Tschadsee

Bedroht durch Dürre und Extremisten

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Die Not der Menschen am Tschadsee steht im Westen selten im Blickpunkt, doch die Lage ist bedenklich. Nun will die internationale Gemeinschaft helfen.

Der deutsche Außenminister bemühte am Ende der Tschadsee-Konferenz einen Superlativ. Die aktuelle Situation in der Region am unteren Rand der Sahara nannte Heiko Maas (SPD) „eines der größten humanitären Dramen unserer Zeit“. Das Gebertreffen in Berlin habe jedoch gezeigt, „was möglich ist, wenn wir zusammenarbeiten“.

Das Ergebnis der am Dienstag beendeten Konferenz ist tatsächlich bemerkenswert: 2,17 Milliarden Dollar (rund 1,87 Milliarden Euro) zusätzliche Hilfen haben die Organisatoren Deutschland, Norwegen, Nigeria sowie die Vereinten Nationen der krisengeschüttelten Region zugesagt. Das ist dreimal so viel wie bei einer ähnlichen Konferenz im vergangenen Jahr in Oslo. Deutschland allein will bis 2020 zusätzliche 100 Millionen Euro für die Tschadsee-Länder zur Verfügung stellen.

Die Not der Menschen am Tschadsee steht im Westen selten im Blickpunkt, doch die Lage ist bedenklich. Einschätzungen der UN zufolge sind in der Region derzeit etwa 2,4 Millionen Menschen auf der Flucht vor der Gewalt der Terrorgruppe Boko Haram. Auch Armut, Dürre und Hunger als Folge des Klimawandels plagen die Zone um den Tschadsee, der aufgeteilt ist zwischen den Ländern Kamerun, Nigeria, Niger und Tschad. Der Wasserspiegel ist der „New York Times“ zufolge seit 1963 um 90 Prozent gesunken. Nur Teile des Sees, die zum Tschad und Kamerun gehören, sind überhaupt noch von Wasser bedeckt.

Nach Einschätzungen der UN ist nach zweijähriger Dürre derzeit die Ernährungslage von rund 4,5 Millionen Menschen unsicher. 500 000 Kinder leiden an schwerer Unterernährung. Hilfe ist wegen der Sicherheitslage indes schwer zu organisieren und kostspielig. Die UN schätzen den finanziellen Bedarf aktuell auf 1,6 Milliarden Dollar.

Maas betonte neben dem humanitären Aspekt, dass die Hilfen auch im europäischen Sicherheitsinteresse seien: „Wir stehen zusammen, damit die Tschadsee-Region nicht zum Drehkreuz für Terrorismus, Kriminalität und Menschenschmuggel wird.“

Insgesamt elf Millionen Menschen in der Region sind nach Angaben von Hilfsorganisationen auf humanitäre Hilfe angewiesen, nicht zuletzt, weil die Bevölkerung seit acht Jahren von den Islamisten von Boko Haram mit Entführungen, sexualisierter Gewalt, Plünderungen und Selbstmordanschlägen terrorisiert wird. Die Zahl der Todesopfer wird auf 30 000 geschätzt; weltweites Aufsehen erregte 2014 die Entführung von 276 nigerianischen Schulmädchen.

Noch immer verbreitet Boko Haram Schrecken in der Region, auch wenn es den vier Tschadsee-Anrainern gelungen ist, sie militärisch und polizeilich zurückzudrängen. Maas lobte die Entscheidung zu einer gemeinsamen Eingreiftruppe gegen die Extremisten.

Amnesty International zufolge begehen allerdings „insbesondere die kamerunischen und nigerianischen Sicherheitskräfte in ihrem Kampf gegen Boko Haram selbst gravierende Menschenrechtsverletzungen gegen mutmaßliche Boko Haram-Kämpfer und die Zivilbevölkerung“. Die Rede ist von Folter, außergerichtliche Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Zwangsprostitution. Amnesty appelliert deshalb an die Bundesregierung, bei den Tschadsee-Ländern den Schutz der Menschenrechte einzufordern. Auch andere Hilfsorganisationen pochen auf einen verstärkten Schutz für die Zivilbevölkerung.

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