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Abu Bakr Al-Baghdadi, meistgesuchter Terrorist der Welt, zündete am 26. Oktober eine Sprengstoffweste.

Abu Bakr al-Baghdadi

Der übersehene Terrorist

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Die Türkei will nicht gewusst haben, dass der IS-Anführer Al-Baghdadi sich direkt an ihrer Grenze versteckte. Antworten auf viele Fragen bleibt Ankara bisher schuldig.

Als wolle Recep Tayyip Erdogan der Welt beweisen, wie gut sein Sicherheitsapparat arbeitet, brennt der türkische Staatspräsident zurzeit ein Feuerwerk von Razzien gegen Mitglieder der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ab.

Am Freitag verkündete sein Innenminister Süleyman Soylu, dass im türkisch kontrollierten Gebiet Syriens ein „IS-Führungsmitglied“ namens Jusuf Huba festgenommen wurde – der mutmaßliche Drahtzieher der Messerattacke vom Juli 2017 in Hamburg. Bei dem Anschlag tötete ein inzwischen wegen Mordes verurteilter palästinensischer Asylbewerber einen Mann und verletzte fünf Menschen teils schwer. Ein weiterer Aufsehen erregender Fang war der türkischen Polizei vor einer Woche gelungen, als sie 25 Angehörige des früheren IS-Chefs Abu Bakr al-Baghdadi bei einer landesweiten Aktion aufgreifen konnte.

Die Antiterror-Erfolgsserie begann just eine Woche nach dem Tod Al-Baghdadis. Der meistgesuchte Terrorist der Welt wurde am 26. Oktober bei einer Militäraktion von einem US-Spezialkommando in Syrien gestellt und zündete dann eine Sprengstoffweste. „Baghdadi war völlig isoliert“, behauptete US-Präsident Donald Trump Stunden später. Genau daran aber gibt es Zweifel.

Denn der „unsichtbare Scheich“ des IS hatte sich seit mindestens drei Monaten in der letzten Bastion der syrischen Rebellen, der Provinz Idlib, aufgehalten. Sein Versteck in einem Gehöft am Rand des Dorfes Barischa lag im unmittelbaren Einflussbereich der Türkei, fünf Kilometer entfernt von der türkischen Grenze, und damit in einem Gebiet, in dem türkische Soldaten patrouillieren und der türkische Geheimdienst MIT operiert.

Wie konnten die Terrorpaten monatelang unter den Augen Ankaras leben?

Die US-Soldaten stellten Papiere, Laptops und Handys sicher, über deren Inhalt bisher nur wenig bekannt ist. Sie dürften aber dazu geführt haben, dass ein amerikanisches Spezialkommando nur einen Tag später auch Al-Baghdadis Chefpropagandisten Abu Hassan al-Muhajir nahe der syrischen Grenzstadt Dscharablus in einem türkischen Protektorat fand und tötete. Und sie haben vermutlich bewirkt, dass amerikanische Kampfjets am 10. November das mutmaßliche Haus des Nachfolge-Kalifen Ibrahim al-Haschimi al-Kuraischi in der unter türkischer Kontrolle stehenden syrischen Kleinstadt Azaz bombardierten.

Wie also kann es sein, dass die Terrorpaten monatelang unbehelligt direkt unter den Augen Ankaras lebten? Der frühere US-Syriengesandte Brett McGurk fasste das Unbehagen in einem Kommentar für die „Washington Post“ mit dem Satz zusammen: „Die Türkei hat einiges zu erklären.“

Gleichzeitig hefteten sich Journalisten auf die Spuren einer möglichen Kooperation Al-Baghdadis und der türkischen Regierung. Die Libanesin Jenan Moussa, die sich in Libyen und Syrien einen Namen als Kriegsreporterin gemacht hat, veröffentlichte brisante Dokumente aus Al-Baghdadis Rückzugsort, die die Amerikaner womöglich übersehen hatten. Es handelt sich um Rechnungen, aus denen hervorgeht, dass die Bewohner – und damit der IS-Kalif – seit Anfang Februar über WLAN verfügten und das Netz auch noch am Tag vor dem US-Angriff nutzten.

„Warum ist die Entdeckung der Internetverbindung in Baghdadis Anwesen wichtig?“, fragt Jenan Moussa. „Viele nahmen an, dass Al-Baghdadi in völliger Isolation lebte. Aber die Netzverbindung legt nahe, dass er – obwohl er sich versteckte – nicht völlig vom IS isoliert war und bis zum Ende (einige) Fäden zog.“ Der Fund könne eine interessante Lehre für Terror-Analysten darstellen, schreibt die Reporterin. „Einige Terrorverdächtige mögen sich in völlige Isolation begeben. Andere benutzen Kuriere. Aber selbst auf der Flucht bleiben einige noch nah am Internet.“

Die Zeitung „The National“ aus Abu Dhabi berichtet wenig später unter Berufung auf zwei hohe irakische Geheimdienstbeamte, dass Al-Baghdadi tatsächlich auch einen persönlichen Kurier benutzte, um Verbindung mit seiner Organisation zu halten. Al-Baghdadis Bruder Juma war in den Monaten vor dem Tod des Terrorchefs oft ohne Behinderungen durch die Türken zwischen der syrischen Provinz Idlib und Istanbul gependelt. Die Iraker wurden auf ihn aufmerksam, als er von der syrisch-türkischen Grenze in die 16-Millionen-Metropole Istanbul fuhr, welche die IS-Führung offenbar als eine neue Operationsbasis gewählt hatte. Sie beschatteten Juma gemeinsam mit amerikanischen Geheimdiensten, bis er im April von einem Syrien-Aufenthalt nicht zurückkehrte.

„Es gibt keine harten Beweise für die Vorwürfe gegen Ankara, aber in Geheimdienstkreisen weisen viele auf eine passive Haltung des türkischen Sicherheitsapparats gegenüber dem IS hin, die es ihm ermöglicht hat, innerhalb des Landes ausgefeilte Netzwerke aufzubauen“, schreibt die Zeitung. Die Iraker besaßen in Istanbul einen Informanten, der Jumas dortigen Kontaktmann zum IS in der Türkei kannte. „Der Mann übermittelte ihm Nachrichten von ISIS-Kommandeuren im Irak – den Zustand ihrer Streitkräfte, ihr Geld, ihre Logistik und ihre Routen“, so die Agenten. Umgekehrt habe Juma dem Kontaktmann Nachrichten Baghdadis an die IS-Leute in der Türkei übergeben sollen.

Die Geheimdienstler rührten Juma nicht an, weil sie hofften, dass er sie letztlich zum Schlupfwinkel des „IS-Kalifen“ führen würde, so wie US-Agenten 2011 einem Kurier zum Anwesen des Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden im pakistanischen Abbottabad gefolgt waren. Doch Juma entwischte ihnen und tauchte unter. Warum aber hefteten sich nicht auch die Türken an Jumas Fersen?

Hat Ankaras Geheimdienst Al-Baghdadis Bruder nicht bemerkt?

Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, hält es für möglich, dass Ankaras Geheimdienst MIT Al-Baghdadis Bruder schlicht nicht bemerkte. „Für einen Syrer mit guten Ausweispapieren ist die Durchreise durch die Türkei kein großes Problem, auch wenn es sich um tausend Kilometer handelt. Man steigt in einen Überlandbus, und das war’s“, sagt Steinberg. Er gibt auch zu bedenken, dass Geheimdienste nicht selten blinde Flecken haben. „Die Türken mögen über alle Informationen verfügen, aber sie nicht entsprechend verarbeitet haben. Denn sie messen dem IS keine Priorität zu, ihr Augenmerk gilt der verbotenen kurdische Arbeiterpartei PKK und deren kurdisch-syrischem Ableger YPG.“

Die kurdische YPG-Miliz wiederum war der stärkste US-Verbündete im Kampf gegen den IS. Und während der Verdacht besteht, dass die Türkei Hinweise zu Al-Baghdadi ignorierte, bereitete das Pentagon sein Kommandounternehmen mit kurdischer Unterstützung vor. Anschließend bedankte sich US-Präsident Trump zwar bei Erdogan für die „Kooperation“, musste aber zugleich einräumen, dass die Kurden „Informationen lieferten, die sich als hilfreich erwiesen“.

Die US-Hubschrauber für Al-Baghdadi starteten nicht von der nur 120 Kilometer entfernten Nato-Basis Incirlik in der Türkei, sondern kamen aus Erbil im kurdischen Nordirak – mehr als 700 Kilometer entfernt. Die Türkei wurde kurzfristig informiert. Dieses Vorgehen drückt ein tiefes Misstrauen des amerikanischen Militärs gegenüber dem Nato-Partner aus.

Obwohl der türkische Staatschef Erdogan unmittelbar danach erklärte, die Türkei werde „weiter Antiterror-Maßnahmen unterstützen, wie sie dies in der Vergangenheit tat“, wurde Beobachtern schnell klar, dass nicht Hinweise der Türkei, sondern der Kurden und Iraker die Amerikaner auf die Spur des Terrorchefs führten. Laut einem Bericht des britischen „Guardian“ erfuhr der irakische Geheimdienst die Fluchtroute von Al-Baghdadis Kindern, seiner Brüder und deren Familien von einem Schleuser, der sie nach Idlib gebracht hatte. Auch eine von Al-Baghdadis Frauen, die festgenommen und verhört worden war, habe Hinweise zu seinem Standort gegeben, berichtete die „New York Times“. Letztlich habe dann ein „enger Vertrauter“ den IS-Führer verraten, schrieb das Blatt unter Berufung auf hohe US-Beamte.

Unklar ist, ob es sich bei dem Vertrauten um einen kurdischen Spion aus dem engsten Umfeld des „Kalifen“ handelte. Der Sprecher der kurdisch geführten Syrisch-Demokratischen Kräfte, Mustafa Bali, twitterte, dass seine Organisation den USA bereits Mitte Mai konkrete Hinweise auf den IS-Chef geliefert habe. Auch die Türkei habe seinen Fluchtort gekannt, ihn aber offenbar nicht als Bedrohung angesehen, schrieb er.

Die syrischen Kurden haben weitere Informationen enthüllt. Am vergangenen Wochenende publizierte die syrisch-kurdische Nachrichtenagentur ANHA geheime Unterlagen, die eine Korrespondenz zwischen der türkischen Regierung und der IS-Führung im Jahr 2015 belegen und aus Al-Baghdadis Unterschlupf stammen sollen. Aus den in arabischer Sprache verfassten Papieren mit „offiziellem“ IS-Stempel geht hervor, dass der Terrorchef damals mit dem türkischen Geheimdienst verhandelte, um IS-Söldner und so genannte „Sicherheitsbrüder“ des IS durch die Türkei nach Syrien und umgekehrt IS-Kuriere durch die Türkei nach Westeuropa, vor allem nach Deutschland, zu schleusen.

„Das wirkt, als ob Al-Baghdadi und die Türkei eng zusammenarbeiteten“, schreibt ANHA und resümiert: „Die Türkei ist die sicherste Route für IS-Söldner nach Europa und umgekehrt.“ Zwar sind die Angaben mit Vorsicht zu betrachten, weil sie von einer Kriegspartei stammen, ebenso wie eine von den syrischen Kurden am Montag publizierte Liste mit den Namen von 70 IS-Milizionären, die jetzt in Nordsyrien angeblich auf der Seite der Türkei kämpfen. Doch hat die türkische Regierung die Liste bisher nicht dementiert.

Die türkischen Razzien seit dem Tod des „Kalifen“ belegen, wie gut die Sicherheitskräfte die Dschihadistenszene im Land und den drei grenznahen Protektoraten im Blick haben. Und plötzlich macht Erdogan möglich, was jahrelang versäumt wurde.

Was wusste also die Türkei? Warum hat sie nicht eher gehandelt? Wie viel der Nachlässigkeit ist blinder Fleck der Geheimdienste, wie viele Kollaboration mit der weltweit gefährlichsten Terrororganisation? „Große Vorwürfe brauchen große Beweise, und davon sind wir noch weit entfernt“, sagt der außenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Omid Nouripour. „Aber wenn das so wäre, müsste es ernsthafte Konsequenzen haben.“

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