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Kinderbilder bedecken die Wand der Pariser Shoah-Gedenkstätte. Beate Klarsfeld und ihr Mann haben diese Fotos zur Erinnerungen an die Ermordeten gesucht und gesammelt.

Bundespräsidentenwahl

Beate Klarsfeld: Die Unbeirrbare

Beate Klarsfeld kann nicht damit rechnen, Bundespräsidentin zu werden. Aber sie nimmt die Kandidatur als Anerkennung ihrer Arbeit. In anderen Ländern ist ihr die längst zuteil geworden.

Von Kerstin Krupp

Schon vor der Tür ist das Bellen zu hören. Kaum öffnet sich die Wohnungstür, springt ein hellbrauner Mischling knurrend hervor. „Rick, ist ja gut“, sagt Beate Klarsfeld zu dem kleinen Hund, der den Weg nur widerwillig freigibt. Sie bittet den Besuch durch den schmalen Flur ins Wohnzimmer. Vom schmalen Balkon aus fällt der Blick auf die Porte de St. Cloud, einen lärmenden Kreisverkehr nahe des Bois de Boulogne.

Es ist das Reich von Beate Klarsfeld und ihrem Mann Serge Klarsfeld. Seit nahezu 40 Jahren leben sie hier im dritten Stock eines in die Jahre gekommenen Hochhauses. „Wenn man von unserer Wohnung ein Loch bohren würde, käme man an den Ort unseres ersten Treffens“, erzählt Beate Klarsfeld: die Metrostation Porte de St. Cloud. Dort auf dem Bahnsteig sprach der Pariser Geschichtsstudent Serge Klarsfeld das Berliner Au-pair-Mädchen Beate Künzel an. Der Beginn der Klarsfeld-Story.

Die schmale Frau in dem roten Kostüm ist ständig in Bewegung. Auf dem Esstisch im Wohnzimmer stehen bald Wasser, Wein, französische Salami, Brot und Gürkchen neben den prallen Aktenhüllen aus bunter Pappe. „Kiesinger“ oder „Präsidentschaftswahl“ steht dort zu lesen.

Beate Klarsfeld sagt von sich, sie sei „Hausfrau und Aktivistin“. Außerdem ist sie Kandidatin für das Amt des deutschen Bundespräsidenten. Am 18. März wird sie gegen Joachim Gauck antreten. Chancen hat sie keine. Klarsfeld ist die Kandidatin der Linkspartei. Gauck tritt als gemeinsamer Kandidat der übrigen vier Parteien an.

Beate Klarsfeld ficht das nicht an. „Hauptsache, ich erhalte auch noch die eine oder andere Stimme aus CDU und SPD“, sagt sie und lacht. Dabei ist es ihr ernst. Sie wünscht sich Anerkennung aus ihrer Heimat. Die deutsche Gesellschaft soll würdigen, dass sie den Großteil ihres Lebens einer Aufgabe untergeordnet hat: den Aufstieg einstiger NS-Größen in offizielle Ämter der Bundesrepublik zu verhindern.

Gegen das Schweigen

In vielen Ländern ist ihr diese Anerkennung längst zuteil geworden. Das israelische Parlament, die Knesset, hat Beate Klarsfeld neben zahlreichen Auszeichnungen bereits zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. In Frankreich gelten Beate und Serge Klarsfeld, ein in seiner Heimat bekannter Historiker und Anwalt, als „des intouchables“, Unberührbare. So nennen die Franzosen herausragende Persönlichkeiten, deren Worte Gewicht haben und deren Verdienste niemand mehr in Frage stellt. Beide sind Mitglied der Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung, die Frankreich zu vergeben hat.

Die Präsidentschaftskandidatin und der prominente Intellektuelle – das muss man sich in der Wohnung an der Porte de St. Cloud in Erinnerung rufen, so unprätentiös und offen tritt das Paar auf. So schlicht ist die Einrichtung des Apartments, in dem die Kinder Arno und Lida aufwuchsen und das das Paar heute mit zwei Katzen und zwei Hunden teilt. Niemand kümmert sich um die Spuren, die diese Zeit an Wänden, Teppichen oder Polstern unübersehbar hinterlassen hat. Es gab und gibt stets Wichtigeres zu tun. Für die Familie, für die Arbeit.

Die Deutschen tun sich schwer mit dieser Mahnerin. Sie wurde zweimal für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, zweimal wurde der Antrag abgewiesen. Beate Klarsfeld hielt der im Wegsehen und Stillschweigen geübten Wirtschaftswundergesellschaft immer wieder den Spiegel vor. Sie ließ dem Land keine Ruhe, in dem NS-Verbrecher wie der einstige Chef der Gestapo in Paris, Kurt Lischka, der für die Deportation von 76000 französischen Juden verantwortlich war, nichts zu fürchten hatten. Sie fand ihn im Telefonbuch, Lischka lebte unbehelligt in Köln. Die Klarsfelds brachten ihn vor Gericht.

Beate Klarsfeld räumt den Tisch ab für den nächsten Gang, es gibt Steaks mit grünen Bohnen. An diesem Sonntagmittag sitzt ein Mitarbeiter der Fraktion Die Linke mit am Esstisch. Der Mann verkörpert sozusagen das Vorzimmer der Kandidatin. Wer mit Beate Klarsfeld sprechen will, muss das mit ihm klären. Bis zur Wahl bleibt die Kandidatin in ständiger Begleitung. An die Leine legen lässt sie sich dadurch nicht. Die 73-Jährige, die nie Mitglied einer Partei war, lässt sich nichts vorschreiben. Das musste Gregor Gysi bei der Vorstellung der Kandidatin in Berlin bereits feststellen. Auf die Frage, wen Klarsfeld in der französischen Präsidentschaftswahl unterstützen wird, sagte sie frei heraus: „Wir unterstützen Sarkozy, natürlich.“ Den zur Wiederwahl stehenden konservativen Präsidenten. Wir, das ist nicht die Linke. Wir, das sind die Klarsfelds. Was Gysi zu dem Kommentar veranlasste: „In diesem Punkt sind wir nun nicht auf einer Linie.“

Die Unterhaltung am Mittagstisch wechselt zwischen Französisch und Deutsch. Serge Klarsfeld versteht die Muttersprache seiner Frau ein wenig, spricht sie aber nicht. Hinter ihm an der Wand hängt ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto eines etwa 30-jährigen Mannes, der mit Sonnenbrille und Anzug am Strand steht. „Das ist mein Vater Arno in Nizza“, sagt Serge Klarsfeld. Arno Klarsfeld floh mit Frau und den beiden Kindern Serge und Tania nach dem deutschen Einmarsch in Paris 1940 in den Süden Frankreichs. Sie sind Juden. Drei Jahre später wurde der Vater bei einer nächtlichen Razzia in der Wohnung in Nizza verhaftet. Serge, damals acht Jahre alt, seine Schwester und seine Mutter mussten mit anhören, wie die Gestapo den Vater mitnahm. Arno Klarsfeld hatte seine Familie hinter der doppelten Wand eines Schranks versteckt und sich selbst zu ihrem Schutz ausgeliefert. Er starb zehn Monate später in Auschwitz.

Diese Geschichte prägt den Sohn und später seine Frau. Sie ist der Ursprung des gemeinsamen Engagements. Die Beliebigkeit des Mordens, vor allem der vielen Kindern, berührt sie noch immer. „Serge hat mir die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 erst beigebracht“, sagt Beate Klarsfeld. An deutschen Schulen kamen nach Kriegsende Massenmord und Konzentrationslager nicht vor. In den Familien war das Thema tabu.

Beate Klarsfeld redet schnell, verschluckt manchmal Worte, wissend, dass die Zeit nie für die ganze Geschichte reicht. Zu viel haben die Tochter eines Wehrmachtssoldaten und der Sohn eines von den Nationalsozialisten ermordeten Juden gemeinsam erlebt und erreicht.

Die Eltern von Beate Klarsfeld waren wenig angetan von der Verbindung. Sie waren einfache Leute. Helene Künzel, die Mutter, arbeitete in Berlin als Putzfrau, Vater Kurt, war ein kleiner Justizangestellter. Der Hochzeit ihrer einzigen Tochter im Jahr 1963 blieben sie fern und erschienen auch zwei Jahre später nicht zur Geburt ihres Enkels Arno. Vielleicht auch, weil sie sich nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen wollten. „Als ich meinen Eltern die damals übliche Frage gestellt habe: ‚Was habt ihr dagegen gemacht?‘ so haben sie, wie damals üblich, geantwortet: ‚Was hätten wir schon tun können?‘“ Sie selbst, sagt Beate Klarsfeld, wollte ihren Kinder einmal anders antworten können. „Ich wollte ja schon, dass sie stolz auf ihre deutsche Mutter sind und darauf, dass sie selbst halbe Deutsche sind.“

Die Ohrfeige vertiefte den Graben in der Familie Künzel. Sie ist auch das Symbol, mit dem die meisten Deutschen Beate Klarsfeld in Verbindung bringen – sollten sie überhaupt von ihr gehört haben. Sie ist die Frau, die am 7. November 1968 – an ihrem fünften Hochzeitstag – in der West-Berliner Kongresshalle die Hand gegen den damaligen Kanzler Kurt Kiesinger erhob und dabei schrie: „Nazi, Nazi, Nazi!“ Nichts war mehr wie zuvor.

„Bis 1966 führten wir ein normales Leben“, sagt Beate Klarsfeld. Sie arbeitete als Sekretärin im Deutsch-Französischen Jugendwerk, ihr Mann für eine Radiostation. Dann wurde Kurt Georg Kiesinger zum Entsetzen des Paares Bundeskanzler. Dass ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde die Geschicke der jungen BRD bestimmen sollte, das wollten sie nicht hinnehmen. Beate Klarsfeld veröffentlichte einen Artikel in der französischen Zeitung Combat, in der sie die Vergangenheit des Juristen zur Sprache brachte, der nach einer steilen Karriere in Ribbentrops Außenministerium für die Auslandspropaganda zuständig war.

Bonn reagierte umgehend. Der jungen Mutter in Paris wurde fristlos gekündigt. „Wie einer Diebin“, beschreibt Klarsfeld ihre damaligen Gefühle. Das war der Wendepunkt. Die Klarsfelds nahmen den Kampf auf. Sie trugen Dokumente aus Archiven zusammen, die Kiesingers Tätigkeiten belegten, druckten Broschüren, sandten sie an Bundestagsabgeordnete und an die Presse. Die Reaktionen waren gering.

„Sie ist keine Heldin, sie ist nur ein sehr schlechtes Mädchen.“

So entstand die Idee für die Ohrfeige. Die Bilder aus West-Berlin gingen um die Welt. Beate Klarsfeld wurde in einem Schnellgericht am selben Tag zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Im Berufungsverfahren wurde die Strafe auf vier Monate auf Bewährung reduziert. Auch heute noch hält sie die Wahl des Protests für angemessen. „Kiesinger hat niemals ein Bedauern über seine Nazi-Vergangenheit geäußert“, sagt sie ohne Zögern.

Ihre Mutter, der Vater war inzwischen gestorben, wurde von einem Fotografen einmal auf ihre mutige Tochter angesprochen. Helene Künzel antwortete nur: „Sie ist keine Heldin, sie ist nur ein sehr schlechtes Mädchen.“ Erst Jahre nähern sich Mutter und Tochter wieder an.

Eine Heldin lässt man Beate Klarsfeld in Deutschland immer noch nicht sein. Jetzt heißt es, sie solle der Stasi nahe gestanden haben und für die Ohrfeige 2000 Westmark aus Ost-Berlin kassiert haben. „Ich habe nie im Auftrag der DDR oder von sonst jemandem gearbeitet, sondern stets in meinem eigenen Auftrag “, sagt Beate Klarsfeld. Und greift sich ein Buch aus dem Stapel, der sich auf einem Stuhl neben dem Tisch türmt. Dass sie mit der DDR-Regierung in Kontakt stand, um an Akten ehemaliger Kriegsverbrecher zu kommen, steht so nämlich schon in ihrer Biografie von 1972. „Partout où ils seront“ („Wo immer sie sind“) heißt sie, es gibt sie auf Französisch, Englisch und Hebräisch, aber nicht auf Deutsch. Erst jetzt, seit der Kandidatur, bemüht sich ein deutscher Verlag um die Rechte.

„Viele Regierungen haben uns in unserer Arbeit geholfen, nur nie die der Bundesrepublik“, sagt Klarsfeld. Die Empörung über die Anwürfe kann die sonst so souverän und humorvoll erzählende Frau nur schwer verbergen.

Die Kaffeetassen sind abgeräumt, jetzt wollen die Klarsfelds ins Büro. Wie jeden Tag. Ihre Arbeit endet nie, auch nicht am Sonntag. Serge Klarsfeld steuert seinen 30 Jahre alten, hellblauen Mercedes in Richtung Zentrum. Beate Klarsfeld teilt sich den Beifahrersitz mit Mischling Rick und Pudel Mona.

In der Rue la Boétie, unweit der Champs Élysées, befindet sich das Büro. Es ist eine dieser vornehmen Pariser Altbauwohnungen mit Stuck, Parkett und blumig verzierten Bleiglasfenstern, die man eher als Wohnsitz der Klarsfeld vermutet hätte als den schlichten Nachkriegsbau. Doch hier, auf mehr als 200 Quadratmetern, stapeln sich nur Akten, Bände mit Zeitungsausschnitten, Bilder oder Plakate, die sich in 50 Jahren angesammelt haben.

Ein Fahrrad lehnt am Kamin. Es gehört Sohn Arno, der zwei der vielen Zimmer bewohnt. Der 46-Jährige trägt Jeans und Pullover, unter dem das Hemd herausschaut. Der Jurist, der die Eltern in mehreren Kriegsverbrecherprozessen unterstützt hat, ist inzwischen Mitglied des Conseil d’Etat, dem höchsten verwaltungsrechtlichen Beratungsgremium der Regierung.

Eltern und Sohn begrüßen sich mit Küsschen. So wie jeden Tag. Der Kontakt ist eng. Ebenso wie mit Tochter Lida, ebenfalls Anwältin, die mit ihren beiden Kindern ganz in der Nähe der elterlichen Wohnung lebt. Die Kinder teilen sich sogar ein Bankkonto mit den Eltern.

Auf Beate Klarsfelds Schreibtisch türmen sich Artikel aus deutschen Zeitungen, Akten und Bücher. Immer wieder klingelt das Telefon. Eine Sekretärin gibt es nicht, gab es auch nie. „Serge, gehst du ran“, ruft Beate Klarsfeld in den Flur. Alle Anfragen, ob schriftlich oder per Telefon, werden persönlich beantwortet, Kopien selbst gemacht, Mailings eigenhändig adressiert.

Die Arbeit hat sich geändert, große Prozesse wie den gegen Klaus Barbie wird es nicht mehr geben. Den „Schlächter von Lyon“ genannten Gestapo-Chef jener Stadt spürte Beate Klarsfeld in Bolivien unter dem Namen Klaus Altmann auf, wo er sich mit Wissen des Bundesnachrichtendienstes aufhielt. Danach dauerte es noch zehn Jahre, bis Barbie nach Frankreich ausgeliefert wurde.

„Einer plus einer plus einer …“

„Seit mindestens 15 Jahren lebt kein Verantwortlicher des Holocausts mehr, den man noch vor Gericht zitieren könnte“, sagt Serge Klarsfeld. Das Paar widmet sich nun ganz dem Sammeln von Erinnerungen. Fotos, Zeichnungen, Briefen – vor allem von Kindern. Über 4500 Fotos von aus Frankreich deportierten Jungen und Mädchen konnten sie aufstöbern und haben sie in mehreren Büchern veröffentlicht, mit Namen, Ort der Verhaftung und Todesort, manchmal Geschichten aus dem kurzen Leben. Auch in der Shoah-Gedenkstätte in Paris sind die Bilder zu sehen. „Wir wollen zeigen, dass nicht sechs Millionen Menschen gestorben sind“, sagt Serge Klarsfeld, sondern einer plus einer plus einer …“

Dieser Arbeit werden die Klarsfelds auch nach dem 18. März wieder nachgehen. Gemeinsam, wie immer. Sie seien wie ein Bäckerehepaar, sagte Serge Klarsfeld einmal, immer im selben Laden. Mit ihm in der Backstube und Beate an der Kasse, ganz vorne.

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