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Niedersachsen: Autos, Windräder und Atommüll-Demos

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Von: Tatjana Coerschulte

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Schacht matt: Das stillgelegte Bergwerk Schacht Konrad ist nun Endlager für AKW-Abfälle.
Schacht matt: Das stillgelegte Bergwerk Schacht Konrad ist nun Endlager für AKW-Abfälle. © Norbert Neetz/Imago

Das Bundesland Niedersachsen in Deutschland: Ein künstliches Gebilde, das aber heute eine eigene Identität geschaffen hat.

Hannover/Frankfurt – Das erste Mal ist für zugezogene Menschen unvergesslich, am besten in einem Festzelt, wenn Hunderte Kehlen schmettern: „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen!“ Das Niedersachsenlied ist älter das Bundesland, etliche Versuche gab es, den markigen Text gefälliger zu fassen – keiner setzte sich durch. Für die allermeisten, die in Niedersachsen leben, bedeutet das brausende Volkslied auch heute Heimat.

Dieses Gemeinschaftsgefühl ist ein Erfolg. Denn das Bundesland Niedersachsen, in dem an diesem Sonntag (9. Oktober) der Landtag gewählt wird, ist mit 48.000 Quadratkilometern Fläche das zweitgrößte nach Bayern und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus politisch, kulturell und religiös unterschiedlichen Landschaften zusammengefügt – ein künstliches Gebilde, das von den Ostfriesischen Inseln über die alte Grafschaft Oldenburg und die preußische Provinz Hannover bis zur Universitätsstadt Göttingen und dem katholischen Eichsfeld reichte. Hinzu kamen nach 1945 Millionen Menschen aus den Gebieten östlich der Oder; Niedersachsen hatte die längste Grenze zur Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR.

Bundesland Niedersachsen: Conti, TUI und VW – Der Großraum Hannover ist wirtschaftlich geprägt

Den Landschaften entspricht die heterogene wirtschaftliche Prägung. Die Kreise Oldenburg und Vechta etwa finden sich in Zukunftsrankings regelmäßig oben. Dort wird im großen Stil Gemüse angebaut und verarbeitet, Geflügel gezüchtet und werden Schweine gemästet. Der Nordwesten profitiert zudem von der Nähe zu den Ballungsräumen Bremen und Hamburg, in die viele zur Arbeit einpendeln.

Der wirtschaftliche Schwerpunkt Niedersachsens ist aber der Großraum der Landeshauptstadt Hannover, mit Flughafen und Messegelände, dem Autozulieferer Continental und dem Touristikriesen TUI – und der Nähe zum Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg sowie zu Salzgitter, dem Sitz des Stahlkonzerns Salzgitter AG.

Niedersachsen – Fast die gesamte Erdgasförderung Deutschlands

Am Automobilkonzern Volkswagen hält das Land Niedersachsen 20 Prozent der Anteile, weswegen der Ministerpräsident (es waren bisher ausschließlich Männer) automatisch im Aufsichtsrat des Automobilkonzerns sitzt und das Bundesland zum Beispiel kürzlich von Porsches Börsengang profitierte. Mit Küste, Heide und Harz ist außerdem der Tourismus ein wichtiger Faktor.

In der Energiewirtschaft spricht Niedersachsen ein entscheidendes Wort mit: Fast die gesamte Erdgasförderung Deutschlands entfällt auf den Nordwesten sowie mehr als ein Drittel der Erdölförderung. Gut jedes fünfte deutsche Windrad dreht sich in Niedersachsen, vor allem vor und an der Küste. In Wilhelmshaven und Stade werden derzeit Terminals für das Flüssiggas LNG gebaut,

Porträt Bundesland Niedersachsen: Universitätsstadt Göttingen

Für die Wissenschaft ist der Süden bedeutend: Die Universitätsstadt Göttingen rühmt sich, deutlich mehr als 40 Nobelpreisträger – darunter eine Preisträgerin – hervorgebracht zu haben. In der Stadt mit rund 125.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind außerdem vier Max-Planck-Institute ansässig. Im Fernen Osten mindestens ebenso bekannt ist ein kleinerer Hochschulstandort im Harz: An die TU Clausthal-Zellerfeld kommen viele junge Menschen aus China, um Bergbau, Geowissenschaften sowie Erdöl- und Erdgastechnik zu studieren.

Jahrzehntelang war Niedersachsen Schauplatz einer erbitterten Auseinandersetzung über die Nutzung von Atomkraft. Im Jahr 1977 brachte CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht, Vater von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, den Kreis Lüchow-Dannenberg an der Grenze zur DDR als Standort für ein Atommüllendlager und eine Wiederaufbereitung ins Spiel.

Niedersachsen – Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel stellte die SPD des Bundeslandes

Es folgten große, langandauernde Proteste: die Besetzung von Waldarealen rund um Gorleben und deren Räumung sowie alljährliche Demos und Blockaden mit an Gleisen festgeketteten Demonstrierenden während der Transporte von Atommüll. Das oberirdische Zwischenlager in Gorleben ist seit 1995 in Betrieb. Der unterirdische Salzstock dagegen wurde im Jahr 2020 endgültig als ungeeignet für ein Endlager befunden.

Für eine gewisse Ausstrahlung sorgte auch das Personal der niedersächsischen Landesregierung: Mit Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel stellte die SPD zwei Ministerpräsidenten, die später Bundeskanzler und Vizekanzler wurden. Der Osnabrücker Christian Wulff wurde der Bundespräsident mit der kürzesten Amtszeit.

Bundesland Niedersachsen: von der Leyen, Schröder, Wulff und Maschmeyer

Der Christdemokrat Wulff hatte drei Anläufe unternommen, um Ministerpräsident von Niedersachsen zu werden. Als er es bei der Wahl 2003 schaffte, berief er die Ärztin Ursula von der Leyen zur Familienministerin des Landes. Sie wechselte 2005 als Bundesfamilienministerin nach Berlin, Wulff selbst fünf Jahre später.

In den 2000er Jahren formte sich in Hannover ein Geflecht von Personen, ein Netzwerk quer durch verschiedene Branchen und Themen: Regelmäßig waren Wulff und seine zweite Frau Bettina, die Chefs von Fußballbundesligist Hannover 96, VW-Manager, der schillernde Unternehmer Carsten Maschmeyer, Gerhard Schröder bis hin zu den Musikern der „Scorpions“ bei Festen und Veranstaltungen zu sehen, Glamourbilder inklusive. (Tatjana Coerschulte)

Am 9. Oktober entscheidet sich bei der Niedersachsen-Wahl, ob Stephan Weil (SPD) Ministerpräsident bleibt.

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