einzige Unterschied ist, dass man nun viele Nationalflaggen in den Straßen sieht. Die Leute hängen sie von den Balkonen ihrer Wohnungen und Büros oder aus den Autofenstern. In Armenien war ich noch nie. Ich käme da auch gar nicht hin, die Grenze ist ja dicht, das geht nur über den Umweg Georgien. Aber während meiner Studienzeit war ich Mitglied in der europäischen Studentenorganisation AEGEE. Da habe ich an vielen Workshops und Jugendbegegnungen teilgenommen und auch Armenier getroffen. Viele sagten mir, dass der Konflikt um Bergkarabach sie ermüde. Und dass ihnen egal sei, wem dieses Stück Land offiziell gehöre. Ich glaube, die Zivilisten auf beiden Seiten sind offen. Die ganz normalen Leute wollen keinen Krieg. Es sind die Politiker, die es kompliziert machen.

Ich arbeite in der Tourismusbranche, im Hotelmanagement, aber wegen der Corona-Pandemie habe ich meine Arbeit verloren. Wer weiß, wenn wir Bergkarabach zurückhaben, entstehen dort vielleicht neue Hotelanlagen, in denen ich Arbeit finde. Ich bin überzeugt, dass wir diesen Krieg gewinnen werden. Ich male mir aus, was für eine aufstrebende Region der Südkaukasus sein könnte, wenn hier Frieden wäre. Davon hätte doch auch Armenien was! Die Wirtschaft würde florieren, die Menschen könnten problemlos reisen. Ich glaube fest daran, dass das die Zukunft sein wird. (Aufgezeichnet von Elisa Rheinheimer)

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