1. Startseite
  2. Politik

Russische Geheimdienst-Operation in der Ukraine fliegt auf: Auch wegen „zu heißer Geliebter“

Erstellt:

Von: Marcus Giebel

Kommentare

Ein Pilot steht vor einem Kampfflugzeug
Russische Piloten standen im Mittelpunkt dieses Kräftemessens der Geheimdienste: Im Ukraine-Krieg sollen sich beide Seiten heimlich mit falschen Infos gefüttert haben. © IMAGO / SNA

Ukrainer wollten offenbar russische Piloten dazu bewegen, die Seiten zu wechseln. Das versuchte der FSB, für seine Zwecke zu nutzen. Doch dieses Unterfangen ging gehörig schief.

München - Im Ukraine-Krieg wird mit allen Mitteln gekämpft. Und seien sie noch so schmutzig. Denn letztlich geht es ja nur um das eine Ziel: den Kontrahenten irgendwie in die Knie zu zwingen. Von den allermeisten der gewählten Wege zum erhofften Erfolg bekommt die Öffentlichkeit dabei gar nichts mit. Besonders, wenn die Geheimdienste die Hand drauf haben.

Anders sieht es bei einem Einsatz des FSB gegen die Ukrainer aus, über den der Investigativ-Journalist Christo Grosew vom Recherchenetzwerk Bellingcat auf Twitter ausführlich berichtet. Die im Verborgenen arbeitenden Unterstützer von Wladimir Putin glaubten eigentlich, die Gegenseite heimlich hereinzulegen, doch die ukrainischen Agenten drehten den Spieß einfach um, berichtet merkur.de.

Ukraine-Krieg: FSB wirft Gegenseite und Journalist „Flugzeugentführungs-Plan“ vor

Aufhänger für Grosews Thread war die Verkündung des FSB, „eine Verschwörung der ukrainischen Geheimdienste vereitelt“ zu haben. Dabei sei es darum gegangen, russische Militärpiloten dazu zu bewegen, sich gegen die Zahlung einer Millionensumme zu ergeben und ihre Flugzeuge zur Verfügung zu stellen.

Der bulgarische Journalist schreibt weiter, er selbst sei in den russischen Medien bezichtigt worden, Teil dieses „Flugzeugentführungs-Plans“ gewesen zu sein. Dem FSB wirft er in diesem Zusammenhang „eine traditionelle Mischung aus gefälschten ‚Beweisen‘ und locker interpretierten Fakten“ vor.

Dabei habe er lediglich einen passiven Part eingenommen und fühle sich als „Dokumentarfilmer“, der „eine der verrücktesten Counter-Counter-Intel-Operationen aller Zeiten aufgezeichnet“ habe. Darin gehe es um „Dreifach-Agenten, gefälschte Pässe und falsche Freundinnen“.

Ein russischer Jet in der Luft
Russisches Kampfflugzeug in seinem Element: Ukrainische Ex-Agenten wollten offenbar diverse Piloten auf ihre Seite ziehen. © IMAGO / SNA

Geheimdienst-Operation in der Ukraine: FSB soll unfreiwillig Identitäten offengelegt haben

Grosew hält die Mission für „einen schweren Fehler des FSB“. Dieser habe „unbeabsichtigt die Identität von Dutzenden von Spionageabwehrbeamten, ihre Operationsmethoden und ihre verdeckten Mittel“ offengelegt. Diese Schmach begann mit einem im April in der Ukraine verabschiedeten „Gesetz zum Anreiz der Waffenabgabe“. Wie einer beigefügten Liste zu entnehmen ist, wäre ein Kampfflugzeug eine Million US-Dollar wert, ein Kampfhubschrauber 500.000 US-Dollar, für Raketensysteme werde fünfstellige Summen ausgelobt.

Daraufhin hätten ukrainische Ex-Agenten beschlossen, sich auf der Grundlage dieses Gesetzes an russische Kampfpiloten zu wenden und ihnen ein Überlaufen schmackhaft zu machen. Bellingcat sei darauf aufmerksam geworden und habe die weitere Entwicklung verfolgt. Mehrere der angesprochenen russischen Militärs reagierten sogar mit Videos und Fotos aus ihren Fliegern, einige Aufnahmen waren laut Grosew „sehr detailliert und aufschlussreich“.

Interessanterweise, so berichtet es der Investigativ-Journalist weiter, spricht der FSB rückblickend von „kontrollierten Leaks“. Allerdings würden die entsprechenden Bilder des Flugzeug-Innenlebens in TV-Sendungen unkenntlich gemacht. Für jedes Auge scheinen sie also doch nicht bestimmt zu sein.

Spionage-Thriller im Ukraine-Krieg: Russischer Pilot gab FSB-Agentin als seine Geliebte aus

Bellingcat habe die „Verhandlungen“ - wie Grosew sie nennt - zwischen Ukrainern und russischen Piloten beobachtet. Schnell hätten sich diese so entwickelt, dass sich der Verdacht aufdrängte, Letztere seien „gecoacht“ worden - mutmaßlich aus den Reihen des FSB.

Misstrauisch wurden die ukrainischen Verhandler etwa, als ein Pilot darum bat, nicht etwa seine Frau aus Russland rauszuholen, sondern seine Geliebte. Grosew scheibt, er selbst habe binnen fünf Minuten herausgefunden, dass es sich bei der angeblichen Geliebten um eine FSB-Agentin handelte. Diese sei ganz nebenbei „viel zu heiß“ für den Piloten gewesen.

Tagsüber arbeitet die Frau als Fitnesstrainerin, nebenbei wird sie aber vom FSB als Freundin für verschiedene Fälle angeheuert. Dies sei auch den ukrainischen Gesprächspartnern nicht verborgen geblieben. Obendrein sei ihr angeblicher Fliegerfreund überrascht gewesen, dass sie bereits einen Reisepass besaß, vor einigen Monaten in Istanbul war und ein Jahr zuvor in Barcelona.

FSB im Ukraine-Krieg: Vermeintliche Geliebte macht Drama um verlorenen Pass

Von diesem Pass wollte aber auch die Dame in den Gesprächen mit den Ukrainern nichts wissen, bat diese darum, ihr einen neuen auszustellen. Laut Grosew wollte der FSB damit überprüfen, inwiefern die Ukrainer die Landsleute unterstützen würde. Diese rieten ihr jedoch dazu, ihren Pass als verloren zu melden.

Als dann der Pilot gefragt wurde, wieso der Pass gerade jetzt verloren gegangen sei, habe dieser geantwortet: „Ihr Ex-Freund hat ihn zerrissen.“ Grosew frotzelt: „Die FSB-Version von ‚Hund hat Hausaufgaben gefressen‘.“ Der Bellingcat-Reporter stieß zudem auf eine Kontaktaufnahme zwischen dieser Geliebten und einem militärischen Spionageabwehroffizier des FSB.

Bei einem weiteren Fall wurde es dem Investigativ-Journalisten zufolge noch verrückter. So habe einer der russischen Piloten die Ukrainer um Rat gebeten, um seinen Co-Piloten mit einem Beruhigungsmittel außer Gefecht zu setzen.

Video: Mehr als 75.000 russische Soldaten laut US-Informationen getötet oder verletzt

Geheimdienstkampf um russische Piloten: „Möchte nicht, dass uns das Gleiche passiert wie den Skripals“

Noch auffälliger sei jedoch ein Pilot gewesen, der für seine gesamte Familie neue Ausweise haben wollte, um ja keine Spuren zu hinterlassen, denn: „Ich möchte nicht, dass uns das Gleiche passiert wie den Skripals.“ Auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal, der zum britischen MI6 überlief, wurde im Vereinigten Königreich ebenso wie auf dessen Tochter Julija ein Giftanschlag verübt. Beide überlebten jedoch, nachdem Passanten sie bewusstlos auf einer Parkbank entdeckten und Hilfe riefen.

Aber zurück zur völlig verkorksten FSB-Mission. Grosew grub auch noch einen Mitarbeiter des Geheimdienstes aus, der für die Piloten zuständig ist. Dieser präsentiert auf Instagram gerne sein Fahrzeug - natürlich mit komplett abgelichtetem Nummernschild. Das sieht schon nach höherem Geheimdienst-Level aus.

Ukraine-Krieg im Zeichen der Geheimdienste: Falschinfos werden gegen Falschinfos ausgetauscht

Jedenfalls machten sich aus all diesen Gründen auch die Ukrainer, bei denen es sich um freiwillig agierende Ex-Agenten handele, so ihre Gedanken, ob sie nicht von der Gegenseite an der Nase herumgeführt werden. Das doppelte Spiel beider Seiten begann, von nun an ging es laut Grosew darum, „dem anderen möglichst viele Informationen zu entlocken, und ihn selbst mit möglichst vielen Falschinfos zu füttern“.

Die Piloten bekamen von den Ukrainern falsche Karten der Flugabwehreinsätze vorgelegt und gefälschte Angaben über die genutzten Landebahnen. Im Gegenzug kamen aus Russland mutmaßlich ebenso gefakte Infos über Starts und Landungen.

Geheimdienste im Ukraine-Krieg: Bei dieser Operation gehen beide Seiten als Verlierer hervor

Grosew berichtet sogar, die Ukrainer seien so überzeugend gewesen, dass der FSB die Frau eines Piloten - inklusive eines eigenen Beschattungsteams - zu einem geplanten Treffen nach Minsk schickte, um mit ukrainischen Verhandlern zu sprechen. In der belarussischen Hauptstadt warteten die Russen geschlagene vier Tage lang vergeblich.

Letztlich musste der FSB feststellen, dass sich keine Agenten der Gegenseite zu irgendwelchen Treffen bewegen lassen würden. Den Ukrainern ging ebenso auf, dass sie keine Piloten zum Überlaufen bewegen würden.

Grosew spricht von einem „unerwarteten Ende“, hält eine Fortsetzung aber wohl nicht für ausgeschlossen. Die bekommt auch jeder gute Spionage-Thriller. Obendrein gibt es bislang ja nur Verlierer auf beiden Seiten - und diese Rolle will natürlich niemand ausfüllen. Schon gar nicht in Kriegszeiten. (mg)

Auch interessant

Kommentare