Gedenken vor der Al-Noor-Moschee in Christchurch. Die Polizei ist nie fern. Mark Baker/AP/dpa
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Gedenken vor der Al-Noor-Moschee in Christchurch. Die Polizei ist nie fern. Mark Baker/AP/dpa

Christchurch

51 Bäume für 51 Tote

  • vonBarbara Barkhausen
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Das neuseeländische Christchurch gedenkt der Opfer des Anschlags.

Ein Jahr nach der Attacke auf die Al-Noor-Moschee in Christchurch sind deren gröbsten Spuren verschwunden. Der blutdurchtränkte Teppich in dem Gotteshaus wurde ersetzt. Doch für Überlebende wie Feroze Ditta ist es nach wie vor schwer, über die Schwelle der Moschee zu treten. Am 15. März 2019 hatte er das noch völlig unbekümmert tun können. Heute aber ist ein Großteil seiner Freunde, mit denen er damals zum Freitagsgebet zusammenkam, tot. „Als ich nach diesem Tag zum ersten Mal zurückkam, war es schwer“, sagte Ditta, der selbst von zwei Kugeln in die Wade getroffen wurde, der britischen Zeitung „The Guardian“. „Ich habe viel Mut gebraucht, um aufzustehen und durch diese Türen zu gehen.“

Laut einer Analyse des neuseeländischen Mediums „Stuff“ hinterließen die 51 Toten des Terroranschlags zusammen 34 Ehepartner, 92 Kinder und mehr als 100 Geschwister. Mariam Gul, die in Pakistan lebt, hat ihren Bruder und ihre beiden Eltern in der zweiten Moschee verloren, die der Attentäter, ein rechtsextremer Australier, angriff: „Zuerst war ich sehr traurig – ich habe geweint“, sagte sie. Mut habe ihr nur gemacht, dass laut ihrer Religion jemand, der auf solch eine Weise sterbe, ins Paradies komme. Deswegen hofft sie, dass ihre Familie nun „an einem guten Ort“ sei. Ambreen Naeem, die in Neuseeland lebt, aber ebenfalls aus Pakistan stammt, hat bei der Terrorattacke ihren Mann und ihren ältesten Sohn verloren. „Es ist ein großer Verlust“, sagte sie. Sie versuche aber, so stark wie möglich zu sein und ihren anderen Söhnen in ein normales Leben zurückzuhelfen.

Christchurchs Bürgermeisterin Lianne Dalziel sagte nach dem Anschlag, viele ihrer Mitmenschen könnten kaum fassen, dass so eine Schießerei in ihrer Stadt stattgefunden habe. „Die Auswirkungen der Tragödie waren enorm, vor allem, weil niemand jemals gedacht hätte, dass dies hier passieren würde“, sagte sie. „Wir wurden aus diesem Grund ausgewählt, um national und international Schockwellen auszulösen, weil wir eine sichere Stadt in einem sicheren Land sind.“

Zum ersten Jahrestag des Massakers wollte Christchurch einen nationalen Gedenkgottesdienst für die Opfer in einer Sportarena abhalten, doch die Coronaviruspandemie zwang die Gemeinde zu einer kurzfristigen Absage. Auch eine Entscheidung über ein offizielles Mahnmal ist bisher nicht gefallen. 51 Bäume – jeweils ein Baum für jedes Opfer – sprießen jedoch am Pony Point im Südosten der Stadt. Sie sollen ein Zeichen für die Zukunft setzen. „Wenn Sie einen Samen der Güte und des Mitgefühls säen, wächst er zu 51 Bäumen der Hoffnung und Liebe“, steht dort auf einer kleinen Tafel.

Obwohl all die Gesten gut gemeint sind, fürchten viele in der muslimischen Gemeinschaft die erneute Aufmerksamkeit. „Um ehrlich zu sein, fühlte ich mich nach dem Angriff auf die Moschee mental besser als jetzt“, sagte der Syrer Hisham al Zarzour beispielsweise dem „Guardian“. Direkt nach der Tragödie litt das gesamte Land mit den betroffenen Menschen mit. Premierministerin Jacinda Ardern besuchte die Moschee und die Verletzten, und rief mit Sätzen wie „Sie sind wir“ zu Einheit und Zusammengehörigkeit auf. Wenige Tage nach der Schießerei zog sie zudem Lehren aus dem Attentat und verkündete, dass Neuseeland halbautomatische Waffen verbieten werde.

Obwohl die große Anteilnahme der Bevölkerung und die Reaktion der Regierung den Angehörigen und Überlebenden half, konnten ihre seelischen Wunden nicht völlig heilen. Mustafa Boztas, der am 15. März ebenfalls von einer Kugel ins Bein getroffen wurde, half letztendlich eine Pilgerfahrt mit anderen Überlebenden und Familienangehörigen in die für Muslime heilige Stadt Mekka in Saudi-Arabien.

„Ich habe um körperliches und geistiges Wohlbefinden gebeten“, berichtete er. Inzwischen bete er fünfmal am Tag und konzentriere sich auf sein Leben. Dieses religiöse Wiedererwachen half ihm schließlich, das Trauma zu überwinden. Heute gehe er wieder auf die Straße und ins Fitnessstudio und wenn er an den Tod denke, habe er keine Angst mehr. „Ich war ja bereits dort“, sagte der Student.

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