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Für viele Jugendliche eine Identifikationsfigur, für Rechte bis heute Feindbild: Anne Frank.

9. November

"Begriff Antisemitismus ist bei Jugendlichen nicht sehr bekannt"

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Meron Mendel von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank im Interview über zeitgemäße Konzepte gegen Antisemitismus unter Jugendlichen.

Herr Mendel, in Deutschland wird heute allerorten der Novemberpogrome gedacht. Erreicht man Jugendliche mit dieser Form der Erinnerung an historisches Unrecht?
Diese ritualisierte Form des Gedenkens hat sich zwar etabliert. Aber wir wissen aus der psychosozialen Forschung, dass Meinungen in der Regel weniger über eine ritualisierte Form des Gedenkens gebildet werden, als vielmehr durch die aktive Auseinandersetzung mit Themen. Ich will deshalb nicht dafür plädieren, Gedenkzeremonien abzuschaffen. Doch eine lebendige Auseinandersetzung mit der Geschichte finde ich wichtiger.

Wie kann das aussehen? Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die selbst vom Erlebten erzählen können, wird es bald nicht mehr geben.
Wir sind gerade in der letzten Phase der Entwicklung unseres neuen Lernlabors „Anne Frank, morgen mehr“, das am 12. Juni 2018 eröffnen wird. Darin gehen wir das Thema Erinnerungskultur mit Tools an, die Jugendliche in ihrem Alltag nutzen – neue Medien, Computerspiele –, und regen zur aktiven Auseinandersetzung mit Unrecht in unserer heutigen Welt an. Aus der Biografie und dem Tagebuch Anne Franks heraus, aber auch anhand zahlreicher anderer historischer und aktueller Beispiele werden Themen eruiert, die in ihrem Bezug zu unserer Gesellschaft heute relevant sind. Die Jugendlichen können sich selbstbestimmt mit diesen Themen auseinandersetzen, Entscheidungen treffen, sich eine Meinung bilden und äußern. Frei nach dem Motto „deine Meinung zählt, deine Meinung ist wichtig“. Denn Jugendliche haben über die Geschichte hinweg immer die Welt kommentiert und eine Position gegen Unrecht eingenommen.

Viele Jugendliche haben keine familiären Bezüge mehr zur Zeit des Nationalsozialismus, etwa weil ihre Eltern und Großeltern aus anderen Ländern eingewandert sind. Wie bringt man ihnen nahe, dass das, was damals geschehen ist, sie heute betrifft?
Auf der Schiene zu argumentieren, „weil eure Großeltern oder Urgroßeltern damals in Deutschland gelebt haben oder vielleicht sogar beteiligt waren, müsst ihr euch damit beschäftigen“, funktioniert ohnehin nicht. Und die Geschichte des Nationalsozialismus und der Schoah ist nicht nur eine deutsche Geschichte. Das Interesse für dieses Thema geht über nationale Grenzen hinaus. Zu denken, dass nur diejenigen, deren Großeltern in Deutschland gelebt haben, einen Bezug zum Thema hätten, dieser Gedanke ist nachweislich falsch. Deswegen versuchen wir, nicht zuschreibend und moralisierend zu arbeiten und an die angebliche Verantwortung der Jugendlichen zu appellieren, sondern das Thema auf Augenhöhe, aktuell und lebendig zu vermitteln. Wir arbeiten stark mit dem Peergroup-Ansatz – unsere Teamer sind 17 bis 22 Jahre alt und haben einen ganz anderen Zugang zu Schülerinnen und Schülern, als Lehrkräfte.

Auf Schulhöfen wird „Jude“ heute als Schimpfwort gerufen. Wie bewusst sind sich die Jugendlichen ihres eigenen Antisemitismus?
Der Begriff Antisemitismus ist bei Jugendlichen nicht sehr bekannt. Wenige können Antisemitismus kontextualisieren. Sie wissen aber sehr wohl, dass das Schimpfwort „Jude“ provoziert und nutzen es als gezielte Provokation gegenüber Lehrkräften. Öfter sind Pädagogen damit überfordert, darauf kompetent zu reagieren. Entweder ignorieren sie es einfach. Da kommt auch oft das Argument, „wir haben doch gar keine Juden bei uns in der Schule, also haben wir auch kein Problem mit Antisemitismus“. Prinzipiell gilt: Pädagogen dürfen diskriminierende Äußerungen nicht stehen lassen. Umgekehrt wird oft alarmistisch reagiert und ein großes Fass aufgemacht, was dann häufig gerade die Provokationsintention der Jugendlichen bedient. Wenn es wiederum Fälle antisemitischen Mobbings gibt, muss man auch sofort handeln und genau hinschauen, wer es betreibt und aus welchem ideologischen Hintergrund heraus, ob aus rechtsradikaler Überzeugung oder aus einer islamistischen oder anti-israelischen Haltung heraus.

Sind die Lehrkräfte also das Problem?
Ich will nicht pauschalisieren – viele Lehrkräfte agieren sehr kompetent und reflektiert. Doch zugleich bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden sie selbst unbewusst vermitteln. Das habe ich in unseren Workshops und in unserer Ausstellung immer wieder erlebt.

Können Sie ein Beispiel geben?
Wir hatten zum Beispiel eine Sonderausstellung zur Friedensarbeit in Israel zwischen Palästinensern und jüdischen Israelis. Da kam eine Religionslehrerin mit ihrem Kurs, und das Gespräch begann sie mit der These, dass Netanjahu einen Vernichtungskrieg gegenüber den Palästinensern führt. Da musste ich sie vor ihren eigenen Schülerinnen und Schülern darauf hinweisen, in welchem historischen Kontext das Wort Vernichtungskrieg steht. Das ist ein Beispiel dafür, wie unreflektiert belastete Begriffe genutzt werden. Lehrerinnen und Lehrer leben ja auch nicht außerhalb unserer Gesellschaft. Und in unserer Gesellschaft kursieren eben antisemitische Vorurteile, Meinungen, Bilder. Die Lehrkräfte bedienen sich aus diesen Diskursen genauso, wie ihre Schülerinnen und Schüler.

Gerade Jugendliche haben oft ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Warum halten sich antisemitische Ressentiments dennoch so hartnäckig?
Ich will noch mal betonen, dass mir nicht bekannt ist, dass Antisemitismus unter Jugendlichen verbreiteter ist als in der Gesamtgesellschaft. Sowohl Antisemitismus, als auch Rassismus, sind gesamtgesellschaftliche Phänomene. Aber ich teile die Einschätzung, dass Jugendliche viel Gespür für Ungerechtigkeit haben – daran kann man ansetzen. Wir fangen deshalb oft in den Schulen mit dem Thema Diskriminierung an, denn viele Jugendliche sind bestimmten Vorurteilen ausgesetzt. Darauf aufbauend entwickeln wir mit ihnen ein Gesellschaftsbild: Wie wollen wir zusammenleben? Unter dieser Prämisse können wir auch Judenhass oder Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden thematisieren. Viele nehmen Antisemitismus gar nicht als Form der Diskriminierung wahr, weil er im Unterschied zu Rassismus das Versprechen in sich birgt, komplexe Situationen auf der Welt zu erklären. Da gibt es dieses vermeintliche Weltjudentum, das angeblich die Welt hinter den Kulissen regiert. Diesem perfiden Weltbild und den damit einhergehenden Verschwörungstheorien entgegenzuwirken ist eine große Herausforderung für die Pädagogik.

Müsste man da nicht auch die Familien mit ins Boot holen, die das Weltbild möglicherweise vermittelt haben?
Der erste Player auf diesem Feld sind in meinen Augen die Lehrkräfte, weil sie mit staatlichem Auftrag agieren. Es ist unsere Pflicht in einer Demokratie zu garantieren, dass die Lehrkräfte zu dem Thema kompetent handeln können. Aber natürlich ist auch Elternarbeit ein ganz wichtiger Aspekt. Nur haben wir denen gegenüber natürlich keinen Erziehungsauftrag. Das ist ein grundsätzliches Problem, inwiefern wir auf Meinungen von Eltern, die wir problematisch finden, einwirken können. Das betrifft nicht nur Antisemitismus. Es gibt auch Eltern mit salafistischen Tendenzen oder Rechtsradikale. In unserer Beratungsarbeit und in Stadtteilprojekten außerhalb unseres pädagogischen Settings versuchen wir, da eine Veränderung zu bewirken

Mit der Bildungsstätte haben Sie gerade einen Sammelband zu antisemitismuskritischer Bildung in der Migrationsgesellschaft herausgebracht. Hat Migration Antisemitismus und die Arbeit dagegen verändert?
Mit der Migrationsgesellschaft meinen wir nicht nur die Migranten. Es geht uns darum, zu konstatieren, dass wir in einer Gesellschaft leben, die durch unterschiedliche nationale, religiöse und kulturelle Zugehörigkeiten geprägt wird. Aber natürlich ist auch die jüngste Migrationswelle sicherlich in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für die Gesellschaft, auch was den Umgang mit Antisemitismus angeht. Viele Geflüchtete kommen aus Gesellschaften, wo Antisemitismus eine Staatsideologie war und ist. Menschen aus Syrien oder dem Irak etwa müssen oft überhaupt erstmal verstehen, warum Dinge, die ihnen vom Kindergarten an über Juden vermittelt wurden, nicht unbedenklich sind. In unseren Begegnungen mit Geflüchteten stoßen wir aber auch auf eine unglaubliche Offenheit und Bereitschaft, die Perspektive der hiesigen Gesellschaft einzunehmen. Der biografische Bruch der Menschen durch die Migration ist oft auch ein Bruch mit den Ideologien, mit denen sie aufgewachsen sind. Das kann man als Chance nutzen, neue Perspektiven und Einsichten zu vermitteln. Und das tun wir gerade.

Das Interview führte Marie-Sophie Adeoso.

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