+
Eine Holocaust-Überlebende steht am Freitag im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz vor der „Todeswand“.

Holocaust-Gedenktag

Beklemmend und würdevoll

  • schließen

Der Bundestag erinnert anlässlich des Holocaust-Gedenktages an die Opfer der Euthanasie. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisiert die Art der Aufarbeitung.

Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg.“ Das sind harte, schmucklose, bedrückende Sätze aus dem Brief von Ernst Putzki, der 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde. Sebastian Urbanski liest sie anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Bundestag konzentriert und langsam vor – und verleiht ihnen dadurch eine besondere Würde. Urbanski ist Schauspieler am Berliner Rambazamba-Theater. Der 38-Jährige ist der erste Mensch mit geistiger Behinderung, der jemals im Bundestag gesprochen hat. Urbanksi hat das Down-Syndrom. Das deutsche Parlament hat am Freitag in einer Gedenkstunde an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Im Mittelpunkt standen in diesem Jahr die Opfer der „Euthanasie“-Morde. Euthanasie heißt übersetzt guter, ja, schöner Tod – ein Euphemismus, den das NS-Regime für die systematische Ermordung von Kranken und Behinderten nutzte. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) kritisiert in seiner Ansprache, dass die Aufarbeitung dieser Morde lange nicht stattgefunden habe. Dass sich in dieser Frage etwas getan habe, sei dem hartnäckigen Einsatz einzelner Personen zu verdanken.

Einer dieser Menschen ist Hartmut Traub. Zwei Jahre lang ist der Neffe des NS-Opfers Benjamin Traub auf Spurensuche gegangen, um dem Schicksal seines Familienmitglieds nachzuspüren. Nun berichtet Hartmut Traub darüber, wie der 1914 geborene Benjamin erst psychisch erkrankte und dann von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Benjamin sei ein guter Schüler gewesen, er habe Musiker werden wollen. Aber dann verletzte er sich schwer an der Hand, verzweifelte, unternahm Suizidversuche und landete in einer Anstalt. Oder, wie Hartmut Traub es nennt: „in einer Vorhölle“.

Benjamins Neffe kann nach seinen Recherchen beklemmend detailliert beschreiben, wie Benjamin schließlich mit 63 Anderen in eine Tötungsanstalt gebracht wurde. Wie sich alle entkleiden mussten. Wie sie darauf untersucht wurden, ob sie Goldzähne hatten, die es nach ihrem Tod herauszureißen galt. Oder darauf, ob man dem Leichnam später zu Forschungszwecken das Gehirn entnehmen wollte. Hartmut Traub beschreibt, wie Benjamin und die anderen – angeblich zum Duschen – in die drei mal fünf Meter große Vergasungskammer gepfercht wurden. „Was hören sie? Was riechen sie? Mit wem stehen sie dicht an dicht?“ fragt Traub.

Sigrid Falkenstein, Nichte der ebenfalls ermordeten Anna Lehnkering – damalige Diagnose: „angeborener Schwachsinn“ – spricht vor den Abgeordneten auch darüber, wie lange bei ihr zu Hause über diesen Teil der Familiengeschichte aus Angst und Scham nicht gesprochen wurde. Die Opfer seien im kollektiven Bewusstsein über viele Jahre weiter stigmatisiert worden, während die meisten Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden seien. „Schweigen macht krank“, sagt sie. „Es kann helfen, über das Erlebte zu sprechen.“

Wenn vor der Regierungsbank ein schwarzer Flügel aufgebaut ist, dann ist eine besondere Stunde im Bundestag. Zudem sitzt ein Hornist ohne Arme tief in seinem Stuhl und hält sein Instrument mit dem nackten Fuß. Die musikalischen Interpreten des Stückes „Todeserfahrung“ führen vor, wie bedrückend auch helle, hohe Töne sein können. Der Schauspieler Urbanski sitzt derweil in der letzten Reihe der Bundesratsbank und hat den Kopf tief gesenkt. Am Ende holt Bundestagspräsident Norbert Lammert unter großem Applaus noch mal alle Redner nach vorn. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schüttelt Hände. Bundespräsident Joachim Gauck legt seinen Arm um Urbanskis Schulter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion