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FR vom 16. Mai 1970

Baader und seine Befreier spurlos verschwunden

Ehemalige 'konkret'-Kolumnistin Meinhof an Entführung beteiligt / Berlins Zufahrtswege unter Kontrolle

Von unserem Korrespondenten Günther Werz

Trotz einer intensiven Großfahndung und einer vom Westberliner Polizeipräsidenten ausgesetzten Belohnung in Höhe von 10.000 Mark fehlt von dem 27jährigen Frankfurter Kaufhaus-Brandstifter Andreas Baader, von der 36jährigen Hamburger Kolumnistin Ulrike Meinhof und von dem bewaffneten 'Befreiungskommando' noch jede Spur. Sämtliche Kontrollpunkte an den Zufahrtsstraßen von und nach West-Berlin sowie die beiden Flughäfen der Stadt werden scharf bewacht.

An allen Grenzübergängen sind Polizisten mit Maschinenpistolen postiert, die genau die Ausweise der Interzonenreisenden überprüfen. Bisher sind über 20 Hinweise aus der Westberliner Bevölkerung eingegangen. Allerdings gibt es noch keine 'heiße Spur'. Auch die Durchsuchung von rund 20 Kommunewohnungen ist ergebnislos geblieben. Mysteriös ist in diesem Zusammenhang der Aufenthalt des Rechtsanwalts Horst Mahler, der seit Donnerstag mittag spurlos verschwunden sein soll.

Nachdem Rückfragen in seiner Praxis im 'Sozialistischen Anwaltskollektiv' erfolglos geblieben waren (Anwalt Ströbele zur FR: 'Herr Mahler ist krank!'), brachte auch ein Gespräch mit der Ehefrau Mahlers keine Klärung. Frau Mahler sagte auf Anfrage der FR wörtlich: 'Ich habe meinen Mann seit Donnerstag mittag nicht mehr gesehen.'

In der Nacht zum Freitag hat die Politische Polizei in West-Berlin eine umfangreiche Sonderkommission zur Aufklärung des in der deutschen Nachkriegsgeschichte bisher einmaligen Vorgangs' gebildet. Unter Leitung von Kriminaldirektor Alfred Eitner gehören ihr vier leitende Beamte sowie 15 Beamte der Politischen Polizei an. Außerdem wurde ein starkes Aufgebot von Beamten der 'großen Streife', der Fahndung und der Mordkommission zusammengestellt.

Der Zustand des 62jährigen Angestellten des 'Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen', Georg Linke, ist nach ärztlicher Auskunft den 'Umständen entsprechend zufriedenstellend'. Linke war den beiden Justizwachtmeistern zu Hilfe geeilt. Die Befreier Baaders hatten auf ihn geschossen. Mit einem Lebersteckschuß und einem Oberarmdurchschuß war der 62jährige zusammengebrochen.

Nach den bisherigen Ermittlungen der Westberliner Polizei soll die 36jährige Publizistin Ulrike Meinhof die Schlüsselfigur bei der Befreiung Baaders gewesen sein.

Sie hatte in den letzten Wochen den engsten Kontakt zu dem Strafgefangenen und auch als erste gewußt, daß der 27jährige am 6. April dieses Jahres bei einer Verkehrskontrolle durch Zufall der Berliner Polizei ins Netz ging. Andreas Baader hatte keine Zulassungspapiere für das von ihm benutzte Auto. Diese Papiere wurden ihm kurz darauf von Ulrike Meinhof gebracht. Die 36jährige war vor einigen Jahren als Kolumnistin der Hamburger Zeitschrift 'konkret' bekanntgeworden. Sie war früher mit dem Herausgeber der Zeitschrift, Klaus-Rainer Röhl, verheiratet. Zuletzt wohnte die Journalistin in Berlin, wo sie einen Lehrauftrag am Publizistischen Institut der Freien Universität in Dahlem hatte.

Wie in einem Teil der Auflage bereits berichtet, war Ulrike Meinhof als Autorin an dem Buch über Jugendkriminalität beteiligt, das Baader für den Berliner Verleger Dr. Klaus Wagenbach schreiben sollte. Wie der Verleger gestern auf Anfrage der FR erklärte, sollte das Buch den Titel 'Organisation randständiger Jugendlicher' tragen. Baader habe aber bisher keine Seite beim Verlag abgeliefert. Der Vorvertrag für das Buch sei 'durch Kuriere' in die Zelle des Frankfurter Kaufhausbrandstifters gebracht worden. Dieser Vertrag war ausschlaggebend für die Anstaltsleitung, den 27jährigen eine einmalige 'Ausführung' in das Institut zur Literatureinsicht zu erlauben.

FR vom 16. Mai 1970

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