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Bataclan-Überlebende: „Das ist Teil unseres Lebens“

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Von: Martin Benninghoff

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„Rückwirkend fühlt sich das alles an, als wären wir dort Tage drin gewesen“: Überlebende erinnern sich zum Prozess-Endes an die Terrornacht von 2015. Foto: Uwe Anspach/dpa.
„Rückwirkend fühlt sich das alles an, als wären wir dort Tage drin gewesen“: Überlebende erinnern sich zum Prozess-Endes an die Terrornacht von 2015. ©  Uwe Anspach/dpa.

Julia Schmitz-Schmitz und ihr Mann überlebten 2015 das Bataclan-Attentat in Paris – jetzt werden die Urteile gegen die Täter erwartet. Wie geht es den Überlebenden damit?

Frau Schmitz-Schmitz, Ihr Mann und Sie sind bei dem Attentat auf das Pariser Bataclan 2015 knapp mit dem Leben davongekommen. Wie geht es Ihnen heute?

Uns geht es gut. Das Attentat war schlimm, aber es hat mit dem Abstand von sieben Jahren den Schrecken verloren. Manchmal denke ich nur ungläubig: Dass mir das passiert ist! Es wirkt eher wie ein Buch, das ich gelesen habe, oder wie ein Film.

Wenn Sie an den Abend bei dem Konzert der „Eagles of Death Metal“ zurückdenken, welches Bild kommt Ihnen sofort in den Sinn?

Wir waren drei Stunden in dem Backstage-Raum verbarrikadiert, während die Attentäter draußen Menschen erschossen haben. Rückwirkend fühlt sich das alles an, als wären wir dort Tage drin gewesen.

In dem Gerichtsverfahren, das nun seinen Abschluss findet, sind Sie Nebenklägerin. Löst die erneute Aufmerksamkeit durch den Prozess etwas in Ihnen aus?

Bei mir auf jeden Fall. Es interessiert mich natürlich, ich lese viel und will auch etwas über die Motive der Täter erfahren. Aber viel ist da nicht herausgekommen.

Empfinden Sie Rachegefühle oder einen Wunsch nach Genugtuung durch harte Urteile?

Nein. Das ist kein Fall, bei dem ich bangen muss, dass die Täter glimpflich davonkommen. Ich gehe davon aus, dass die Täter hart bestraft werden.

Julia Schmit-Schmitz. Foto: Privat.
Julia Schmit-Schmitz. © Privat.

Zur Person

Julia Schmitz-Schmitz, 1984 geboren, lebt mit Mann und Sohn bei Köln. Am Abend des Attentats im November 2015 besuchte das Paar ein Konzert der US-Rockband „Eagles of Death Metal“ in Paris - ein Städtetrip zum Geburtstag ihres Mannes. mben

Wir haben uns zwei Tage nach der Tat und dann immer wieder über die Folgen für Sie unterhalten. Mich hat damals erstaunt, wie stabil und gefasst Sie mit dieser Horrornacht umgegangen sind. Ist es so geblieben?

Glücklicherweise ja, es ist dabei geblieben. Hilfreich war, dass wir uns relativ bald danach in einen längeren Australien-Urlaub verabschiedet hatten. Das war richtig weit weg, wir waren eine Zeitlang sogar im Outback unterwegs. Da hatte ich im Vorfeld Angst, dass da irgendetwas Erlebtes hochkommt. Es ist nicht passiert. Wir waren auch in psychologischer Behandlung. Und die Therapeutin hatte uns Mut zugesprochen, da wir aus ihrer Sicht und nach den Gesprächen gefestigt wirkten.

Das war sicherlich hilfreich, zumal man ja kaum abschätzen kann, ob nicht schon eine schnöde Alltagssituation einen Flashback auslöst ...

... ja, absolut. Aber die Therapeutin hat gesagt, dass es da meist eine Kurve oder Entwicklung gibt.

Kürzlich wurden Sie noch einmal von Therapeut:innen befragt, dieses Mal im Auftrag des französischen Staates. Weshalb?

Die Therapeuten haben uns in zwei- oder dreistündigen Einzelgesprächen richtig durchleuchtet. Sie wollten herausfinden, was das Attentat langfristig mit uns gemacht hat, und haben uns ausgiebig zu unserer Kindheit befragt. Frankreich ist da nach unserer Wahrnehmung total engagiert, was den Opferschutz angeht.

Was ist dabei herausgekommen?

Sie haben sich gewundert, dass wir als Paar noch zusammen sind. Offenbar gibt es viele Paare, die sich danach getrennt haben, weil sich ein Partner ins Schneckenhaus zurückzieht oder etwas anderes durchmacht. Wir hatten eher den Eindruck, dass uns das Bataclan-Attentat näher zusammengeschweißt hat.

Haben Sie weiterhin Kontakte zu anderen Überlebenden?

Ja, wenn auch coronabedingt weniger persönliche als noch vor fünf oder sechs Jahren. Aber die Facebook-Gruppen sind noch immer sehr aktiv.

Mittlerweile sind Sie Mutter, ich vermute, die Konzertbesuche etwas seltener geworden ... hat das Attentat Ihr Sicherheitsgefühl nachhaltig beschädigt?

Allenfalls spezifisch. Klar, eines wird sich wohl nie ändern: Auf Großveranstaltungen, vor allem bei Konzerten, spielt Bataclan immer mit. Das ist Teil unseres Lebens. Aber es lähmt nicht.

Interview: Martin Benninghoff

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