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Seit August 2020 protestieren die Menschen in Belarus gegen Präsident Lukaschenko.
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Seit August 2020 protestieren die Menschen in Belarus gegen Präsident Lukaschenko.

Interview

Proteste in Belarus: „Die Wucht hat mich überrascht“

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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30 Jahre nach dem Kalten Krieg wissen viele immer noch zu wenig über Osteuropa, findet Ingo Petz. Damit sich das ändert, erarbeitet er für das Portal Dekoder einen Schwerpunkt zu Belarus.

  • Das Online-Portal Dekoder will Westeuropäern den Osten näherbringen.
  • Artikel Russischer Journalisten werden übersetzt und um einordnende wissenschaftliche Beiträge ergänzt.
  • Mit Belarus als Schwerpunktthema wird die Online-Plattform Dekoder erweitert.

Frankfurt – Publizist Ingo Petz spricht im FR-Interview über seine Arbeit für das Portal Dekoder, das Menschen in Westeuropa den Osten näherbringen will. Dabei liegt ein neuer Schwerpunkt auf den Protesten in Belarus und den Umbrüchen vor Ort.

Herr Petz, Dekoder will unsere Vorstellungen von Osteuropa erweitern, vor allem von Russland. Warum baut Dekoder jetzt einen Schwerpunkt zu Belarus aus, aber keinen zur Ukraine, die in einem viel dramatischeren Wandel steckt?

Wenn wir schon so anfangen, ja, das könnte man auch machen. Wenn das mit Belarus gut läuft, würden wir das gerne ausweiten, es hängt ja auch mit der Finanzierung zusammen. Man könnte in alle ehemaligen sowjetischen Staaten mehr Einblick bieten, aber das sind eher wilde Träume.

Nur Träume?

Es wäre jedenfalls wichtig. Auch 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges wissen die meisten Menschen in Deutschland noch immer viel zu wenig über den Osten insgesamt, nicht nur über Belarus. Für viele existiert immer noch die Sowjetunion als Fläche im Kopf, die jungen Staaten, vor allem ihre ureigene Geschichte und Kultur werden nicht wahrgenommen. Man lernt ja auch in der Schule kaum etwas darüber. Wenn wir aber zusammenleben wollen, dann gehört das doch dazu.

Ingo Petz.

Wucht der Proteste in Belarus überrascht

Wenn Sie selbst so intensiv Belarus beobachten, haben die Proteste Sie trotzdem überrascht?

Ich war so überrascht wie viele Menschen in Belarus selbst. Vor allem von der Wucht der Proteste. So etwas hat man seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 nicht gesehen. 2006 und 2010 gab es zwar Proteste, aber nicht solche. Dieses Mal waren Menschen im ganzen Land unterwegs, und es waren unterschiedliche Berufsgruppen und Altersklassen auf der Straße, ein umfassender Aufstand gegen das Regime. Nicht nur das Regime, auch wir hier in den demokratischen westlichen Staaten haben nicht wahrgenommen, wie sich die belarussische Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat.

Ähnliches sagte man auch über die Umbrüche in der Ukraine und in Georgien. Vielleicht kann man manche Eigendynamiken nur schwer voraussehen.

Das stimmt, trotzdem sind diese Länder schon länger auf unserer inneren Landkarte. Aber bei Belarus haben viele in Westeuropa immer noch das Problem, es als eigenständiges Volk, als eine eigenständige Nation wahrzunehmen.

Zu Person und Sache

Ingo Petz (47) hat osteuropäische Geschichte, Slawistik und Politikwissenschaft in Deutschland und Russland studiert. Seit Mitte der 90er Jahre beschäftigt er sich intensiv mit Belarus. Für das Portal dekoder.org arbeitet er an einem Schwerpunkt zu dem Land.

dekoder.org wurde 2015 mit Fokus auf Russland gegründet. Ziel ist, die hierzulande geführten Debatten über das Land zu ergänzen und verfestigte Mythen und Stereotype zu überwinden. Dabei gibt es eine enge Verzahnung von Journalismus und Wissenschaft. 2016 erhielt Dekoder den Grimme Online Award.

Der Belarus-Dekoder wurde im November 2020 gestartet. Unabhängige belarussische Medien sollen im deutschsprachigen Raum sichtbar werden, um kulturelle und gesellschaftspolitische Entwicklungen besser nachvollziehbar zu machen. Dekoder finanziert sich über Projektmittel von Stiftungen und anderen Institutionen, aber vor allem über Spenden. Informationen gibt es unter: https://www.dekoder.org/de/klub vf

Nach Holocaust war das kulturelle Gedächtnis Belarus ausraddiert

Weil Sie von eigenständiger Kultur sprechen: Nationale Bewegungen wie zum Beispiel in der Ukraine oder Georgien – gab es sie auch in Belarus?

Historisch gesehen gab es keine solch starken Unabhängigkeitsbewegungen wie in der Ukraine oder den baltischen Staaten. Das hatte etwas damit zu tun, dass Belarus nie ein eigener Staat war bis 1991. Es war immer ein Teilbereich verschiedener Imperien. Lange Zeit musste man entweder Polnisch oder dann Russisch lernen, um die soziale Leiter hochzuklettern. Es gab auch lange keine belarussischen Eliten, die Sprache wurde vor allem auf dem Land gesprochen.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine ganz kleine urbane Elite, aber sie war zu klein, um eine eigene nationale Bewegung hervorzurufen. Nach Stalins Terror, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust war das belarussische kulturelle Gedächtnis quasi ausradiert. Jetzt aber beschäftigen sich die jungen Menschen wieder stärker mit der Frage nach der Eigenständigkeit. Und die Entwicklungen in der Ukraine wirken darauf sicherlich.

Stimmen aus dem Land: Artikel unabhängiger Medien aus Belarus werden übersetzt

Was kann Dekoder bieten, was nicht in anderen deutschen Medien über Belarus zu finden ist?

Wir drehen den Blick um. Wir schreiben ja nicht selber über Belarus, sondern wir übersetzen Stimmen aus den belarussischen unabhängigen Medien. Die gibt es trotz der politischen Bedingungen, in Belarus wie in Russland. Das ist die Ursprungsidee von Dekoder: zeigen, dass es unabhängige Medien in den Ländern gibt. So bieten wir einen ganz direkten Einblick in die Debatten und Diskussionen in Belarus. Es ist nicht unser Blick ins Land, sondern die Stimmen aus dem Land selbst.

Erhoffen Sie sich davon auch eine Wirkung auf die Diplomatie?

Nein, wir sind in dem Sinne kein politisches Medium. Aber grundsätzlich braucht Diplomatie hoch qualifizierte Informationen und da krankt es bei der Berichterstattung über Osteuropa. In den vergangenen Jahren haben deutsche Medien ihre Berichterstattung über den Osten reduziert, es gibt weniger Korrespondentinnen und Korrespondenten dort. Dieses Problem hat sich auch in der Ukraine gezeigt. Aber nochmals zu Ihrer Frage: Bessere Informationen können natürlich zu besseren politischen Entscheidungen führen.

Interview: Viktor Funk

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