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Ayder-Hospital in Äthiopien: Ein Ort des Horrors

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Von: Johannes Dieterich

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Im äthiopischen Tigray steht ein Krankenhaus wegen des Bürgerkrieges kurz vor dem Kollaps. Es fehlt an Treibstoff für den Generator, Medikamenten und Nahrung für die Kranken.

Tigray – Schon vor einem Jahr war die Universitätsklinik in Mekelle, der Hauptstadt der äthiopischen Bürgerkriegsprovinz Tigray, kein Ort der Heilung, sondern des Horrors. In den Gängen des dreistöckigen Gebäudes lagen Kranke auf Matten, weil die Betten in den Stationen mit Schwerstverletzten belegt waren. Mit der 15-jährigen Beriha, der ein Geschoss das halbe Gesicht mitsamt dem Auge weggerissen hatte. Oder mit der vierjährigen Samrawit, der ein Soldat mit seinem Bajonett das rechte Bein aufgeschnitten hatte. Mussie Tesfay, der damalige Direktor des Ayder-Hospitals, brach in Tränen aus, als er vom Schicksal seiner Patient:innen erzählte.

Inzwischen hat Professor Kibrom Gebreselassie die Klinikleitung übernommen: Ausgebrannt quittierte Mussie schon vor Wochen seinen Dienst. Die Lage in dem 500-Betten-Krankenhaus sei nur noch schlimmer geworden, klagt Chirurg Kibrom über eine Satellitenverbindung: „Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch.“ Seit eineinhalb Jahren habe kein Mitglied der Belegschaft ein Gehalt bezogen. Wegen der Blockade Tigrays durch die äthiopische Zentralregierung ist das Stromnetz zusammengebrochen. Mit mehr als acht Euro pro Liter ist Diesel viel zu teuer, um damit den Generator der Klinik zu betreiben. „Wir bräuchten täglich 2000 Liter, um den Betrieb in vollem Umfang aufrecht zu erhalten“, sagt Kibrom: „Von solchen Summen können wir nicht einmal träumen.“

Ein Flüchtlingscamp für vom Krieg vertriebene Menschen im sudanesischen Gedaref.
Ein Flüchtlingscamp für vom Krieg vertriebene Menschen im sudanesischen Gedaref. © Imago

Bürgerkrieg in Äthiopien: Patienten sterben, weil Medikamente fehlen

Auch Medikamente gibt es im Ayder kaum noch: „Wir sehen tatenlos zu, wie unsere Patienten sterben.“ Ende September seien an einem Tag gleich drei Zuckerkranke gestorben, weil es im Hospital kein Insulin mehr gibt. Im Operationssaal werden höchstens noch Noteingriffe durchgeführt: Kibroms Liste anstehender Operationen ist inzwischen 4000 Einträge lang. Selbst die Dialyse-Station – die einzige in der sechs Millionen Menschen zählenden Provinz – müsse wohl bald geschlossen werden: „Unsere Nierenkranken sterben dann einen langsamen, bitteren und schmerzhaften Tod“, sagt der Chirurg.

Seit fast zwei Jahren tobt in Tigray der Bürgerkrieg. Genauso lange ist die Provinz von der Außenwelt abgeschnitten. Im März hatte Addis Abeba die Blockade etwas gelockert. Doch Ende August brachen zwischen den Truppen der Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) und den äthiopischen Regierungssoldaten sowie den aus Eritrea einmarschierenden Streitkräften wieder heftige Kämpfe aus. Seitdem ist die Provinz erneut hermetisch abgeschnitten: Neben dem Stromnetz funktioniert auch das Mobilfunknetz nicht, die Banken sind geschlossen und die Tankstellen trocken, nicht einmal die Konvois des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) kommen mehr durch.

Dabei sind mehr als 90 Prozent der Bevölkerung auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, weiß man beim WFP in Addis Abeba: Ist bald auch das letzte Lager des Hilfswerks in Tigray leer, sei das Desaster perfekt. In der äthiopischen Bürgerkriegsprovinz seien mehr Soldaten als in der Ukraine unterwegs, sagt ein westlicher Diplomat: „Und trotzdem redet keiner darüber. Es ist verrückt.“

Bürgerkrieg in Äthiopien: Krankenhäuser können Patienten nicht mehr mit Lebensmitteln versorgen

Im Ayder-Hospital kämen unterdessen immer mehr ausgehungerte Mütter mit ihren Kindern an, fährt Kibrom fort. Dabei habe die Klinik schon jetzt Mühe, ihre mehr als 600 Patient:innen zu versorgen. Früher habe es noch drei Mahlzeiten am Tag gegeben, inzwischen nur noch zwei, erzählt der Klinikchef: „Und es gibt immer dasselbe.“ Viele Beschäftigte seien dazu übergegangen, von zu Hause etwas Nahrhaftes mitzubringen – dabei hungerten auch schon ihre Familien.

Kürzlich sei das Kind einer Krankenpflegerin mit akuten Mangelerscheinungen eingeliefert worden. „Kaum einer, der zu uns kommt, ist ausreichend ernährt“, sagt Kibrom. Wie es im Rest der Provinz aussieht, weiß der Klinikchef nicht: „Wir haben ja keine Telefonverbindungen mehr.“ Auch der Verkehr sei wegen der astronomischen Benzinpreise zusammen gebrochen, selbst Ambulanzen verkehrten nicht mehr.

Kriegsverletzte bekommt Klinikdirektor Kibrom kaum zu Gesicht: Sie sterben noch auf dem Feld oder werden von der TPLF-Armee notdürftig versorgt. Derzeit toben die Kämpfe mit den eritreischen Invasionstruppen im Norden der Provinz besonders heftig. Über die Zahl der Opfer ist nichts bekannt. Überraschend sollten an diesem Wochenende eigentlich Friedensgespräche in Südafrika beginnen. Doch der Termin musste gleich wieder verschoben werden, weil nicht klar war, wie die Delegation aus dem blockierten Tigray ans Kap der Guten Hoffnung kommen sollte. (Johannes Dieterich)

Bis September hatte es eine Waffenruhe gegeben. Diese endete jedoch wieder und es folgten wieder schwere Kämpfe in Äthiopien.

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