Der Konflikt in der Region flammte bereits 1991 auf.
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Der Konflikt in der Region flammte bereits 1991 auf.

Berg-Karabach

Kampf um Berg-Karabach: Immer mehr Tote

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Um die Region Berg-Karabach wird wieder gekämpft. Armenien und Aserbaidschan vermelden jeweils Erfolge - und immer mehr Tote.

  • Nach wie vor sind die Konflikte zwischen Armenien und Aserbaidschan ungelöst.
  • Es geht um die Region Berg-Karabach.
  • Die Zahl der Opfer steigt.

Zwei Panzer fahren durch die Steppe, hinter ihnen gehen Soldaten. Dann schlägt eine Rakete ein, einer der Panzer verschwindet in einer Qualmwolke.

Das Video, das feindliche Truppen unter Beschuss zeigt, veröffentlichte am Sonntag das armenische Verteidigungsministerium. Regierungschef Nikol Paschinjan verkündete auf Facebook, in Berg-Karabach stellten sich die Armenier erfolgreich einem Angriff der Aserbaidschaner entgegen. „Seid bereit, unsere heilige Heimat zu schützen!“

Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ungelöst

Der seit Jahrzehnten ungelöste Konflikt zwischen den Kaukasusstaaten Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach droht wieder, zu einem offenen Krieg zu werden. Armenien rief am Sonntag die Generalmobilmachung aus. Alle Wehrpflichtigen hätten sich bei ihren Militärkommissionen zu melden. Aserbaidschans Präsident Ilcham Alijew sprach in einer TV-Ansprache von laufenden Kampfhandlungen und getöteten aserbaidschanischen Soldaten und Zivilisten, er sagte: „Ihr Blut bleibt nicht ungesühnt.“ Am Nachmittag verhängte das aserbaidschanische Parlament über mehrere Regionen das Kriegsrecht mit Ausgangssperren von Mitternacht an.

An den Gefechten geben sich beide Parteien gegenseitig die Schuld.

Armenien behauptet, der Feinde habe mit Kampfflugzeugen und Raketenwerfern gezielt zivile Objekte wie Schulen angegriffen, eine Mutter und ihre Tochter seien umgekommen. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium dagegen warf den armenischen Streitkräften vor, sie hätten gegen sechs Uhr morgens an der gesamten Frontlinie aserbaidschanische Stellungen sowie Wohnsiedlungen unter Feuer genommen. In Berg-Karabach wurden nach offiziellen Angaben 16 Soldaten durch Beschuss getötet und mehr als hundert verletzt. Aserbaidschan teilte mit, dass es fünf Tote und Verletzte in den eigenen Reihen gebe. Unter den Opfern sind nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auch Zivilisten.

Berg-Karabach: Propagandakrieg ist im vollen Gange

Der Propagandakrieg ist also im vollen Gange. Armenische Militärsprecher verkündeten den Abschuss von zwei gegnerischen Hubschraubern, drei Panzern und 14 Drohnen. Aserbaidschan gab den Verlust eines Hubschraubers zu, meldete seinerseits die Einnahme von sieben Dörfern und die Vernichtung von zwölf Raketenwerfern der Armenier.

Schon im Juli hatte es blutige Grenzgefechte weiter nördlich gegeben. Jetzt konzentrieren sich die Kämpfe wieder auf die Rebellenrepublik Berg-Karabach. I988 war in dem mehrheitlich armenischen Bezirk der damaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan ein blutiger Kleinkrieg ausgebrochen. Er dauerte vier Jahre. Nach Gemetzeln auf beiden Seiten vertrieben die christlichen Armenier außer den aserbaidschanischen Kämpfern auch die muslimische Zivilbevölkerung. Seitdem fordert Baku die Rückgabe Karabachs. Mehrere Verhandlungsrunden unter Vermittlung der OSZE und Moskaus scheiterten.

Eskalation im Südkaukasus

Am Sonntag wurden am Nachmittag keine schweren Gefechte mehr gemeldet. Für einen ernsthaften Krieg hätte Aserbaidschan an der Grenze zwei Drittel seiner Streitkräfte versammeln müssen, schreibt die Moskauer Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ unter Berufung auf Militärexperten.  „Davon ist nichts zu sehen.“ Der türkische Präsident Recep Tayyip versicherte indes seine Unterstützung für Aserbaidschan.

Aserbaidschan rüstet seit Jahren auf

Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan wertete die Gefechte als Kriegserklärung gegen sein Volk. „Das autoritäre Regime von Aliyev hat seine Feindseligkeiten wieder aufgenommen. Es hat dem armenischen Volk den Krieg erklärt“, sagte Paschinjan am Sonntag in Eriwan. „Wir sind zu diesem Krieg bereit.“ Die Südkaukasusrepublik Aserbaidschan wird nach der Eskalation in der Unruheregion Berg-Karabach den Kriegszustand in einigen Landesteilen verhängen. Das Parlament in der Hauptstadt Baku habe bei einer Sondersitzung bereits zugestimmt, meldete die aserbaidschanische Staatsagentur Azertac am Sonntag. Auch Präsident Ilham Aliyev soll die Entscheidung Berichten zufolge bestätigt haben, so dass der Kriegszustand ab Mitternacht (Ortszeit - 22.00 Uhr MESZ) beginnen werde. 

Das durch Öl- und Gasexporte reich gewordene Land rüstet seit Jahren auf. Sein Militärhaushalt beträgt laut dem Portal Global Firepower 2,8 Milliarden Dollar, der Armeniens nicht mal die Hälfte. Die Armee Aserbaidschans hat 126 000 Soldaten und 570 Panzer, der Nachbar 45 000 Mann und 110 Panzer. Dazu kommen 20 000 erfahrene Karabach-Kämpfer. Zudem gehört Armenien zum russisch geführten Militärbündnis OVKS. Russland unterhält im armenischen Gjumri einen Militärstützpunkt. „Wenn es Krieg gibt“, sagt der Moskauer Politologe Aschdar Kurtow, „wird sich Russland nur schwer heraushalten können.“ Ein OVKS-Sprecher rief beide Seiten zur friedlichen Lösung des Konflikts auf.

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