Von Autonomisten und Sowjetmenschen

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Nationalistische Clanführer errangen in Tschetschenien die Oberhand über moskautreue Gruppen

Den ersten Krieg hatte Tschetscheniens Unabhängigkeitsbewegung praktisch gewonnen. General Alexander Lebed handelte für Präsident Boris Jelzin 1996 einen Vertrag mit dem gewählten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow aus, der zunächst Waffenruhe bedeutete. Damit war, wie Jelzin sagte, "ein Krieg von vierhundert Jahren" endgültig beendet. Doch ein offener Krieg mit klaren Fronten war es selten, außer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Imam Schamil zum ersten Mal die Bergvölker vereinte und sich auf das gemeinsame islamische Erbe berief. Er hatte Vorläufer, doch kein anderer ist bis heute Volksheld. Seit seiner Niederlage im Jahre 1859 ist Tschetschenien Teil Russlands.

Während des Zweiten Weltkriegs, im Jahre 1943, ließ Diktator Josef Stalin das gesamte Volk der Tschetschenen zur Strafe für anhaltenden passiven Widerstand nach Zentralasien deportieren. Über ein Viertel der Verbannten überlebten den Abtransport nicht. Die Überlebenden entwickelten ein stammesübergreifendes Nationalbewusstsein und erreichten 1955 das Recht zur Rückkehr in den Kaukasus.

In den folgenden Jahrzehnten bildete sich eine ziemlich große Schicht in die Sowjetgesellschaft integrierter Intellektueller und Offiziere heraus. Daraus gingen beim Zerfall der Sowjetunion 1990/91 zwei Gruppen hervor: Gegenüber Russland loyale "Sowjetmenschen" und Autonomisten, die das erdölreiche, aber auch unterentwickelte Tschetschenien zur Eigenstaatlichkeit führen wollten. Der charismatische General Dschochar Dudajew war ihr erster Führer und Präsident. Seine Anhänger übernahmen die regionale Macht, strebten aber nicht nach voller Unabhängigkeit, sondern nach Selbstbestimmung im Rahmen Russlands.

Dudajew erwies sich in Verwaltungs- und Aufbaufragen als inkompetent. Das stärkte nationalistische und gewaltbereite Clanführer wie Schamil Bassajew, die die völlige Abtrennung von Russland wollten und zu Warlords wurden. Als nach einer Generals-Laune die russische Armee am Neujahrstag 1995 in die Hauptstadt Grosny eindrang, leisteten die Warlords den nachhaltigsten Widerstand. Sie erhielten Zulauf, je länger der Krieg dauerte und je mehr die russische Armee zu Vernichtungs- und Terroraktionen überging.

Dudajew kam am 21. April 1996 bei einem Raketenangriff um. Sein gewählter Nachfolger Aslan Maschadow schloss den erwähnten Vertrag mit Lebed ab und konnte im Mai 1997 mit Jelzin zu einem weiteren Grundlagenvertrag kommen, der Züge eines Abkommens zwischen zwei unabhängigen Staaten aufweist. Die innere Unabhängigkeit zu festigen gelang Maschadow nicht. Die Zerstörung der Wirtschaft und der Infrastruktur ließ die Bevölkerung verarmen. Kriminelle Banden kamen auf, die sich aus Menschenraub finanzierten und Anschluss an radikale Warlords fanden. Perspektivlose Jugendliche schlossen sich den Kriegsherren an. Von denen gerieten viele unter Einfluss islamistischer Ideen, die dem tschetschenischen Volksislam zwar fremd sind, aber dem bewaffneten Widerstand eine ideologische Rechtfertigung gaben. In diesem Milieu traten Afghanistan-Veteranen in Erscheinung, die seit 1979 gegen die Sowjetunion gekämpft und ihre Ideologie aus denselben Quellen wie die späteren Taliban bezogen hatten.

Maschadow hatte diese Kräfte nie unter Kontrolle. Als sie, geführt durch Bassajew und den arabischen Islamisten Ibn ul-Chattab, ins benachbarte Dagestan eindrangen, war das für Präsident Jelzin am Ende seines letzten chaotischen Amtsjahres der Kriegsgrund. Diesen Krieg führt Wladimir Putin seit 1999 als Regierungschef und seit 2000 als Präsident. Verhandlungen mit Maschadow, der sich stets dazu bereit erklärt hat, schließt er seit Oktober vorigen Jahres völlig aus.

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