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So sieht kein Sieger aus: Ministerpräsident Markus Söder.

Landtagswahl Bayern

Die bayerische Welt wankt

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Andere feiern, die CSU leckt Wunden: Söder, Seehofer und der Tag der Entscheidung in Bayern.

Es ist 18.24 Uhr, als Markus Söder vor den Kameras im Fraktionssaal der CSU im Münchener Landtag steht. Und – vielleicht überraschend bei diesem schlechten Ergebnis – es gibt kräftigen Applaus. Seine Partei, ruft Söder, habe den klaren Auftrag erhalten, eine stabile Regierung zu bilden: „Diesen Auftrag nehmen wir an.“ Wieder brandet Beifall auf. Es ist wohl auch die Erleichterung darüber, dass es für die CSU nicht noch schlimmer gekommen ist an diesem Abend.

Ein „blaues Auge“ habe man bekommen, mehr aber auch nicht, sagen CSU-Strategen.  

„Kein schönes Ergebnis“ sei es, räumt Söder zwar ein. „Über die Ursachen können wir in den nächsten Tagen viel reden.“ Aber es sei eben nicht völlig leicht gewesen, sich vom Bundestrend abzukoppeln. Und er wiederholt, was er schon oft in den vergangen Wochen gesagt hat: Dass es keinen Rückenwind aus Berlin gegeben habe. Und dass der andauernde Streit in der großen Koalition nicht hilfreich gewesen sei. „Wir müssen jetzt vor allem nach vorne schauen“, rät Söder. Jedenfalls sei es möglich und nötig, eine stabile Regierung zu bilden.

Plötzlich ist da wieder ein Hauch von Zuversicht. Was für ein Kontrast zu dem Moment, als die ersten Balkendiagramme und Tortengrafiken bei den Christsozialen über die Bildschirme flimmern. Plötzlich wird es ganz still bei den CSU-Anhängern im Landtag. Kein Applaus, nur noch Kopfschütteln. Die absolute Mehrheit – sie ist dahin. Man liegt sogar noch einmal deutlich unter dem Desaster-Ergebnis von 2008.

Es müsste ein Moment tiefer Depression für die Christsozialen sein. Eigentlich. Doch Söder macht auf Normalität. Tatsächlich aber wird erst jetzt der Blick auf eine völlig neu sortierte politische Landschaft im Freistaat frei. Es stellt sich die Frage, was das alles bedeutet, für die Regierungsbildung in Bayern und für die Koalition in Berlin, wo die CSU mit am Kabinettstisch sitzt. Und natürlich für ihr Spitzenpersonal.

Quasi im Vorbeigehen antwortet Horst Seehofer auf den Landtagsfluren die Frage, ob er denn nach diesem Ergebnis CSU-Chef und Bundesinnenminister bleiben werde. Kurz zieht er die Augenbrauen hoch, lächelt süffisant. „Ich werde meine Auftrag weiterhin wahrnehmen“, antwortet er dann. Es ist auch eine Kampfansage an diejenigen in der Partei, die es anders sehen, die schon auf seinen Abgang gesetzt hatten. Etwa an Ex-CSU-Chef Erwin Huber, der an diesem Abend im TV-Studio an 2008 erinnert. Und an den Verlust der absoluten Mehrheit, nachdem er gehen musste.

Söder verliert allerdings kein böses Wort über Seehofer. Und Seehofer nicht über Söder. Die beiden langjährigen Kontrahenten treten zwar nicht gemeinsam auf, aber sie haben eine Absprache miteinander, einen Nichtangriffspakt, der sie beide retten soll. „Das Ergebnis ist immerhin so gut, dass niemand zu Verzweiflungstaten aufgelegt ist“, meint ein CSU-Stratege. Die ganz große Konfrontation, der ultimative Machtkampf, mit dem viele gerechnet hatten – das alles scheint abgeblasen zu sein.

Seehofer dankt für den „famosen Einsatz“ im Wahlkampf. „Ganz besonders unserem Spitzenkandidaten und Ministerpräsidenten Markus Söder“, sagt Seehofer. Er sei zwar betrübt über das „nicht-gute“ Ergebnis. „Auf der anderen Seite müssen wir jetzt unsere Verantwortung wahrnehmen“, mahnt Seehofer zur Geschlossenheit. Das scheint die abgesprochene Linie zu sein: Augen zu und durch, zusammenbleiben und am besten nicht gleich Personaldebatten anzetteln, weil dann alles ins Wanken geraten könnte.

Das Beben in Bayern hatte sich angedeutet. Seit Wochen musste sich die CSU darauf einstellen, nach diesem Wahlsonntag erst einmal damit beschäftigt zu sein, Wunden zu lecken und – für sie jahrzehntelang undenkbar – über mögliche Koalitionen nachzudenken. Plötzlich spielt es eine Rolle, wie die Freien Wähler abgeschnitten haben, wie die Grünen, SPD und FDP. Früher haben deren Werte der CSU überhaupt nicht gekümmert.

Bis zuletzt hatte Söder gehofft, doch noch mit einem blauen Auge davon zu kommen. „Ein schwieriges Ergebnis“, sagt Ilse Aigner, die einflussreiche CSU-Chefin von Oberbayern. Ob es denn daran liege, dass das Zusammenspiel zwischen Söder und Seehofer nicht funktioniert habe? „Wir werden auch darüber reden“, entgegnet Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Was genau man sich darunter vorzustellen hat, bleibt offen.

Auffällig: Am Abend verwenden die meisten Christsozialen sehr viel Energie darauf, das Ergebnis schönzureden. Dass es danach aussieht, dass eine bürgerliche Regierung mit den Freien Wählern möglich ist, wird als Erfolg verbucht. Man rühmt sich auch, die AfD klein gehalten zu haben. Und setzt auf eine schnelle Regierungsbildung.

Zigmal hatte Wahlkämpfer Söder in den vergangenen Wochen gesagt, Stabilität werde es im Freistaat nur mit der CSU geben. Er warnte vor „Berliner Verhältnissen“ in Bayern, ließ dabei aber immer offen, was genau darunter zu verstehen ist: Die Kriminalität in der Hauptstadt? Ein Viel-Parteien-Parlament? Langes Hin und Her bei der Regierungsbildung? Oder Dauerstreit am Koalitionstisch? Nun sind zumindest Teile der „Berliner Verhältnisse“ Realität geworden.

Dass die CSU sich über ein Wahlergebnis freut, über das sie noch vor kurzem kreuzunglücklich gewesen wäre, ist das Erstaunliche an diesem Sonntag in München. Doch was sind die wahren Gründe für diesen Wahlausgang? Um diese Fragen zu beantworten, die in den nächsten Stunden und Tagen die CSU in Atem halten werden, lohnt ein Blick zurück: Auf einen Wahlkampf, in dem Söder nicht die Herzen zuflogen, auch wenn er keinen Bierzelt-Termin zwischen Nürnberg und Berchtesgaden ausließ.

Hörte man zuletzt genau hinein in die CSU-Spitze, fanden sich schnell Leute mit Zweifeln an Söders Einschätzung, es eigentlich ganz gut gemacht zu haben. Sie sind der Meinung, dass er sich zwar bemüht, aber auch jede Menge Fehler gemacht habe. Tatsächlich war es eine verkorkste Kampagne.

Ein Wahlkampf, in dem Söder seine Rolle nie gefunden hat. Erst gab er den besonnen-jovialen Landesvater, verteilte milliardenschwere neue Leistungen wie Familien- und Pflegegeld oder bayerische Eigenheimzulage. Im Frühsommer probierte sich Söder als Scharfmacher, erklärte den Flüchtlingsstreit in der Union zum „Endspiel um die Glaubwürdigkeit“. Seit Anfang August war wieder ein anderer Söder zu beobachten. Ein zurückhaltender, einer, der damit leben musste, wie Koalitionsdebatten das Wahlkampf-Finale bestimmten.

Söders Zick-Zack-Kurs hatte viel mit seinem verzögerten Start als Ministerpräsident zu tun: Erst im März war der 51-Jährige ins Chefbüro der Münchener Staatskanzlei eingezogen. Der Grund: CSU-Chef Seehofer wollte sein Amt als Ministerpräsident erst aufgeben, als endgültig klar war, dass die Koalition in Berlin auch zustande kommt und er Bundesinnenminister werden kann.

Söder contra Seehofer, Seehofer contra Söder – das permanente Belauern der beiden Spitzenleute hat die CSU in den vergangenen Wochen und Monaten gelähmt. Mal um Mal beklagte sich Söder halböffentlich und öffentlich über seinen langjährigen Widersacher.

Dass das alles jetzt wieder aufbrechen könnte, daran zweifelte zuletzt kaum jemand in der CSU-Führung. Die Rede ist von geheimen Bündnissen, von Absprachen, von Sündenböcken, von Verantwortung, die für das Wahlergebnis zu tragen sei. Aber nun scheint die Partei erst einmal abzuwarten, ob der neue Burgfriede zwischen Söder und Seehofer hält.

Wenn an diesem Montag in der Parteizentrale der Vorstand zusammenkommt, könnte es zur großen Abrechnung kommen, wurde zuletzt noch vermutet. Zu einem krachenden Aufeinanderprallen der „Münchener“ und der „Berliner“ in der CSU, mit ungewissem Ausgang. Aber inzwischen gibt es auch starke Kräfte, die einen solchen Showdown unbedingt abwenden wollen. Das Wahlergebnis gibt ihnen Rückenwind.

Söder und Seehofer versuchten am Wahlabend jedenfalls nach Kräften, den Unmut zu kanalisieren. Eines wissen die beiden schließlich aus eigener Erfahrung: Die CSU ist eine Partei, die den Erfolg liebt. Aber die Christsozialen können auch brutal mit denjenigen umgehen, die als Schuldige für sein Ausbleiben ausgemacht werden. Da hilft nur, möglichst viele mächtige Verbündete um sich zu scharen. Im Zweifel und vor allem in der Not eben auch den schärfsten Widersacher.

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