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„Der Skandal ist schlimm“: Bayerns Kreuz mit Benedikt XVI.

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Von: Patrick Guyton

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Ein Kreuz hängt an der Wand während einer Pressekonferenz zum Gutachten zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im katholischen Erzbistum München und Freising. Foto: Sven Hoppe/dpa-Pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein Kreuz hängt an der Wand während einer Pressekonferenz zum Gutachten zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im katholischen Erzbistum München und Freising. © dpa

Nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchs-Gutachtens und den Vorwürfen gegen den eremitierten Papst wächst das Unbehagen und die Wut gegenüber Joseph Ratzinger.

München – Auf der Homepage wird sofort klar, was der Gemeinde im Südosten Bayern mit ihren 2790 Einwohner:innen am wichtigsten ist: „Ein herzliches Grüß Gott in Marktl“, heißt es da, „dem Geburtsort unseres Papstes Benedikt XVI.“ Sein Geburtshaus ist zum Museum für Joseph Ratzinger gemacht worden, davor wurde ihm zu Ehren eine vier Meter hohe Stele errichtet. Zu besichtigen ist seine Taufkirche St. Oswald mit dem Taufstein. Im Heimatmuseum ist unter anderem ein goldener Kelch ausgestellt, aus dem der einstige Papst in seiner Privatkapelle getrunken hatte. Und Benedikt XVI. ist Ehrenbürger von Marktl, das ist ja Ehrensache.

Und nun? Was ist jetzt mit der Papst-Verehrung im Lichte der Vorwürfe im Missbrauchs-Skandal? Der junge Bürgermeister Dittmann, mit Vornamen Benedikt, will Stellung nehmen, so gut es momentan eben geht. „Der Skandal ist schlimm“, sagt er im Gespräch mit der FR. „Und es ist gut, dass das aufgedeckt wird.“ Auch ist ihm wichtig: „Die Betroffenen sollen im Mittelpunkt stehen.“

Benedikt XVI.: Das Warten auf Ratzingers Stellungnahme

Wankt da ein zur katholischen Übergestalt Ausgerufener, weil er laut dem Missbrauchs-Gutachten offenkundige Falschaussagen über seine Zeit als Erzbischof von München und Freising gemacht hat? Er ist in den Skandal verwickelt, welcher die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Benedikt Dittmann, 30 Jahre alt, sagt: „Wir warten darauf, wie er sich äußern wird. Dann debattiert das der Gemeinderat.“ Benedikt XVI. sei ja Wissenschaftler, „aber jetzt muss es bei ihm menscheln“.

Ratzinger, der am 16. April dieses Jahres 95 alt wird, hat eine ausführliche Stellungnahme angekündigt. Kommt sie nicht oder bleibt sie dürftig, wird das in einigen Städten und Gemeinden im Freistaat Konsequenzen haben. Zeit seines Lebens hat sich Benedikt XVI. sehr betont als Bayer bezeichnet. Und in Bayern hatte er vor seiner Wahl zum Papst am 19. April 2005 in verschiedensten Orten gelebt und gewirkt.

Ratzinger: Allerorten wird über ihn gesprochen

Schon jetzt sind das Unbehagen und auch die Wut auf die Kirche und auf diesen Mann groß, allerorten wird über ihn gesprochen. Nächste Station Traunstein: Als Ratzinger zehn Jahre alt war, siedelte sich die Familie dort an, in seiner Vaterstadt. Die Kirche, die auch St. Oswald heißt, sah er als „heimatliche Pfarrkirche“ an. Auch in Traunstein ist Ratzinger Ehrenbürger, vor der Kirche steht eine Büste von ihm, 2011 erhielt ein zentraler Platz den Namen „Papst-Benedikt-XVI.-Platz“.

Schwer belastet: der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Schwer belastet: der emeritierte Papst Benedikt XVI. © AFP

Will man das so beibehalten? Stadt und Landkreis Traunstein haben eine Kommission gegründet, mit dem Ziel, die „geäußerten Vorwürfe und damit verbundene Verantwortlichkeiten im Hinblick auf die örtliche Erinnerungs- und Würdigungskultur sachlich und fachlich einzuordnen“. Wenn nötig, sollten „Handlungsempfehlungen“ erarbeitet werden. Die Büste könnte also fallen.

Ratzinger in Regensburg: „Die ganze Stadt war stolz“

Als Theologie-Professor zog es Ratzinger 1969 nach Regensburg, wo sein Bruder Georg den Domspatzen-Chor leitete. „Die ganze Stadt war stolz, als er 2006 Ehrenbürger wurde“, erinnert sich die Oberbürgermeisterin Getrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) im Gespräch. Doch nun soll jede Fraktion im Stadtrat, so ihr Anliegen, über das Gutachten beraten und sich eine Meinung bilden. „Das sind wir den Opfern schuldig.“ Danach fallen Entscheidungen.

In Freising war Joseph Ratzinger von 1977 an Erzbischof von München und Freising, bevor er 1981 im Vatikan Präfekt der Glaubenskongregation wurde. Kardinal Friedrich Wetter folgte ihm im Bistum, auch er wird in dem Gutachten belastet. „Ich sehe nicht, dass Wetter und Ratzinger noch Ehrenbürger der Stadt Freising bleiben dürfen“, sagt Susanne Günther von den Stadtrats-Grünen. CSU-Mann Rudi Schwaiger kann sich noch nicht so klar positionieren: „Ich bin sehr hin- und hergerissen, das ist eine ganz schwierige Entscheidung.“ Erledigt hat sich in der Domstadt aber der Plan, den Ex-Papst auf der Korbinianbrücke aufzustellen, wo die Brückenheiligen stehen. Als solchen möchte ihn gerade niemand dort haben. (Patrick Guyton)

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