Bataclan

Mit Comics gegen das Terror-Trauma von Paris

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Vier Jahre nach den Pariser Terroranschlägen verarbeitet eine Überlebende des Massakers in der Konzerthalle Bataclan ihre Erlebnisse in einem Comicband.

Wir haben uns schon einmal getroffen, aber wann war das? Vor einem Jahr, vor zwei oder drei?“ Beim Wiedersehen mit Journalisten nach knapp einem Jahr hebt Catherine Bertrand ratlos die Achseln. Zeit, sagt sie, sei für sie heute so relativ, dass sie sie nicht einzuordnen wisse. Manchmal öffne sie den Kühlschrank und stelle fest, dass das Haltbarkeitsdatum vom Joghurt darin längst abgelaufen sei – aber hatte sie ihn nicht gerade erst gekauft? War es vor einem Tag? Vor einer Woche? Einem Monat?

Das Datum, an dem diese neue, chaotische Zeitrechnung begann, hat sich hingegen für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt: der 13. November 2015. Es war der Tag der blutigen Terrorserie in Paris. Drei Mordkommandos töteten parallel vor dem Fußballstadion Stade de France im Vorort Saint-Denis, in Cafés in der Hauptstadt und in der Konzerthalle Bataclan insgesamt 131 Menschen, davon 91 im Bataclan, wo die US-Band „Eagles of Death Metal“ spielte. Unter den 1500 Gästen im ausverkauften Saal befanden sich auch Bertrand und ihr damaliger Freund. Sie erlebten – und überlebten – einen Horror, der ihr Zeitgefühl und noch sehr vieles andere in ihrem Leben völlig umgeworfen hat. „Nichts ist, wie es war“, sagt sie.

Die 39-Jährige sitzt in einem Pariser Café. Sie wirkt entspannt und behält doch die Tür im Blick, um zu sehen, wer kommt und wie sich die Gäste verhalten, ob alles normal ist und keine Gefahr herrscht. „Ich bin paranoid und klaustrophob“, sagt Bertrand. „Meinen Alltag habe ich angepasst, um Angstkrisen zu vermeiden.“ Sie geht wenig aus und nimmt die Pariser Metro nur noch tagsüber, wenn diese weniger überfüllt ist.

Striche gegen den Schmerz

Bertrand ist auch nicht ihr richtiger, sondern ein Künstlername. Früher arbeitete sie als Archivarin in einer Fotoagentur, heute ist sie Illustratorin und Autorin von zwei Comicbüchern. In ihrem ersten Werk „Kolumnen einer Überlebenden“ („Chroniques d’une survivante“) arbeitete sie auf, wie sie mit dem Schmerz zurechtkommt, den sie in Form einer riesigen schwarzen Kugel darstellt. Einer Kugel, die sich am 13. November 2015 in ihr Leben ge- und alles andere verdrängt hat.

Mit einfach gezeichneten Strichen beschreibt sie, was ab jenem Moment passiert ist, an dem sie mit ihrem Ex-Freund den Bataclan betrat. Da ihr Lieblingsplatz im Konzertgraben besetzt war, wählten sie Sitzplätze auf dem Balkon – was ihnen vielleicht das Leben rettete. Denn die drei Mörder schossen zunächst in die Menge vor der Bühne, bis zwei von ihnen ein Stockwerk hinauf stiegen und dort Konzertbesucher terrorisierten. „Ich habe aufgehört, mir die Frage zu stellen, was gewesen wäre, wenn …“, sagt Bertrand heute. „Und ich versuche, die Schuldgefühle loszuwerden: Warum habe ich überlebt und andere nicht?“

Das Konzert begann normal. Als es irgendwann von Schüssen unterbrochen wurde und Menschen zu Boden fielen, glaubte sie immer noch, das gehöre zur Show. „Das Gehirn kam nicht mit. Es konnte nicht akzeptieren, was die Augen sahen.“ Wie gelähmt blieb sie sitzen, bis ihr irgendwann ein Mann zuraunte, sie solle versuchen hier herauszukommen. Doch in der Treppe staute es sich: Während Hunderte Menschen in Panik aus dem Gebäude wollten, drückten andere von der Straße wieder zurück: Denn die Attentäter zielten aus den Fenstern oben auf die Fliehenden unten.

Wie und wann sie und ihr Ex-Freund ins Freie gelangten, weiß Bertrand nicht mehr. Dort rannten sie wie von Sinnen los, weiter, immer weiter, bis sie sich von einem Taxi nach Hause bringen ließen – und die Zeit danach begann.

Jene Zeit zwischen Panik und der Euphorie, überlebt zu haben. Die junge Frau ließ sich psychologisch betreuen und nahm ihre Arbeit bald wieder halbtags auf – doch in ihrem früheren Alltag zu funktionieren, fiel ihr schwer. Für die anderen ging das Leben weiter – sie fand darin ihren Platz nicht mehr. Als ihre Firma schloss, wurde sie arbeitslos und ließ sich zur Illustratorin ausbilden. Ein Glück, sagt sie: „Ich mache endlich, was mir Spaß macht.“ Sie veröffentlichte ihr Buch im Selbstverlag, doch war bald vor lauter Anfragen überfordert. Durch einen „Hilferuf“ auf Twitter fand sie ihren Verlag „Éditions de la Martinière“.

Ihr Freundeskreis besteht inzwischen überwiegend aus Mitgliedern eines Opfervereins. Hier fühlt sie sich verstanden: Manchmal reichen dafür ein Blick, eine Umarmung. Mit ihnen will Bertrand den vierten Jahrestag am 13. November verbringen. Auch den Mann, der sie damals warnte, hat sie über das Netzwerk gefunden. „Ich nenne ihn meinen Helden.“

Keine Rachegedanken

Die französische Justiz hat vor kurzem die Untersuchungen zu der Terrorserie abgeschlossen. Ein Datum für den Prozess steht noch nicht fest. Neben dem einzigen Überlebenden der neun Attentäter, Salah Abdeslam, der in Haft sitzt und zu den Vorwürfen schweigt, sind 13 weitere Mitglieder des verantwortlichen Terrornetzwerks angeklagt.

An sie denke sie nicht, sagt Catherine Bertrand. „Ich möchte keine Rachegedanken. Was mich interessiert, ist die Frage: Wie komme ich da wieder heraus?“ Ganz wird sie das wohl nie. Und doch gewinnt sie all dem Schrecken auch etwas Positives ab: Die neuen Freunde, ihre Bücher, ein anderes Lebensgefühl. „Ich führe heute das Leben, das ich haben möchte. Ich verliere keine Zeit mehr. Es kann so schnell vorbei sein.“

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