1. Startseite
  2. Politik

Ukraine-Krieg: Das Ende des Pazifismus?

Erstellt:

Kommentare

„Das Gebot der Feindesliebe stellt uns zwischen die Fronten“: Orthodoxe Christinnen und Christen beten in der Kirche St. Petrus und Garrison im ukrainischen Lwiw.
„Das Gebot der Feindesliebe stellt uns zwischen die Fronten“: Orthodoxe Christinnen und Christen beten in der Kirche St. Petrus und Garrison im ukrainischen Lwiw. © dpa

Die Menschheit ist um ihres Überlebens willen darauf angewiesen, die Kriegslogik durch eine konsequente Friedenslogik zu ersetzen.

Frankfurt am Main – Frieden ist nicht auf dem Weg des Krieges, nicht mit Panzer- und Waffenlieferungen und auch nicht mit der wechselseitigen Verteufelung der Kriegsparteien zu erringen. Diese Kriegslogik ist von gestern und aus der Zeit gefallen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, und wir werden bei Strafe des Untergangs lernen müssen, in einer Welt von Konflikten zu leben, ohne die Möglichkeit zu haben, sie mit Gewalt zu bereinigen.

Die Menschheit ist um ihres Überlebens willen darauf angewiesen, die Kriegslogik durch eine konsequente Friedenslogik zu ersetzen. „Wenn ihr aufhören könnt, zu siegen, wird diese eure Welt bestehen“, so lässt Christa Wolf die Seherin Kassandra vor Troja orakeln.

Der Ukraine-Krieg bedeutet nicht das Ende des Pazifismus

Deswegen bedeutet der Ukraine-Krieg nicht das Ende des Pazifismus, auch nicht das Ende des Pazifismus in der Kirche. Vor 50 Jahren nannte der ökumenische Theologe Ernst Lange den Frieden das „Menschheitsprojekt“. Durch das Defizit an Frieden stünden „Überleben und Humanisierung der Art auf dem Spiel“. Diese Überlegung gilt heute – angesichts des Klimanotstandes – mehr denn je.

Christinnen und Christen und die weltweite ökumenische Gemeinschaft der Kirchen sind herausgefordert, nach 1700 Jahren eines konstantinischen Kartells zwischen Christentum und Staat, endlich wieder die gesamtbiblische Botschaft des Schalom für alle Menschen und das Leben auf dieser Erde um der Welt willen mit allen Kräften zu bezeugen, denn Gott – so das Bekenntnis christlichen Glaubens – hat die Welt geschaffen und nicht die Religion.

Das Gebot der Feindesliebe „entteufelt die Erde“

Ich will dazu auf zwei zentrale biblische Stichworte eingehen: Schalom, das hebräische Konzept für einen Frieden im Wohlergehen, und Feindesliebe.

Der Schalom, den die hebräische Bibel und die Traditionen des Glaubens bezeugen, ist derselbe Frieden, den die Menschen meinen: ein Leben in Freiheit und ohne Angst und Gewalt; ein Leben, das nicht mehr bedroht ist von Selbst- oder Weltzerstörung; eine Lebenspraxis, in der jeder und jede jeder anderen und jedem anderen Raum zum Leben lassen, und schließlich eine Rechtsordnung, in der das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ die erste Regel des Zusammenlebens der Menschen und Völker geworden ist: „Ich lebe und du sollst auch leben“ (Erich Fried).

Das Gebot der Feindesliebe „entteufelt die Erde“. Es ist Aufgabe der Christinnen und Christen, gegen die „Verteufelung“ und „Dämonisierung“ von Menschen zu streiten. Das Christentum ist weithin groß geworden durch Identifizierung mit dem Staat, den Mächtigen, dem Abendland. Es wird Zeit, uns zu distanzieren: Das Gebot der Feindesliebe stellt uns zwischen die Fronten, macht uns zu Zwischenträgern und wechselseitigen Übersetzern von Friedensangeboten.

Das Feindesliebegebot lädt ein, festzuhalten an der Liebe zum Nächsten und zum Feind, weil beide – konkret: Präsident Selenskyj und Präsident Putin – Gottes Kinder sind. So dient es dem kommenden Frieden – und setzt auf Friedensverhandlungen jetzt.

Einmal mehr haben sich unsere Kirchen identifiziert mit einer, der ukrainischen Seite des Konfliktes, indem sie die Waffenlieferungen befürwortet haben. Doch wer A sagt muss nicht B sagen, er kann seine Positionierungen ändern, weitere Waffenlieferungen, die den Krieg immer weiter anheizen, mindestens in Frage stellen und den Fokus auf eine kluge, alle Ebenen und Kanäle einbeziehende Krisendiplomatie richten, die den Parteien einen gesichtswahrenden Ausstieg aus dem Krieg ermöglicht.

Der Autor

Gottfried Orth ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik. Er gehört zum Team des ORCA-Instituts für Konfliktmanagement und Training sowie des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie.

Vorschläge dazu liegen von unterschiedlichen Seiten auf dem Tisch. Vielleicht würden dann auch die Stimmen von Frauen aus der Ukraine, den besetzten Gebieten und Russlands gehört werden: „Hört bitte endlich auf, Waffen zu liefern“.

Eine „Zeitenwende“, die diesen Namen verdient, steht noch aus. Es ist die Aufgabe der Pazi-fist:innen innerhalb und außerhalb der Kirchen, die Kirchen zu unterstützen, „auf den Weg des Friedens“ (Lukas 1, 79) zu finden und „Sicherheit neu zu denken“, weg von der „Sicherheit gegen“ hin zu „gemeinsamer Sicherheit“ (Olof Palme) in Europa und weltweit.

Reinhard Höppner hat seinem Büchlein über den Weg zur deutschen Einheit den Titel gegeben „Wunder muss man ausprobieren“. Es ist an den Kirchen und ihren synodalen Wegen, das Wunder des Friedens und der Gewaltfreiheit auszuprobieren, damit wir lernen, mit dem Siegen aufzuhören. (Gottfried Orth)

Auch interessant

Kommentare