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Manfred Speck hätte in seinem Bistro während der Krankschreibung keinen Kaffee ausschenken dürfen.

Beim Kaffeetrinken belauscht

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Versicherungsunternehmen setzen Privatdetektive auf ihre krankgeschriebenen Kunden an, um sie des Betrugs zu überführen. Die Schnüffler gehen dabei bis an die Grenzen des Legalen ? und manchmal darüber hinaus.

Manfred Speck, bodenständiger Mann mit hoher Stirn und starker Brille, steht ratlos vor seinem Automechaniker und sieht ihn mit großen Augen an. Der Mann hat gerade unter Specks aufgebocktes Auto gegriffen, das zur Routineinspektion in der Werkstatt ist, und mit beiden Händen einen massiven Kasten in der Größe einer Keksdose vom Unterboden genommen.

„Das ist’n GPS-Tracker“, sagt der Mechaniker, „ein Peilsender.“ Und als Specks Augen sich noch mehr weiten, fragt er: „Was machen Sie denn beruflich?“ Das war der Moment, in dem der Ärger losging, erinnert sich Speck heute, anderthalb Jahre später. Der Berliner, knapp über 60, betreibt zusammen mit seiner Frau ein kleines Bistro in einem Plattenbauviertel im Nordwesten der Hauptstadt. Der KfZ-Schlosser habe ihn damals, im Juli 2017, gefragt, ob er für einen Geheimdienst arbeite oder etwas mit Wirtschaftsspionage zu tun habe. Oder mit einer eifersüchtigen Ehefrau?

Speck konnte da noch nicht ahnen, dass es seine eigene Krankenversicherung war, die ihn beschatten ließ: zu Hause, beim Arzt, im Bistro. Damals hatte er noch nie etwas davon gehört, dass nicht nur Firmenchefs auf ein breites Angebot an Privatdetekteien zurückgreifen können. Auf Dienstleister, die im Internet und in Branchenbüchern damit werben, die neuesten „Tricks und Spielarten an der Betrugsfront“ zu kennen, um „Blaumacher auf frischer Tat ertappen“ zu können. Heute weiß er, dass auch große private Versicherungskonzerne seit Jahren heimlich darauf zurückgreifen.

Nicht selten gehen die Detektive dabei bis an die Grenze des Legalen, brechen Datenschutzregeln, dringen tief in die Privatsphäre der Versicherten ein. Wissen die Versicherungen das? Kalkulieren sie das rechtliche Risiko ein? Fakt ist, dass Specks Versicherung, die „Gothaer Krankenversicherung AG“ mit Sitz in Köln, eine Privatdetektei mit Specks Beschattung beauftragte und dass deren Angestellte mit sensiblen Daten wie Arztterminen arbeiteten. Die Gothaer erfuhr das zumindest im Nachhinein aus deren „Abschlussbericht“.

Das ergaben Recherchen des ZDF-Magazins „Frontal 21“, das dafür unter anderem die Prozessakten auswertete. Sie liegen auch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vor. Auch Speck kennt den Bericht der beauftragten Wirtschaftsdetektei: Die Gothaer hatte ihn vor Gericht als Beweis dafür vorgelegt, dass er trotz Krankmeldung gearbeitet habe.

Denn darum drehte sich das Verfahren vor dem Landgericht Berlin: Die Gothaer hatte Speck nach 25 Jahren, in denen er seine Beiträge korrekt einzahlte, die Krankenversicherung gekündigt. Er habe in seinem Bistro Kunden bedient, Tische abgewischt, Kaffee eingeschenkt. Dafür habe man Beweise. Dazu muss man wissen, dass das Leben von Speck schon einmal viel schlimmer aus der Bahn geworfen worden war: durch einen Schlaganfall im Jahr 2016. Nachdem er stabilisiert worden war, erzählt Speck, teilte man ihm mit, dass eine seiner Hirnschlagadern gefährlich verengt sei. „Ich könnte jederzeit umfallen, hieß es, und dann tot sein oder im Locked-in-Syndrom, also bei Bewusstsein, aber völlig bewegungsunfähig.“

Die Diagnose riss dem Mann den Boden unter den Füßen weg, er verlor jeden Lebensmut, bewegte sich nur noch in einem Dreieck aus seinem Hausarzt, den Spezialisten in seiner Tagesklinik und der Notaufnahme der Charité. Mehrere Ärzte diagnostizierten Depressionen, überwiesen ihn in die „Psychoklinik“, wie er sagt, und zur Kur. Beides habe enorm geholfen, Speck nickt respektvoll. Im Dezember 2016 traute er sich zu, langsam wieder mit der Arbeit anzufangen. Dazu hatte ihm eine Ärztin geraten, damit er unter Menschen komme, das helfe gegen die Depression. Auf Anraten dieser Ärztin ließ er sich allerdings in größeren Abständen hin und wieder für zwei Wochen krankschreiben, um sich nicht zu überfordern. Die Krankenkasse protestierte nicht dagegen.

Nur einmal, ein paar Wochen später, fragte im Bistro eine Angestellte der Gothaer nach ihm, er stutzte, vergaß den Vorfall aber wieder. Erst als die Gothaer zwei Wochen später seine Versicherung fristlos kündigte und von einer klaren Beweislage schrieb, fiel Speck diese Situation wieder ein. Dass er die Versicherung hintergangen habe, streitet er vehement ab. Und weil er als Selbstständiger auf den Lohnausgleich bei Krankheit angewiesen ist, zog er gegen die Kündigung vor Gericht.

Sein Anwalt brachte ihm dann den Hauptbeweis der Gothaer mit: Den ausführlichen Bericht einer Detektei, der ihn als Versicherungsbetrüger überführen sollte. In dem Bericht – 55 Seiten voller Überwachungsprotokolle, Bewegungsprofile, heimlicher Handyfotos, Bilder seiner Wohnung, seines Bistros und seiner Bekannten – fand Manfred Speck auch Nacherzählungen von Gesprächen am Kaffeetisch in seinem Geschäft.

Er stieß auf Fotos vom Termin beim Vertrauensarzt der Privatkasse, den nur er und die Gothaer kannte, und las, dass auch seine Frau observiert und sogar mit dem Auto verfolgt wurde. Vieles spricht dafür, dass die Detektive zu weit gegangen sind: Aufgrund von Specks Anzeige wegen des Peilsenders ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Berlin. Die Büroräume der beauftragten – und mittlerweile geschlossenen – Detektei wurden durchsucht.

Auch die Berliner Datenschutzbeauftragte hat Anzeige erstattet, Specks Geschichte wird anonymisiert im Jahresbericht angeprangert: Der Einsatz von „GPS-Technik, um unbefugt personenbezogene Daten zu erheben, ist grundsätzlich strafbar“.

Ein Ausrutscher war der Einsatz aber nicht. „Die Überwachung von Patienten nimmt immer mehr zu“, berichtet ein verdeckt arbeitender Privatdetektiv. Dass Detektive unsauber arbeiten, sei inzwischen die Regel, behauptet er. Weil er regelmäßig für Versicherungen im Einsatz ist und auch seine Methoden nicht immer legal sind, lässt er sich vom ZDF nur verdeckt filmen. „Das Problem ist, dass die Krankenversicherungen nicht nur bei ihren Patienten sparen wollen, sondern dass sie auch sehr schlechte Honorare zahlen für Detekteien, die sie beauftragen.“

Martin Reinboth ist Fachanwalt für Medizinrecht bei der Kölner Kanzlei Meinecke & Meinecke und vertritt zurzeit auch Hartmut Belzer, Konditormeister aus Brühl. Belzer hatte 35 Jahre lang zuverlässig mehr als 700 Euro Monatsbeitrag an seine private Versicherung gezahlt, als diese ihm fristlos kündigte. Er habe trotz Krankschreibung in der Backstube gearbeitet. Um das zu beweisen, ließ die Versicherung ihn überwachen. Wie genau, verrät sie bis heute nicht. Belzer streitet das ab, will gegen die Vertragskündigung klagen.

„Unsere Erfahrung ist, dass die Fälle leider immer mehr werden“, sagt sein Anwalt Reinboth, „und vor allen Dingen die Versicherungen und die eingeschalteten Detekteien in eklatanter Weise gegen das Persönlichkeitsrecht unserer Mandanten verstoßen. Da werden Filmaufnahmen angefertigt und Sender angebracht. Also das, was in dieser Form eigentlich gar nicht geht und was von Gerichten in dieser Form auch nicht akzeptiert wird.“

Tamer Bakiner von der Wirtschaftsdetektei Bakiner Consulting spricht offen darüber, dass immer mehr ungelernte Kräfte eingesetzt werden: „Im Einsatz sind oft Billig-Ermittler, die ihre juristischen Grenzen gar nicht kennen.“ Schon vor mehr als 15 Jahren berichtete der Bundesverband Deutscher Detektive von rasanten Zuwächsen bei Beschattungen von mutmaßlichen Simulanten, ein Viertel aller Aufträge drehte sich bereits darum. Schnell häuften sich die dubiosen Methoden, die Datenschutzbeauftragten der Länder mahnten immer wieder Verstöße gegen das Datenschutzgesetz an. 2009 landete schließlich ein Fall vor dem Bundesgerichtshof. Die Richter entschieden, dass Versicherungen im Einzelfall zwar Detektive einschalten dürfen – aber nur bei einem hinreichenden Anfangsverdacht und ohne Datenschutzverletzungen.

Darauf berief sich die Richterin am Berliner Landgericht in ihrem Urteil im Streit zwischen Speck und dem Versicherungskonzern Gothaer: Vor knapp einem Monat stimmte sie der Versicherung zwar darin zu, dass Manfred Speck kein Tagegeld zusteht, wenn er während seiner Krankschreibung im Bistro Kaffee einschenkt und Tische abwischt. Aber: Sie erklärte die Kündigung seiner Krankenversicherung für unwirksam – und rügte: „Ein solcher Einsatz von Detektiven, der veranlasst wird, ohne dass konkrete tatsächliche Anhaltspunkte für eine Berufsausübung des Versicherungsnehmers (während der Krankschreibung) vorliegen, stellt sich als unredliches Verhalten der Versicherung dar.“ Für die Richterin ist „die Beauftragung von Detektiven als auf die Verschaffung eines Kündigungsgrundes gerichtet und damit als unlauter anzusehen“.

Dass die Gothaer vor den Privatspionen eine Vertreterin zu einem unangemeldeten „Krankenbesuch“ ins Bistro geschickt habe, sei offenbar der Versuch gewesen, einen gerichtsfesten Anfangsverdacht selbst zu schaffen – und damit einen Vorwand, aus dem Vertrag auszusteigen.

Welche Konsequenzen die Versicherung aus dem Urteil fällt, ist unklar. Auf Anfrage von „Frontal 21“ teilt eine Sprecherin mit, man „prüfe den Sachverhalt derzeit intensiv, möchte dazu aber aktuell nicht Stellung nehmen“. Woher die Detektive private Daten wie Arzttermine von Speck kannten, mag sie ebenso wenig beantworten wie die Frage, wie oft man solche Berichte in Auftrag gebe.

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