Sigmar Gabriel (r.), damals Wirtschaftsminister,  zu Besuch bei Clemens Tönnies im Jahr 2015.
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Sigmar Gabriel (r.), damals Wirtschaftsminister,  zu Besuch bei Clemens Tönnies im Jahr 2015.

Berater-Job

„Befremdlich und peinlich“

  • vonMatthias Koch
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  • Andreas Niesmann
    Andreas Niesmann
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Sigmar Gabriel wird wegen seines Berater-Jobs bei Tönnies in der SPD zum Buhmann – eine Analyse.

Schweinsfüße mag nicht jeder. Sie enthalten kaum Muskeln, dafür viel schwabbeliges Zeug. Zudem sehen sie unschön aus, mit ihren Klauen. In Europa gibt es für Schweinsfüße kaum einen Markt. In China indessen ist der Schweinsfuß allgemein beliebt, er gilt sogar als Delikatesse. Man fügt am Ende scharfe Gewürze hinzu.

Um diesen hierzulande so unbeliebten Teil eines Schweins ging es, als der Fleischfabrikant Clemens Tönnies sich Anfang des Jahres telefonisch bei Sigmar Gabriel meldete. Ob der frühere Außenminister ihm vielleicht behilflich sein könne bei der Lösung eines Problems? Zwischen den Behörden in China und Deutschland schaukelte sich damals gerade ein Streit hoch. Hintergrund war die wachsende Sorge vor einer Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest.

Als früherer Bundesminister kennt man solche Konstellationen – und hat keine Angst vor ihnen. Da Gabriel auch schon zwei Jahre kein Regierungsamt mehr hatte, inzwischen nicht mal mehr Abgeordneter war, sah er auch keine rechtlichen Probleme. Gabriel sagte Tönnies, er werde sich kümmern – und machte in diesem Moment politisch einen der wohl größten Fehler seines Lebens.

Allen Ernstes erklärte sich nun der langjährige Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bereit, für einen Mann zu arbeiten, der schon damals wegen ausbeuterischer Methoden und rassistisch anmutender Sprüche auf viele Bundesbürger wirkte wie der Fürst der Finsternis. Laut ARD-Magazin „Panorama“ wurden als Vergütung 10 000 Euro pro Monat vereinbart, plus vierstelliges Zusatzhonorar für jeden Reisetag – die Summen werden von beiden Seiten weder bestätigt noch dementiert. Damals ahnte Gabriel nicht, dass alles sogar noch schlimmer kommen würde mit Tönnies. Im Juni machte der Corona-Ausbruch in Schlachthof von Rheda-Wiedenbrück den Unternehmer endgültig zum „Buhmann der Nation“, wie Gabriel selbst analysiert: „An ihm macht sich alles fest.“

Allerdings wird jetzt auch Gabriel selbst zum Buhmann – vor allem in seiner eigenen Partei. „Für jeden aufrechten Sozialdemokraten ergibt sich aus unseren Grundwerten, an wessen Seite man sich begibt und wo man besser Abstand hält“, erklärten die neuen SPD-Bundesvorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans am Donnerstag in einem gemeinsamen Statement für das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

„Der Vorgang ist befremdlich und peinlich“, schimpfte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, ein Parteifreund und Landsmann Gabriels. Von manch einem Parteimitglied fallen Begriffe, die man nicht aufschreiben darf, weil sie den Straftatbestand der Beleidigung erfüllen. „Gabriel selbst“, knurrt ein Genosse, „wäre in einer solchen Situation ausgerastet.“ Was hat den Mann aus Goslar dazu gebracht, sich als Sozialdemokrat so sehr zu versteigen? Schon seine Berufung in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank hatte vielerorts Kopfschütteln ausgelöst. Aber Tönnies? Und dessen Export von Schweinsfüßen? Geht es eigentlich noch unansehnlicher?

2015, damals als Bundeswirtschaftsminister, geriet Gabriel mit Tönnies heftig aneinander. Es ging um die Bezahlung der Mitarbeiter, auch um den hohen Anteil der Werkverträge und auch um die Unterkünfte. „Eine Schande für Deutschland“ seien die Zustände in der Fleischbranche, donnerte Gabriel damals. Jedoch habe er es immer für falsch gehalten, mit Tönnies nicht zu reden, sagt er heute. Ein doppeltes Spiel? Gabriel hatte schon die Hörner gesenkt zu seinem ganz eigenen Kampf. Er wollte vorführen, was alles geht, wenn Kerle wie er und Tönnies mal hinter verschlossener Tür die Ärmel hochkrempeln. Die Branche sagte damals auch einen freiwilligen Abbau der Werkverträge zu. Doch im Laufe der Jahre tat sich wenig. Was blieb, war eine neue Nähe zwischen Tönnies und Gabriel.

Der SPD-Mann kam dem Fleischhändler überraschend sogar zu Hilfe, als der unter Rassismusverdacht geriet. Tönnies hatte im Jahr 2019 in einer öffentlichen Rede dazu geraten, 20 neue Kraftwerke in Afrika zu finanzieren – „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

Wohin das diskrete Miteinander der beiden Buhmännern noch hätte führen können, weiß niemand. Im März hatte Gabriels Engagement für Tönnies begonnen, drei Monate später musste er es beenden, aus privaten Gründen: wegen einer schweren Operation, der er sich in der Berliner Charité unterzog. „Die letzte Rechnung an Tönnies jedenfalls war vom Mai“, betont Gabriel. Weitere wird er wohl nicht mehr schreiben. Schon oft hat er seine Partei gequält, seit die ihn entmachtet hat. Diesmal aber könnte eine Grenze überschritten sein. Gabriel steht nun da wie einer, der keine Prinzipien hat. Der gegen ein entsprechendes Honorar jederzeit bereit ist, politische Werte über Bord zu werfen. Dem es am Ende nur um sich selbst geht.

Nach der Kritik fragen sich viele: Wo ist Fleisch von Tönnies drin. Wir haben eine Übersicht zusammengestellt.

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