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Beim Griff in den Schritt ist Schluss

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Körperscanner in Boston. Die Alternative dazu ist abschreckend.
Körperscanner in Boston. Die Alternative dazu ist abschreckend. © dpa

Ein Abtasten der Brüste, ein Griff in den Schritt: Auf US-Flughäfen muss sich so inspizieren lassen, wer nicht durch den Körperscanner gehen will. Jetzt regt sich Protest.

Von Dietmar Ostermann

Es ist ein erster kleiner Sieg für die Protestgemeinde. Sonntagfrüh hatte der Chef der US-Verkehrssicherheitsbehörde TSA noch jedes Einlenken ausgeschlossen. So unangenehm die im Oktober verschärften Kontrollen auf US-Flughäfen auch sein mögen, hatte John Pistole da trotz wachsender Empörung beharrt, die Sicherheitslage erfordere sie nun mal: „Wir werden das nicht ändern.“ Abends klang das dann schon anders. In einer gewundenen Erklärung kündigte der TSA-Chef an, seine Beamten würden die Privatsphäre der Flugreisenden künftig so wenig wie möglich beeinträchtigen. Und ja, man überprüfe die Sicherheitsmaßnahmen ständig und passe sie an.

In der Vergangenheit ging diese Anpassung stets nur in eine Richtung. Nach dem 11. September 2001, als mit Teppichmessern bewehrte Terrorkommandos vier Flugzeuge entführten und zu Massenvernichtungswaffen machten, wurden spitze Metallgegenstände an Bord verboten. Seit der Brite Richard Reid 2002 auf einem Flug in die USA eine Bombe in seinem Schuh versteckte, müssen Passagiere ihr Schuhwerk durchleuchten lassen. Später wurde die Mitnahme größerer Mengen an Flüssigkeiten untersagt. All das nahm man in den USA mit großer Gelassenheit hin. Auch als jetzt die ersten Körperscanner in den Terminals aufgestellt wurden, hatten laut einer CBS-Umfrage zunächst 81 Prozent nichts dagegen.

Stimmung kippt

Doch seit immer mehr verstörende Vorfälle bekannt werden, kippt die Stimmung. Dabei sind es nicht so sehr die bislang auf 60 Flughäfen installierten rund 300 Ganzkörperscanner selbst, die für Empörung sorgen. Umstritten ist vor allem die Vorschrift, Passagiere, die den Gang durch den Scanner verweigern, bei manuellen Kontrollen auch im Intimbereich abzutasten. TSA-Mitarbeiter umfahren mit ihrer Hand dabei etwa weibliche Brüste. Oder sie tasten Passagieren tief in den Schritt.

Dagegen hatte als einer der ersten öffentlich der kalifornische Programmierer John Tyner protestiert. Der 31-Jährige wurde zum Helden der Protestgemeinde, nachdem er den Mitschnitt einer Konfrontation mit TSA-Beamten ins Internet stellte. Tyner hatte sich auf dem Flughafen von San Diego dem behördlichen Griff ans Gemächt mit den Worten verweigert: „Wenn Sie meinen Krempel berühren, lasse ich sie verhaften.“ Wie Tyner halten viele US-Bürger die Intimkontrollen für sexuelle Nötigung. Auch in den Medien hagelt es Kritik. Mehrere Kongressabgeordnete appellierten an die TSA, die Praxis zumindest bei Kindern auszusetzen.

Aus Sicht der Befürworter würde das indes ein unverantwortliches Sicherheitsrisiko bedeuten. Die verschärften Kontrollen sind eine Folge des Attentatsversuchs von Weihnachten 2009: Damals hatte der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab in Amsterdam in seiner Unterhose eine Bombe an Bord geschmuggelt und versucht, sie beim Landeanflug auf Detroit zu zünden. Herkömmliche Kontrollen, argumentiert die Regierung, könnten derlei Anschläge nicht verhindern.

Zum ersten Mal zeichnet sich ab, dass vielen Amerikanern die immer schärferen Sicherheitsmaßnahmen im Flugverkehr zu aufdringlich werden. Kaum jemand versteht etwa, warum Flugbegleiterin Cathi Bossi auf dem Airport von Charlotte ihre Brustprothese herausnehmen soll. Oder warum die TSA in Orlando den Urinbeutel des Blasenkrebs-Patienten Thomas Sawyer derart intensiv inspiziert, dass die Dichtung platzt und der Inhalt über Sawyers Hemd und Bein tropft.

Hoffnung auf Lockerung

Zwar dürften im Internet kursierende Boykottaufrufe für das bevorstehende Thanksgiving-Familienfest – das größte Reisewochenende in den USA – kaum großen Zuspruch finden: Wer will sich schon selbst bestrafen und das Truthahnessen verpassen, indem er die Flugkontrollen lahm legt? Auch Körperscanner werden wohl nicht mehr von US-Airports verschwinden. Doch wenn selbst der bislang knallharte TSA-Chef Pistole Änderungen nicht mehr ausschließt, gibt es Hoffnung, dass der staatliche Zugriff auf Schenkel und Geschlechtsteile gelockert wird.

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