Eine Frau wird in Minsk, Belarus, von vermummten Polizisten beim Protest gegen den autoritären Staatschef Lukaschenko und die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl festgenommen.
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Belarus, Minsk: Vermummte Polizisten nehmen eine Frau bei einem Protest gegen die Ergebnisse der belarussischen Präsidentenwahl und gegen den autoritären Staatschef Lukaschenko fest.

Belarus

Belarus: 29 Stunden Folter im Gefängnis – Ein Überlebender berichtet

  • Ulrich Krökel
    vonUlrich Krökel
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29 Stunden Folter musste er über sich in Belarus ergehen lassen: Ein Überlebender berichtet über die Misshandlungen in einem belarussischen Gefängnis.

  • Seit mehr als einem Monat protestieren Menschen in Belarus gegen Diktator Alexander Lukaschenko
  • Viele werden Demonstranten werden verhaftet und zum Verhör verschleppt
  • Ein Überlebender berichtet von den Misshandlungen im Gefängnis

Samstagmittag in Minsk. Tausende Frauen demonstrieren für die Freilassung von Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa. „Rückt Mascha heraus“, rufen sie zum Auftakt des fünften Protestwochenendes gegen Diktator Alexander Lukaschenko. Das reicht den maskierten Omon-Polizisten. Sie zerren wahllos Menschen aus der Menge und verfrachten sie in vergitterte Kastenwagen.

Eine Studentin reißt einem Polizisten die Strumpfhaube vom Kopf. Er schlägt sofort zu. Blut läuft über das Gesicht der jungen Frau, bevor auch sie abtransportiert wird. Auch am Sonntag wiederholen sich die Szenen, offiziell ist die Reden von 250 Festgenommenen.

Sind die Tore der Gefängnisse erst geschlossen, dringt über das Schicksal der Betroffenen nur noch wenig nach außen. Kolesnikowa hat immerhin eine Anwältin, die berichten kann. Sie erzählt, dass ihre Mandantin mit dem Tod bedroht wurde: „Wir bringen dich aus dem Land, lebend oder in Stücken.“ Das wäre Psychofolter. Die Behörden dementieren. Wie weit reicht die Gewalt gegen die Menschen, die in die Fänge der Staatsmacht geraten?

Überlebender Igor Stankewitsch berichtet über seine Folter-Erlebnisse im Belarus

Igor Stankewitsch hat es erlebt und ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Nach seiner Freilassung hat er die Flucht ins EU-Ausland ergriffen. „Ich wollte ihnen keine zweite Chance geben, mich umzubringen“, sagt er im Videogespräch. Die Kamera glättet die Wirklichkeit. Aber die Prellungen im Gesicht sind ohnehin nicht mehr das Problem, drei Wochen später. Igor kann auch wieder schmerzfrei sitzen. Nur die zerquetschten Finger melden sich noch von Zeit zu Zeit. Und natürlich die Angst.

Igor hat die Präsidentschaftswahl am 9. August für das Helsinki-Komitee beobachtet, die älteste Menschenrechtsorganisation in Belarus. Doch zum Verhängnis werden ihm nicht die großen politischen Fragen, sondern ein sorgenvoller Gedanke. Igor hat zwei Töchter, 17-jährige Zwillinge. Am Nachmittag des 11. August will er sie warnen. Denn auf dem Weg nach Hause entdeckt er in der Nähe der Wohnung Busse, in denen Polizisten warten. Also fotografiert er die Kolonne und schickt das Bild an seine Kinder. Sie sollen die Gegend meiden.

Im selben Moment stürzen fünf Uniformierte auf ihn zu und brüllen: „Auf den Boden!“ Als Nächstes spürt Igor den Aufschlag seines Gesichts auf dem Asphalt. Die Nase bricht und ist sofort voller Blut. Hinter dem Rücken reißen die Polizisten seine Arme hoch. Er wird abgeführt, tief nach vorn gebeugt, den Kopf auf die Knie gedrückt. „Ich wäre an diesem Gang fast gestorben. Das Herz ist mir aus der Brust gesprungen.“ Doch es sind nur die ersten Minuten von 29 Stunden in Haft.

Folter-Opfer Igor Stankewitsch: „Sie schlugen mit Stöcken auf mich ein“

Igor wird in einen Saal geschleppt. Es riecht nach Kot, Urin und Bleichmittel. Nach den Spuren der vorangegangen Gewaltnacht. „Sie zwangen mich auf die Knie, mit dem Kopf auf den Boden, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Dann schlugen sie mit Stöcken auf mein Gesäß ein, immer wieder, und schrien mich an: ,Was gefällt dir bei uns nicht?‘“

Er versucht, unter den Schlägen die Muskeln zu entspannen. Die Schmerzen der Hiebe, die ins Fleisch schneiden, sind dann weniger beißend. Und er ermahnt sich, nicht zu verraten, dass er polnische Wurzeln hat und als Journalist arbeitet. Denn wenn er das zugibt, davon ist er überzeugt, dann „töten sie mich“.

Also leugnet er alles. „Wer etwas gesteht, hat keine Chance.“ So sei es in den 1930er Jahren auch gewesen. Ist Lukaschenko also ein neuer Stalin? „Wir haben es in Belarus mit einer reinen Gewaltherrschaft zu tun“, sagt Igor.

Mehrfach zieht er Vergleiche zu dem großen Terror in der Sowjetunion. Lagerhaft, Exekutionen, KGB-Verhöre und Folter: Tatsächlich erinnert in der Republik Belarus des 21. Jahrhunderts so einiges an längst vergangen geglaubte Zeiten. Jedoch fielen der stalinistischen Terrorwelle der 30er Jahre anderthalb Millionen Menschen zum Opfer. Der Maßstab war ein anderer. Aber die Methoden des großen Terrors sind geblieben.

Nach stundenlangem Verhör und Folter aus dem Gefängnis im Belarus freigelassen

Irgendwann ist es vorbei mit den Prügeln. Igor muss stundenlang auf dem zerschundenen Po sitzen, auf einem Stuhl, den Kopf auf den Knien, die Hände auf eine Lehne vor sich gelegt. Dort sitzt ein anderer Mensch in der gleichen Haltung, davor noch einer. In den verrenkten Gliedern fließt das Blut immer schwächer. Das Gewebe droht abzusterben, während die Verhaftungswelle in der Stadt einen neuen Höhepunkt erreicht.

In dem Saal, in dem Igor die Nacht auf den 12. August verbringt, wird es immer voller: „Wenn eine neue Lieferung gebracht wird, ist es die Hölle. Schläge, Schreie, Wimmern. Ich begreife, dass sie mich nur gestreichelt haben.“

Und Igor hat noch ein weiteres Mal Glück. Die Überfüllung in den Gefängnissen zwingt die Staatsmacht dazu, Platz zu schaffen. Noch einmal schlägt ein Polizist Igor ins Gesicht und in die Nieren. Dann wird er nach stundenlangem Verhör freigelassen. Vielleicht, weil er alles geleugnet hat.

Igor Stankewitsch flüchtet nach der Folter mit seiner Familie aus Belarus

Doch schon am nächsten Morgen klingelt das Telefon. „Kommen Sie bitte in die Innenbehörde, damit wir Ihre Verletzungen dokumentieren können“, sagt eine ruhige Stimme. Igor erstarrt. „Als ich aufgelegt hatte, habe ich sofort alle Telefone ausgeschaltet, ein paar Sachen gepackt und mit meiner Familie die Flucht ergriffen.“

Es ist die Angst, die ihn mit Verzögerung trifft. „Einem Hai, der einmal nach dir geschnappt hat, gibst du kein Protokoll“, sagt der 44-Jährige. Er lässt lieber selbst Fotos von seinen Verletzungen machen. Gerichtsfeste Beweise sind das nicht. Igors Erzählung ist eine persönliche Schilderung.

UN-Experten haben 450 ähnliche Fälle von Folter und Misshandlungen in Belarus dokumentiert. Fazit: „Wir sind extrem alarmiert. Denn das Folterverbot gehört zu den Menschenrechten, die absolut gelten.“

In der belarussischen Hauptstadt Mink sind weitere Massenproteste angekündigt. Die Polizei reagierte schon bei vergangenen Demonstrationen brutal. Staatschef Lukaschenko will noch härter durchgreifen.

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