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Dominic Cummings vor der berühmten Tür in der Londoner Downing Street.

Brexit

Dominic Cummings: Autoritärer Drahtzieher

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Dominic Cummings, ehemaliger Chef der „Leave“-Kampagne, ist der engste Berater des britischen Premier Boris Johnson – ein Porträt.

Manche würden behaupten, Dominic Cummings habe es geschafft. Vor einigen Monaten wurde er in einem TV-Drama von dem Filmstar Benedict Cumberbatch verkörpert. Es ging um die erfolgreiche Pro-Brexit-Kampagne vor dem schicksalshaften EU-Referendum. Titel: „Brexit: The Uncivil War“, was so viel heißt wie „Der barbarische Krieg“. Cummings war damals der Mastermind hinter den Kulissen.

Nun meinen viele, es herrsche wieder so etwas wie Krieg im Königreich. Die tief gespaltene konservative Partei zerfleischt sich über den richtigen Brexit-Kurs, im Parlament streiten sie erbittert über einen Weg aus der Sackgasse. Und im Hintergrund steht abermals Dominic Cummings. Premierminister Boris Johnson hat ihn als Chefstrategen in die Downing Street geholt.

Beobachter werden nicht müde zu betonen, dass der autoritär anmutende Stil von Johnson die Handschrift seines engsten Beraters trägt. Eine Karikatur der Zeitung „The Times“ spielte ebenfalls auf den eigentlichen Strippenzieher an. Cummings, der schmächtige Mann mit der Glatze, trägt eine Hundebox durch die schwarze Tür der Downing Street Nummer zehn, darin liegt ein erschöpfter, eingeschüchtert wirkender Boris Johnson. Der Premierminister als Schoßhündchen von Cummings.

Der ehemalige Premierminister David Cameron bezeichnete ihn einmal als „Berufspsychopathen“. Andere nennen ihn genial, wieder andere besessen. „Monster oder Guru?“, fragte der „Guardian“ kürzlich. Ohne Zweifel führte Cummings die „Vote-Leave“-Kampagne vor dem EU-Referendum 2016 zum Erfolg, indem er sich nicht von Umfragen leiten ließ, sondern Wählerforschungsgruppen analysierte. Gegen alle Prognosen schafften es die Anti-Europäer, die Mehrheit der Wähler vom EU-Austritt zu überzeugen – mit prägnanten Slogans und einfachen Botschaften. Cummings hat den Siegerspruch „Take back control“ erfunden, triumphiert – und sich dann zurückgezogen. Drei Jahre lang blieb der heute 47-Jährige, der in Oxford klassische und zeitgenössische Geschichte studiert hat, zu Hause, kümmerte sich um seinen Sohn und schrieb komplexe, etwas wirre Texte für sein Blog.

Erst mit Johnsons Übernahme der Regierungsgeschäfte kehrte der öffentlichkeitsscheue Brite in den Politbetrieb zurück. Dort präsentiert er sich als Sonderling, analysiert wie schon vor dem Referendum am liebsten das Verhalten der Wähler, deren Sorgen und Wünsche. Dabei muss er erkannt haben, dass die Briten genug von dem Gezeter und Gezerre um den Brexit haben. Suspendierte Johnson deshalb kurzerhand das Parlament und blies zum Angriff? So interpretieren es zumindest jene, die Cummings gut kennen.

Die berühmte Phrase, die Kontrolle zurückzugewinnen, will der EU-Skeptiker nun als Chefstratege umsetzen, sowohl mit einem kaltschnäuzigen Brexit-Kurs als auch intern im Regierungsbetrieb. Bereits mehrere Mitarbeiter wurden entlassen, zuletzt eine Beraterin von Schatzkanzler Sajid Javid wegen angeblicher Kontakte zu Johnsons Gegnern. Um seine Macht zu demonstrieren, ließ Cummings sie von einem bewaffneten Polizisten abführen. Die „schonungslose“ Kabinettsumbildung im Juli, die von der Presse als „Gemetzel“ betitelt wurde, gehört zu den brutalsten der letzten Jahre. Und auch der Fraktionsrauswurf der 21 Abgeordneten, die vergangene Woche gegen die Regierung votiert hatten, dürfte auf sein Konto gehen. Die konservative Partei sei übernommen worden „von einem klamaukigen Menschen, der eine bizarre Brechstangen-Philosophie hat“, kritisierte Ken Clarke, der dienstälteste Parlamentarier und einer der Abweichler.

Meistens erscheint Cummings in Jeans, Turnschuhen, T-Shirt und Steppjacke zur Arbeit, wenn schon Hemd, dann mit Flecken. Er kann es sich leisten. Noch. Denn ob wirklich ein „brillanter Plan“ hinter Johnsons Vorgehen steckt, wird sich erst zeigen müssen. So soll Cummings kürzlich hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, dass das Königreich nur zum Schein weiterhin mit der EU über einen Deal verhandle. Eine Aussage, die von der britischen Regierung umgehend dementiert wurde. Was wiederum als das sicherste Zeichen dafür gilt, dass seine Worte tatsächlich so gefallen sind.

Rudd tritt zurück

Weiterer Rückschlag für den britischen Premierminister Boris Johnson: Aus Protest gegen seine Brexit-Politik reichte Arbeitsministerin Amber Rudd am Samstagabend ihren Rücktritt ein und trat zugleich aus der Konservativen Partei aus. Nachfolgerin von Rudd wird Umweltministerin Therese Coffey. Rudd sagte, es gebe keine Anzeichen dafür, dass Johnson etwas andere vorhabe als den No-Deal-Austritt.

Die nächste Niederlage droht Johnson am heutigen Montag, wenn er im Parlament erneut über die von ihm für den 15. Oktober angestrebten Neuwahlen abstimmen lassen will.  

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