Bundesnachrichtendienst

Im Bann der Geheimdienste

  • Norbert Mappes-Niediek
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Der Mord an dem kroatischen Verleger Stjepan Djurekovic wirft auch nach über 30 Jahren noch Fragen auf. Es geht dabei auch um die Rolle eines deutschen Geheimdienstes.

Es hätten ein paar schöne Tage werden sollen: Erst eine kleine Kreuzfahrt entlang der Adriaküste, dann ein Jagdausflug. Jugoslawiens Innenminister hatte seinen deutschen Kollegen Friedrich Zimmermann in sein Wochenendhaus auf der Insel Korcula eingeladen. Endlich sollte in zwangloser Atmosphäre der leidige Streit um die kroatischen Emigranten in Deutschland beigelegt werden. Es wurde nichts daraus. Die beiden Minister saßen gerade zusammen, als eine Nachricht einschlug: Soeben war einer derer, um die es ging, in Deutschland von Unbekannten erschossen worden – am Starnberger See, mitten im Reich der CSU. Der Minister und seine Leute packten sofort ihre Sachen und kehrten nach Deutschland zurück. Für Zimmermanns Gastgeber, seinen Amtskollegen Stane Dolanc, war der Mord ausgerechnet während des Versöhnungstreffens eine böse Panne. Der Slowene war angetreten, die Wirtschaftskriminalität in seinem Land zu bekämpfen, besonders die bei der kroatischen Erdöl-Gesellschaft INA.

Das ging nur zusammen mit der Polizei in Deutschland, seit jeher Bezugs- und Rückzugsland für Kroaten. Aber zwischen Bonn und Belgrad herrschte mal wieder Eiszeit. Die Jugoslawen warfen den Deutschen vor, sie ließen radikale kroatische Emigranten, auch gewaltbereite, frei agieren.

22 Morde an Emigranten

Umgekehrt beschwerten sich die Deutschen darüber, dass der jugoslawische Geheimdienst Udba deutschen Boden offenbar als freies Gefechtsfeld betrachtete. Nicht weniger als 22 Morde an Deutschland-Emigranten wurden zwischen 1970 und 1989 der Jugo-Stasi zugerechnet.
Der Mord von Wolfratshausen am Starnberger See, geschehen am 28. Juli 1983, ist heute wieder Grund für eine zwischenstaatliche Krise. Diesmal stehen sich das inzwischen vergrößerte Deutschland und Jugoslawiens kleiner Nachfolgestaat Kroatien gegenüber. Geändert aber hat sich im Prinzip nichts. Noch immer nutzen Kriminelle aus dem Südosten Deutschland als Rückzugsland und als Geldwäscherei.

Noch immer hakt es zwischen den Behörden und den Diensten: Auf der einen, der deutschen Seite stehen klare Forderungen, manchmal brüsk vorgetragen. Auf der anderen Seite herrscht ein undurchschaubares Dickicht von Loyalitäten: Parallele Machtapparate konkurrieren, die Rechte weiß nicht, was die Linke tut. Die formal Zuständigen haben selten die Macht, die sie haben sollten – und werden in Deutschland mit seinen klaren Hierarchien als Trickser missdeutet.

So war es immer. „Aber so geht es jetzt nicht mehr“, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic, der selbst aus Kroatien stammt und für die Aufklärung des Mordes streitet. „Jetzt ist das Land EU-Mitglied. Das ist auch ein kultureller Bruch.“ Schon seit 2005 bemüht sich die deutsche Justiz, namentlich der Generalbundesanwalt, das Dickicht zu durchdringen. Nicht um stellvertretend für die Kroaten die Vergangenheit zu bewältigen: Die Netzwerke aus jugoslawischer Zeit sind vielmehr noch immer aktiv. Was damals als kommunistische Agententätigkeit galt, ist heute die Durchdringung der Wirtschaft durch das organisierte Verbrechen. Kein Fall macht das so deutlich wie der Mord von Wolfratshausen.

Sieben Schüsse reichen den Mördern nicht

Das Opfer, der damals 57-jährige Stjepan Djurekovic, war Direktor bei der INA gewesen und hatte sich gut ein Jahr vor seinem Tod nach Bayern abgesetzt. Der Konzern mit seinen Ölfeldern war die wichtigste Devisenquelle Jugoslawiens – und damit auch eine Brutstätte der Korruption. Djurekovic selbst hatte in seiner Abteilung, Marketing, kaum Chancen gehabt, sich zu bereichern. Aber er sollte gegen seine einstigen Kollegen aussagen.

Im Zentrum der Ermittlungen stand ein Mann, der bei der INA für den Zukauf von Erdöl aus anderen Ländern zuständig war: Vanja Spiljak. Gemeinsam mit einem Landsmann und Geschäftsfreund in Mailand half Spiljak seinem Land immer dann aus der Patsche, wenn Öl knapp zu werden drohte. „Sie hatten damals immer so fünf, sechs Tanker auf dem Mittelmeer“, sagte später der damalige Polizeichef Kroatiens, der den Deals auf die Schliche kommen wollte. „Wenn ein Mangel drohte, waren sie zur Stelle und verkauften uns Öl zu überhöhten Preisen.“

Bevor er gegen Spiljak aussagen konnte, starb Stjepan Djurekovic in seiner kleinen Druckerei für Emigranten-Traktätchen am Starnberger See: Sieben Pistolenschüsse trafen ihn, und dann schlugen ihm die Täter noch den Schädel ein. Ein Vierteljahrhundert später verurteilte das Oberlandesgericht München den jugoslawischen Spion, der Djurekovics Aufenthaltsort verraten hatte, zu lebenslänglich. Gleichzeitig begannen die deutschen Ermittler nach den Anstiftern des Mordes zu fahnden: vor allem nach Josip Perkovic, der bei der Zagreber Udba damals für die „feindliche Emigration“ zuständig war.

Der Mann allerdings, den die deutsche Justiz für den eigentlichen Auftraggeber hält, ist nicht mehr greifbar; er starb 2007 in Zagreb. Sein Name war Mika Spiljak. Nach Titos Tod 1980 gehörte der Ex-Partisan zu den mächtigsten Männern Jugoslawiens. Vanja Spiljak, sein Sohn, gehört mit seiner Zürcher Ölhandelsgesellschaft Mitan heute zu den reichsten – eine klassische Familiengeschichte.

In Kroatien war von den Zusammenhängen, die deutsche Ermittler herausgefunden haben, bislang kaum die Rede. Detailliert ermittelt hat sie in Zagreb der Journalist Zeljko Peratovic, der den Geheimdienstaktivitäten in seinem Land seit langem auf der Spur ist – so dicht, dass er bald bei keinem Blatt mehr eine Anstellung fand. „Es war bei uns nicht anders als in Rumänien“, resümiert Peratovic seine Recherchen. „Nach Titos Tod hatte niemand mehr eine Strategie, alle schauten nur, wo sie blieben.“ Die Agenten aus den nicht weniger als 17 Geheimdiensten Jugoslawiens schufen sich mit dem Krieg eine neue

Existenzberechtigung – in Serbien ebenso wie in Kroatien

Josip Perkovic, der Mann, der dem Mordkommando die Schlüssel für den Tatort übergab, ist für eine solche Karriere das Paradebeispiel. Der heute 68-Jährige blieb 1990, nach dem Wahlsieg des Dissidenten Franjo Tudjman, als Geheimdienstchef im Amt und übernahm später unter dem neuen Verteidigungsminister Gojko Susak, einem weit rechts stehenden Emigranten, den militärischen Abschirmdienst. Im Krieg der Jahre 1991 bis 1995 kontrollierte Perkovic den illegalen Waffenhandel. Er habe 136 illegale Waffen- und Munitionstransporte organisiert, brüstet er sich heute, „ohne eine einzige Kugel verloren zu haben“.

Seine Rolle im Mord von Wolfratshausen bestreitet Perkovic. Angeordnet und organisiert habe die Tat nicht seine kroatische Udba, sondern die Zentrale des Geheimdienstes in Belgrad, und das auch nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen. Angeblich habe Djurekovic dem eher liberalen Anführer der weltumspannenden Organisation politischer Emigranten aus Kroatien von rechts Konkurrenz machen wollen und sei deshalb getötet worden. Gestern hat ein kroatisches Gericht in zweiter Instanz die Auslieferung von Perkovic an Deutschland verfügt. Das Kreisgericht verwarf damit eine Beschwerde des 68-Jährigen gegen einen ähnlichen Beschluss in erster Instanz. Perkovic-Anwalt Anto Nobilo kündigte eine erneute Beschwerde vor dem Obersten Gericht des Landes an. Danach kann noch das Verfassungsgericht angerufen werden. Das kroatische Parlament hatte kurz vor dem EU-Beitritt ein Gesetz verabschiedet, mit dem Perkovic vor seiner Auslieferung geschützt wird. Brüssel machte Druck, das Gesetz wurde geändert.

Nicht wir waren es, sondern Belgrad, und es ging nicht um Geld, sondern um Ideologie: Das ist bis heute die Formel, wenn in Kroatien die Rede auf die kommunistische Ära kommt. „Die Polen hatten einen polnischen, die Ungarn einen ungarischen Kommunismus“, hat es ein Politiker einmal ausgedrückt, „nur wir Kroaten hatten einen serbischen.“ Kroatien, so die Legende, war pro-demokratisch, kommunistisch waren nur die Serben. Der Krieg der Jahre 1991 bis 1995 war „die serbische Aggression“.

Als die kroatischen Serben 1995 in großen Kolonnen das Land verließen, gab es an Vergangenheit nichts mehr zu bewältigen. In Wirklichkeit, hält Josip Juratovic dagegen, gebe es über den Krieg eben mehrere Wahrheiten. „Eine davon ist, dass die Geheimdienstler den Krieg brauchten.“ Wer sich damals in Kroatien für Verständigung einsetzte, wie der Osijeker Polizeichef Josip Reihl-Kir oder der Gewerkschafter Milan Krivokuca, lebte gefährlich. Die Morde an den beiden sind unaufgeklärt.

Geheimdienstler standen als böse Feen schon an der Wiege des jungen Staates. Wenn Kroatiens Parlamentspräsident in den 90er Jahren Journalisten empfing, dann konnte es passieren, dass er das Fenster seines salonartigen Büros öffnete, ein Kofferradio hineinstellte und die Musik voll aufdrehte. Der Präsident kannte sich aus mit Richtmikrofonen: Als Udba-Agent war Josip Manolic in den 60er Jahren für die politischen Gefangenen des Landes zuständig gewesen. 1971, als Tito den „kroatischen Frühling“ niederschlug, wurde er entmachtet. Ganz weg war Manolic aber nie: Dissidenten aus KP- und Partisanenkreisen wurden in Jugoslawien meistens nicht inhaftiert, außer Landes getrieben oder gar umgebracht.

Sie blieben politische Figuren. Kamen sie aus dem Geheimdienstmilieu, so behielten sie auch ihre Informanten und Netzwerke. 1989 war Manolic gleich wieder voll da: Gemeinsam mit Franjo Tudjman, dem späteren Staatspräsidenten, gründete er die erste Oppositionspartei im damals noch kommunistischen Kroatien und wurde nach deren Wahlsieg im Jahr darauf Ministerpräsident. Josip Boljkovac, einst Chef der Geheimpolizei von Karlovac, wurde sein Innenminister und damit zuständig für die Polizei.

Wer wollte den Krieg?

Manolic und Boljkovac sind heute weit über 90 Jahre alt. Noch könnten sie viel erzählen, wenn sie denn wollten – auch über Deutschland. Als die beiden Geheimdienstler 1971 in Zagreb entmachtet wurden, vollzog sich auch in Bonn gerade ein Umbruch. Tito verstand sich gut mit dem neuen Kanzler Willy Brandt. Dem Bundesnachrichtendienst, der bis dahin eng mit radikalen kroatischen Emigranten gearbeitet hatte, wurde die Szene zu rechts und zu brachial. Neue Partner fanden die Pullacher bei den „Frühlings“-Leuten, neben Manolic und Boljkovac vor allem Stipe Mesic, dem früheren Hoffnungsträger der kroatischen KP.

Nach Tudjmans Tod 1999 gewann Mesic die Wahl und zog in den Palast des Staatsgründers ein. Als „Sicherheitsberater“ heuerte der neue Präsident Perkovic‘ Sohn Sasa an – einen Mann, der zwar familiär gut vernetzt, als Experte aber bis dato nicht aufgefallen war. Der junge Perkovic behielt seinen

Schreibtisch auch noch, als Mesic aus dem Amt schied und seinem Nachfolger Platz machte. Neben dem Regierungschef Zoran Milanovic ist es vor allem der heutige Präsident Ivo Josipovic, der sich gegen die Auslieferung des alten Perkovic an Deutschland stark machte. Welche Rolle der BND bei der

Gründung Kroatiens hatte und vor allem wessen Spiel er gespielt hat, wer den Krieg wollte und wer die friedliche Aufteilung Jugoslawiens – alles das liegt bis heute im Dunkeln.

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